16.11.2021

Mobilität als kultureller Motor in Byzanz

Wie Migration und Kulturkontakte die kulturelle Entwicklung der byzantinischen Gesellschaft prägten und inwiefern ein Kloster für die Forschung als Zeitkapsel funktioniert, erklärt die Wittgenstein-Preisträgerin und Byzantinistin Claudia Rapp im Interview.

Eine adelige Witwe auf Reisen © Wikimedia Commons

Byzanz in Bewegung: Für Claudia Rapp, Byzantinistin am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und an der Universität Wien sowie wirkliches Mitglied der ÖAW, dreht sich alles um Mobilität.
„Moving Byzantium Mobility, Microstructures and Personal Agency“ ist der Titel ihres mehrjährigen Forschungsprojekt, finanziert durch den 2015 an sie verliehenen Wittgenstein-Preis des österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF).
Gemeinsam mit ihrem internationalen Team ist sie darin der inneren Flexibilität der byzantinischen Gesellschaft nachgegangen und hat die Rolle der Mobilität in unterschiedlichsten Ausprägungen untersucht. Zum Abschluss des Projekts lädt sie zu einer internationalen Konferenz ein, die hybrid stattfindet und damit auch einer interessierten Öffentlichkeit offensteht.

Frau Rapp, in Ihrem Forschungsprojekt beleuchten Sie die Bedeutung von Byzanz als globaler Kultur und analysieren diese entlang von Fragen der Mobilität, Mikrostrukturen und politischer Handlungsspielräume. Welche neuen Perspektiven ermöglicht dieser Zugang?

Claudia Rapp: Dieser Zugang weitet den Blick. Anstatt die byzantinische Gesellschaft als historische Konstante in einer isolierten Innensicht zu beschreiben, ermöglicht uns dieser Blick, die Entwicklungen innerhalb der byzantinischen Gesellschaft in einer größeren Vielfalt und Dynamik wahrzunehmen.

Sie legen den Fokus auf Mobilität in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen. Wie hat die Mobilität von Menschen, Objekten und Ideen das Kaiserreich geprägt?

Rapp: Mobilität und Migration können für die kulturelle Entwicklung ungeheuer bereichernd sein. Es ist in allen Gesellschaften zu beobachten, dass es die mobilen Menschen sind, die neue Ideen von einem Ort zum anderen tragen, diese sich dann mit örtlichem lokalem Wissen vermischen und neue Impulse setzen.

Woran kann man das festmachen?

Rapp: Das kann zum Beispiel darin bestehen, dass Handwerker oder hochspezialisierte Künstler innerhalb des Byzantinischen Reiches sich bewegen und ihre Fertigkeiten an einem anderen Ort weiterführen. In der Kunstgeschichte gibt es in letzter Zeit eine besondere Aufmerksamkeit auf die Ornamentik. Anhand der ornamentalen Darstellungen kann man nachweisen, dass Kontakte in die muslimische Welt bestanden und weiter bis nach China. Einige Projektmitarbeiter/innen konnten die Mobilität auch anhand von Handschriften zeigen, die Mönche und Pilger über sehr weite Entfernungen hinweg mit sich getragen haben – von Süditalien bis ins Heilige Land und bis in den Sinai, in das Katharinenkloster.

Welche Rolle spielt das Katharinenkloster am Sinai in Ihrer Forschung?

Rapp: Das Katharinenkloster ist für uns eine Art Zeitkapsel, um diesen Kulturkontakten nachzuspüren. Dort kamen Christen aus dem gesamten Orient und auch aus Lateineuropa zusammen. Die dort noch erhaltenen Handschriften der Bibliothek gehen bis ins fünfte Jahrhundert zurück und sind in den zehn Sprachen des christlichen Orients verfasst. Zwei dieser Sprachen, die heute nicht mehr verwendet werden, kennen wir hauptsächlich aus Handschriften, die im Katharinenkloster noch präsent sind, und dort besonders in den ausradierten Schichten, also den Palimpsesten: das Kaukasische Albanisch und das Christlich-Palästinische Aramäisch.

Apropos Sprache. Wie prägte das Festhalten an der griechischen Sprache einerseits und die Mehrsprachigkeit andererseits die byzantinische Identität?

