11.10.2021

Österreichisch-slowenisches Geschichtsbuch entsteht

Einen neuen Blick auf die österreichisch-slowenische Geschichte wirft ein gemeinsames Buchprojekt von Historiker/innen der Akademien beider Länder.

Das Landhaus in Laibach, bis 1918 Sitz des Krainer Landtages ist heute ein Gebäude der Universität von Ljubljana. © Wikimedia Commons

Geschichte wird häufig als national eingegrenztes Narrativ geschrieben. Das kann den Blick auf ein größeres Ganzes verstellen. Doch wie lassen sich historische Erzählungen aus nationaler Perspektive zu einem gemeinsamen Geschichtsbild mehrerer Länder zusammenfügen? Welche Schnittmengen gibt es, aus denen ein verbindendes Narrativ entstehen könnte? Und wo sind die Geschichtsbücher, die die Geschichte zweier Nachbarländer aus beiderseitigem Blickwinkel erforschen?

Tatsächlich müssen diese vielerorts erst geschrieben werden. Ein neues Buchprojekt widmet sich daher jetzt der österreichisch-slowenischen Geschichte. Entstehen soll in den nächsten vier Jahren ein gemeinsames Geschichtsbuch, das sich dem Verhältnis der beiden Nachbarländer vom Mittelalter über insbesondere das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart annimmt. Historiker/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), darunter Oliver Jens Schmitt, Christina Lutter und Arnold Suppan, sind dazu Anfang Oktober in Ljubljana/Laibach mit Kolleg/innen der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SAZU), mit Präsident Peter Štih, Andrej Rahten und Peter Vodopivec zu einem ersten Arbeitstreffen zusammengekommen.

Jahrhundertelang denselben Raum geteilt

„Die Geschichte, die wir schreiben möchten, ist die Geschichte der Menschen, die sich vielleicht am ehesten durch die Sprache unterscheiden und deren Leben erst im modernen Zeitalter im Rahmen von zwei nationalen Gemeinschaften verlief“, schreiben die Wissenschaftler/innen in ihrer Einleitung zum Buchprojekt. Und weiter: „Zugleich aber teilten sie jahrhundertelang denselben Raum, in dem sie nicht nur nebeneinander, sondern zum Teil sehr eng auch miteinander lebten, seit dem Jahre 1918 zwar in zwei getrennten Staaten, aber noch immer in naher Nachbarschaft.“

Die Beziehungsgeschichte Österreichs und Sloweniens war über viele Jahrhunderte von zahlreichen Veränderungen geprägt. So befand sich das Territorium beider Staaten seit dem Spätmittelalter und bis 1918 auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie, dessen westlicher Teil ab 1915 „Österreich“ hieß. Während Österreich in seinen heutigen Grenzen seit 1918 besteht, existiert Slowenien als souveräner Staat seit 1991.

Die Perspektiven beider Länder vereint

Bei dem Buchprojekt soll es aber nicht um eine Gegenüberstellung von zwei verschiedenen Ländergeschichten gehen, sondern um eine Geschichtsschreibung eines eng verflochtenen Raumes. Das Besondere: Jedes Kapitel wird bilateral erarbeitet und in deutscher und slowenischer Sprache veröffentlicht. Es wird also von zumindest einem/einer österreichischen und einem/einer slowenischen Historiker/in gemeinsam verfasst. Denn: Für beide Akademien stand fest, dass ein gemeinsames Geschichtsbuch nicht nur multiperspektivisch verfasst sein soll, sondern, dass über den gesamten Inhalt Konsens erzielt wird.

Die Hauptkapitel widmen sich der Zeit vom Mittelalter bis zur Neuzeit, beinhalten u.a. Absolutismus und Aufklärung, den Zerfall der gemeinsamen Monarchie, das jugoslawische Königreich und die erste österreichische Republik sowie die Zeit unter NS-Herrschaft. Gemeinsam beschrieben wird die Geschichte Sloweniens und Österreichs während des Kalten Krieges, die Unabhängigkeit Sloweniens, wie auch die gemeinsamen Erfahrungen in der Europäischen Union.

Inhaltlich werden wirtschaftliche Aspekte genauso behandelt wie gesellschaftspolitische. Auch Querschnittsthemen wie Umweltgeschichte, Geschichte der Seuchen, Alltagsgeschichte, Agrargeschichte und Kulturgeschichte sollen in bilateraler Zusammenarbeit beleuchtet werden.

Ein Beispiel für einen erfolgsversprechenden Weg in der gemeinsamen Aufarbeitung der Geschichte zweier Nachbarländer gibt es bereits: Unter dem Titel „Nachbarn. Ein österreich-tschechisches Geschichtsbuch“ ist 2019 ein Sammelband erschienen, der in 12 Beiträgen österreichischer und tschechischer Historiker/innen das Verhältnis der beiden Nachbarländer untersucht. Entstanden ist es aus einer Zusammenarbeit der ÖAW mit der Tschechischen Akademie der Wissenschaften.