22.06.2021

„Pandemie kann Chance für grüne Mobilität sein”

Emissionen durch die Mobilität von Personen und den Transport von Waren belasten das Klima und die Gesundheit. Durch die Auswirkungen der Pandemie sind die Werte 2020 zwischenzeitlich gesunken. Ohne eine umfassende Strategie werde diese Linderung aber kurzfristig bleiben, sagt Klimaexpertin Andrea Steiner von der ÖAW.

2020 gab es einen Boom bei den Fahrradverkäufen. Die Nutzung ist vielerorts auch nach den ersten Lockdowns höher geblieben. © Unsplash/Markus Spiske

Eine der guten Nachrichten im Jahr 2020 war, dass sich die Luftqualität zumindest kurzfristig vielerorts deutlich verbessert hat. “Während des ersten Lockdowns im Frühjahr ist die Emission von Stickoxiden im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 50 Prozent und von CO2 um 10 bis 20 Prozent zurückgegangen, weil Industrie und Verkehr Einschränkungen unterworfen waren. Auch bei Feinstaub gab es einen Rückgang von etwa 20 Prozent europaweit. Bei den folgenden Lockdowns war der Effekt dann allerdings deutlich geringer”, sagt Andrea Steiner, die Klimaexpertin an der Universität Graz und bei der Kommission für Klima und Luftqualität der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist. Eine Studie im Fachblatt „Nature“ zeigt, dass weltweit der Rückgang von CO2-Emissionen im Jahr 2020 bei rund 7 Prozent lag.

Aber: “Die Auswirkungen bleiben räumlich und zeitlich beschränkt. Gerade bei den bodennahen Stickoxiden steigen die Werte unserer Messstationen auf übliche Werte, sobald wieder mehr Autos fahren und Firmen produzieren. Auf die Gesamtmenge der Treibhausgase in der Luft wirken sich die pandemiebedingten Emissionsrückgänge kaum aus, weil gerade CO2 eine lange Verweildauer hat. Deshalb wurde im Mai 2020 trotz der Pandemie ein Rekordwert für Kohlendioxid in der Atmosphäre gemessen, mit 417 ppm (Teilchen pro Million, Anm.)”, sagt Steiner.

Fahrradboom macht Hoffnung

Um langfristige Erfolge im Kampf gegen die Klimaerwärmung zu erzielen, müssen die Emissionen daher dauerhaft und stark gesenkt werden. “Wir haben gesehen, dass es 2020 einen Boom bei den Fahrradverkäufen in einigen Ländern gegeben hat. Die Nutzung ist auch nach den ersten Lockdowns höher geblieben, wie beispielsweise eine Studie für die Schweiz zeigt”, erzählt Steiner.

Solche Verhaltensänderungen könnten eine Keimzelle für nachhaltige Veränderungen werden. “Die Pandemie kann eine Chance für grüne Mobilität sein. Dazu braucht es aber ein Gesamtpaket für Personenmobilität und Warentransport, samt grüner Energie und Umstrukturierung des Mobilitätsangebots. Derartige Investitionen könnten zudem helfen, die wirtschaftliche Krise zu bewältigen”, hofft Steiner. 

Neben der Eindämmung der Klimaerwärmung hätte eine Senkung der Emissionen vor allem auch auf die Gesundheit der Menschen positive Auswirkungen. “Europaweit verzeichnen wir durch Luftverschmutzung jedes Jahr 400.000 vorzeitige Todesfälle. Bessere Luft heißt weniger Todesfälle”, erklärt Steiner. Ob sich auch die kurzfristigen Rückgänge der Luftbelastung durch die Pandemie auf die Todesfälle auswirken, muss erst noch genauer untersucht werden. Die entsprechenden Daten sind derzeit noch nicht ausreichend vorhanden. 

Keine Billigflüge mehr?

Vor allem im Bereich Verkehr wuchsen die Emissionen vor der Pandemie ständig weiter an. “Eine dauerhafte teilweise Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Home-Office könnte eine Verkehrsreduktion bewirken. Auch E-Autos können ihren Teil beitragen, sofern der Strom grün ist”, so Steiner. Wenn sich die Menschen längerfristig an die virtuellen Konferenzen und Meetings aus den Lockdowns gewöhnen, könnte das auch die Notwendigkeit für Flugreisen verringern.

“Hier muss aus meiner Sicht zudem der CO2-Ausstoß in die Flugtickets eingepreist werden. Wenn wir die Emissionen reduzieren wollen, dürfen Billigflüge nach Ende der Reisebeschränkungen nicht zurückkommen”, sagt Steiner. Der Wirtschaft werden durch die Krise unter Umständen aber andere Prioritäten aufgezwungen. “Ein Versuch, einfach wieder schnell wie vorher hochzufahren, ist nicht im Sinne des Klimas. Deshalb müssen jetzt gleichzeitig Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen gesetzt werden, zur Erreichung der Klimaziele und einer innovativen klimarobusten Wirtschaft der Zukunft. Wir haben nicht mehr viel Zeit und sollten diese Chance nutzen”, so Steiner.

 

AUF EINEN BLICK

Andrea Steiner ist Professorin für Klimaanalyse an der Universität Graz und Direktorin des Wegener Center for Climate and Global Change. Sie ist zudem stellvertretende Obfrau der Kommission für Klima und Luftqualität der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.