11.02.2020

Narrative aus einem unbekannten Europa

Die Literaturwissenschaftlerin Olimpia Gargano interessiert sich für ein noch immer geheimnisumwobenes Land mitten in Europa: Sie forscht zu Albanien. Anhand von neuzeitlicher Reiseliteratur untersucht sie, welche Bilder über Albanien unter Europäer/innen in der Geschichte verbreitet waren. Dabei stößt sie auf heldenhafte Ritter, literarische Pionierinnen, wagemutige Reisende – und jede Menge Unwissenheit.

Lord Byron auf einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert in albanischer Tracht. Der britische Dichter bereiste Albanien auf seiner Grand Tour durch Europa © National Portrait Gallery/Wikimedia Commons

Im Herzen Europas gelegen und doch Terra incognita. Das Wissen über Albanien war im restlichen Europa äußerst gering. Das kleine Land am Balkan umgab ein Nimbus des Mysteriösen. Verrufen als arm, wild und gefährlich, hatte es zugleich eine gewisse Anziehungskraft, versprach es doch Abenteuer und Unentdecktes. Olimpia Gargano, vergleichende Literaturwissenschaftlerin an der Universität Nizza Sophia-Antipolis, befasst sich seit über zehn Jahren mit dem geheimnisumwitterten Land an der Adria. Kürzlich war sie am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien für einen Vortrag zu ihrer Forschungsarbeit zu Gast.

Wie wurden Albanien und seine Bewohner/innen in der Geschichte dargestellt? Welche Bilder und Vorstellungen von diesem Land hatte man damals im übrigen Europa? Anhand von europäischer Reiseliteratur aus der Zeit des 16. bis 19. Jahrhunderts geht Gargano diesen Fragen nach. Dazu untersucht sie Texte, aber auch ikonografische Darstellungen aus England, Frankreich, Deutschland und Italien. Das Ergebnis ihrer bisherigen Studien ist überraschend, auch für die Forscherin selbst: „Ich war erstaunt und begeistert, zu sehen, wie präsent albanische Motive in der europäischen Kultur sind.“

Nationalheld Skanderbeg

Ein eindrucksvolles Beispiel für derartige kulturelle Exporte aus dem 16. Jahrhundert ist etwa der albanische Nationalheld George Castriot Skanderbeg. Er zeichnete sich im Kampf gegen die türkischen Eroberer aus. Zwar war der Widerstand letztlich erfolglos, Albanien geriet nach seinem Tod 1468 für fast ein halbes Jahrtausend unter osmanische Herrschaft, Skanderbeg aber wurde als wackerer Verteidiger des Christentums zu einem literarischen Helden in ganz Europa. Eine Vielzahl an Texten, darunter Dramen, Lyrik oder Biografien, aus England, Frankreich, Deutschland, Italien aber auch Spanien, ist inspiriert von dieser Figur. Sogar das erste, von einer Frau verfasste epische Gedicht widmet sich dem albanischen Krieger. Die Italienern Margherita Sarrocchi preist darin Skanderbegs Ruhmestaten. Allerdings: Skanderbegs literarischer Erfolg ging keineswegs mit einem vermehrten Wissen über Albanien einher. Europa war fasziniert von der schillernden Heldengestalt, sein Herkunftsland aber blieb weiterhin eine Obskurität.

Von Lord Byron bis Karl May

„Der Eintritt Albaniens in das Pantheon europäischer Literatur begann erst Anfang des 19. Jahrhunderts“, erklärt Gargano. Das ist einem Engländer zu verdanken: Lord Byron bereiste zu dieser Zeit Albanien und beschrieb seine Erfahrungen in dem Versepos "Childe Harold’s Pilgrimage", einem internationalen Bestseller. Reisende aus ganz Europa folgen nun Byrons Spuren. Childe Harold’s Pilgrimage diente ihnen dabei als Reiseführer. Das Buch war eine „Art „Baedeker“ seiner Zeit, wie Gargano sagt. Aber nicht nur Männer wagten, derart inspiriert, die Reise nach Albanien, um dann ihrerseits darüber zu berichten. Zahlreiche herausragende literarische Werke stammen aus der Feder von weiblichen Besuchern. Nicht alle Berichte oder Geschichten basieren jedoch auf tatsächlichen Erlebnissen. So mancher Autor ließ der Fantasie freien Lauf. Im deutschsprachigen Raum etwa wurde Albanien bekannt durch Karl May, der für Kara Ben Nemsi und Konsorten wilde Abenteuer im „Land der Skipetaren“ erdachte.

Mythos und Wahrheit

Ein kleines Land, eine muslimische Enklave inmitten des christlichen Europas, eine linguistisch einzigartige Landessprache, die zudem während der osmanischen Herrschaft unterdrückt wurde – Albaniens Status als marginalisierter Unbekannter ist vermutlich durch unterschiedliche Faktoren zu erklären. Und auch wenn Albanien seit Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend vom übrigen Europa entdeckt wurde, an seiner (vermeintlichen) Fremdheit änderte das letztlich wenig. Die enorme Diskrepanz zwischen Image und realen Gegebenheiten blieb bestehen: Das Land und seine Bewohner/innen waren als wild und bedrohlich berüchtigt, in keinem der von Gargano untersuchten Texte gibt es jedoch Hinweise auf schlecht behandelte Besucher/innen. Im Gegenteil, die Gastfreundschaft der Albaner/innen wird stets hervorgehoben. Sie ist ein essenzieller Teil der albanischen Tradition und Kultur.

Auch heute noch gilt Albanien vielen als exotisches, als nicht wirklich europäisches Land. Zu Unrecht, wie Gargano betont: „Dass wir so wenig über diese Regionen wissen, bedeutet nicht, dass der Balkan und im Speziellen Albanien, keine Teile von Europa sind. Diese Länder sind vielmehr ein wichtiger Bestandteil unserer bunten und vielfältigen europäischen Kultur.“

 

AUF EINEN BLICK

Olimpia Gargano ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Nizza Sophia-Antipolis in Frankreich. Sie unterrichtet zudem italienische und lateinische Literatur am Lyceum Angelico Aprosio of Ventimiglia in Italien und übersetzte literarische Werke aus dem Englischen, Französischen und Deutschen. Ein Resümee ihrer Arbeit zu Albanien ist in dem jüngst publizierten Buch “Au Pays des Skipetares. L'Albanie dans l'imaginaire européen des XVIe-XIXe siècles“ (Maison d'édition Spinelle, Paris) nachzulesen.

Der Vortrag „On women, knights, weapons, love, and much more: Albanian narrative and figurative topics in the European culture of the 16th–19th centuries“ von Olimpia Gargano fand am 30. Jänner zum Abschluss der Reihe „Balkanforschung an der ÖAW“ statt.