05.11.2019

ÖAW gratuliert Eric Kandel

Der Nobelpreisträger beging seinen 90. Geburtstag. Das ÖAW-Mitglied hat mit seiner Erforschung des menschlichen Gehirns die Neurobiologie im Speziellen und die Wissenschaften im Allgemeinen in vielfacher Hinsicht bereichert.

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Er zählt zu den renommiertesten Wissenschaftler/innen: Seit 60 Jahren widmet sich Eric Kandel der Erforschung des menschlichen Gehirns. Der in Österreich geborene und 1939 in die USA emigrierte Neurobiologe wurde im Jahr 2000 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Nun feierte Eric Kandel seinen neunzigsten Geburtstag. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gratuliert dem Ehrenmitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse herzlich.

Eric Kandel ist ein passionierter und charismatischer Wissenschaftler, der sich der Hirnforschung verschrieben hat, die er selbst entscheidend mitprägt und mitgeprägt hat. In seinen Arbeiten konnte er nachweisen, dass Lernen und Gedächtnis molekulare und anatomische Veränderungen im Gehirn bewirken. Für die Entdeckung, dass Veränderungen der Stärke von Verbindungen zwischen Nervenzellen die Grundlage für Lernvorgänge im Gehirn darstellen, wurde ihm im Jahr 2000 der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen.

Kindheit in Wien

Eric Kandels Biografie ist eng mit der Erforschung des Gedächtnisses verbunden. Geboren 1929 in Wien, wuchs er im neunten Bezirk auf. Eric Kandel war acht Jahre alt, als die Nationalsozialisten in Österreich die Macht ergriffen und der schwelende Antisemitismus in rohe Gewalt umschlug. „Ich kann mich lebhaft erinnern, wie mein Vater dazu gezwungen wurde, die Straße mit einer Zahnbürste zu putzen“, sagt er 2018 in einer Rede.

Wenige Monate nach dem Novemberpogrom 1938 mussten er und sein Bruder in die USA fliehen. Seine Eltern folgten ihnen über Umwege erst ein halbes Jahr später. In seiner erfolgreichen Laufbahn als Neurobiologe sollte er sich Jahre später intensiv mit dem menschlichen Gedächtnis, den eigenen leidvollen Erfahrungen in seiner Kindheit und dem Einprägsamen an traumatischen Ereignissen befassen.

Erforscher des Gedächtnisses

Unter mehr als 1.400 Bewerbern wurde ihm in den USA zunächst ein Stipendium für ein Studium an der Harvard University zuteil. 1952 wechselte er auf die New York University um Medizin zu studieren und Psychiater zu werden. Dort ging er u.a. der Frage nach, welche Veränderungen eine psychoanalytische Therapie auf das Gehirn habe. 1956 promovierte er an der New York University School of Medicine. Statt der psychoanalytischen Praxis wählte er die Grundlagenforschung und widmete sich der experimentellen Untersuchung biologischer und molekularer Vorgänge im Gehirn. So konnte er wesentliche Mechanismen der Gedächtnisbildung enthüllte.

Meeresschnecke als Modell

Als bahnbrechend gelten seine Versuche an einer Meeresschnecke. An ihr untersuchte er die Funktionsweise der Synapsen und ihre Veränderungen. Diese sind bei Lern- und Gedächtnisleistungen von grundlegender Bedeutung, auch für höhere Organismen, einschließlich des Menschen.

Nach wissenschaftlichen Stationen in Boston und Paris kehrte er 1974 an die Columbia University zurück und gründete das Zentrum für Neurobiologie und Verhalten, wo er sich seinen Forschungen zu Kurz- und Langzeitgedächtnis widmete. Seit 1984 ist er dort Professor für Physiologie und Psychiatrie.

Weitere Auszeichnungen

In seiner wissenschaftlichen Karriere wurde der Nobelpreisträger mit einer Vielzahl an höchstrangigen Auszeichnungen geehrt. In Österreich erhielt das Mitglied der National Academy of Sciences und der American Academy of Arts and Sciences, das seit 2002 auch Ehrenmitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der ÖAW ist, unter anderem die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien, das Große Silberne Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich sowie das Ehrendoktorat der Medizinischen Universität Wien.

Seinen 90. Geburtstag feierte der 1939 aus Österreich Vertriebene in Wien. Bei dem "Fest für Eric Kandel", veranstaltet von Universität Wien und Medizinischer Universität Wien, hielt ÖAW-Präsident Anton Zeilinger die Laudatio. Als Ehrengast begrüßte die ÖAW Eric Kandel im Rahmen der Filmvorführung „The Class of '38. Exile & Excellence“.