Rapp: Indem wir unser Augenmerk auf Mikrostrukturen legen machen wir die verschiedenen Zugänge zwischen Elitekultur und Allgemeinkultur sichtbar. Für die Elitekultur war das Bewahren und Anwenden der altgriechischen Sprache ein wichtiges Merkmal der sozialen Distinktion. Aber es sind vor allem die mobilen Menschen, die Migrant/innen, die in zwei Kulturen und auch in zwei oder mehr Sprachen zu Hause sind.
Im Projekt konnten wir jetzt die gleichzeitige Verwendung in denselben historischen, sozialen, kulturellen Kontexten von mehreren Sprachen zeigen, also nicht nur Übersetzungstätigkeit, sondern gelebte Multi-Lingualität. Ein Aspekt, der bisher wenig beachtet wurde.

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Migration, das haben Sie auch in Ihrem Projekt gezeigt. Warum migrierten Menschen damals?

Rapp: Im Rahmen unserer Forschung hat dazu Yannis Stouraitis eine Klassifikation erstellt, die auch in einem Open Access Volume publiziert wurde. Einen großen Teil nimmt die sogenannte Zwangsmigration ein. Das sind Zwangsumsiedlungen, die durch die byzantinischen Kaiser veranlasst wurden. Wir wissen wenig über deren administrative Durchführung, aber in den historischen Berichten liest man immer wieder von Fällen, wo die Bevölkerung ganzer Landstriche von einer Region in eine andere transferiert wurden.

Was waren die Gründe für Zwangsumsiedlungen?

Rapp: Meistens war es die Folge von Kriegsgeschehen. Entvölkerte Landstriche sollten neu bevölkert werden, um demographisch mehr Steuerzahler und wehrdienstpflichtige Menschen für die Landesverteidigung zu gewinnen. Soweit die Quellen das hergeben, können wir daran beobachten, wie sich die Menschen einerseits bemühten, in Kontakt mit der umliegenden Gesellschaft zu treten und andererseits ihre ursprüngliche Identität zu behalten versuchten. Hier kommt auch der Zusammenhang zwischen historischer Migrationsforschung und historischer Identitätsforschung zum Tragen. Identität ist immer kontextabhängig. Wenn sich dieser durch Migration ändert, kann man diese Phänomene besonders gut beleuchten.

Neben der Klassifikation von Migrationen im byzantinischen Raum haben Sie im Gesamtprojekt auch an einem Quellenbuch zu Mobilität und Migration im Byzantinischen Reich gearbeitet. Was kann man darin finden?

Rapp: Darauf bin ich besonders stolz, weil das tatsächlich die Arbeitsleistung des gesamten Teams darstellt. Darin sind Quelltexte aus verschiedenen literarischen Genres versammelt, also von Archivtexten über Briefe, autobiographische Texte, Gedichte bis hin zu Gesandschaftsberichten und historische Narrative. Entlang des analytischen Schemas haben wir hier die Beweggründe für Mobilität und Migration systematisch und exemplarisch dargestellt. Jeder Text kann für sich alleine gelesen werden kann, aber auch im größeren thematischen oder historischen Kontext. Kolleg/innen in Tübingen werden parallel dazu eine Publikation für den lateinischen Westen erstellen. Beide Bände werden Open Access publiziert werden. Wir möchten die Quellen für die weiterführende Forschung zugänglich machen und hoffen dadurch ein großes Publikum anzusprechen.

Haben die vergangenen 20 Monate und der Ausbruch der Pandemie einen Schatten auf Ihr Projekt geworfen – oder konnten Sie alle Forschungsvorhaben wie geplant durchführen?

Rapp: Manches mussten wir verschieben. Sehr vieles haben wir online stattfinden lassen und konnten damit ein wesentlich größeres Publikum ansprechen. Das gilt auch jetzt für unsere Abschlussveranstaltung, die hybrid stattfinden wird. Damit kann sich ein breiteres Publikum online dazu schalten. Und das ist auch schön, wenn man auf diese Weise eine Tür öffnen kann.

 

AUF EINEN BLICK

Claudia Rapp ist Leiterin der Abteilung Byzanzforschung und stellvertretende Direktorin des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW. Sie ist zudem Professorin am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien. Seit 2014 ist Rapp wirkliches Mitglied der ÖAW, 2015 wurde ihr der Wittgenstein-Preis verliehen. Zahlreiche Forschungsaufenthalte führten sie u.a. nach Princeton, Oxford und Paris.

Zur online Teilnahme Moving Byzantium - International Conference, 19-21 November 2021:

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