05.08.2020

„Menschenhandel wirft immer Profit ab“

Werden Menschen gezielt in ausbeuterische Verhältnisse gebracht, gilt dies als Menschenhandel. Die ÖAW-Sozialanthropologin Daniela Paredes Grijalva erklärt, warum Menschenhandel im 21. Jahrhundert nicht immer gleich als solcher zu erkennen ist.

© Unsplash/Pham Yen

Der Handel mit Menschen zählt zu einer der schwerwiegendsten Menschenrechtsverletzungen und auch zu einer der ältesten. Wie viele Personen im 21. Jahrhundert Menschenhändlern zum Opfer fallen, kann nur vermutet werden. Die Dunkelziffer ist jedenfalls hoch. Schätzungen gehen davon aus, dass mit Menschenhandel ähnlich viel Geld verdient wird wie mit Drogengeschäften.

Seit 2014 rufen die Vereinten Nationen jährlich am 30. Juli den Internationalen Tag gegen Menschenhandel aus. Inwiefern auch Europa von Arbeitsausbeutung in Großküchen, auf Baustellen oder auf den Feldern profitiert und warum noch immer viele Opfer von Menschenhandel nicht als solche erkannt werden, das erklärt Daniela Paredes Grijalva vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Warum liest man so wenig über Menschenhandel?

Daniela Paredes Grijalva: Grundsätzlich will man oft wegschauen und es einfach nicht wahrhaben, dass es im 21. Jahrhundert noch immer diese Menschenrechtsverletzungen gibt. Kommt das Thema dennoch in der Berichterstattung vor, dann häufig in sensationalistischer und voyeuristischer Rahmung. Gerne bedient man sich dabei rassistischer und sexistischer Stereotypen.

Menschenhandel wirft immer Profit ab – sei es Geld, Leistungen oder Organe. In einer globalisierten Welt geht es um die Wertschöpfungskette.

Häufiger als von Menschenhandel liest man allerdings von moderner Sklaverei. Der Begriff der Sklaverei lässt bestimmte Bilder entstehen: Man denkt an schwere Ketten und physische Gewalt. Es sind Bilder, die schwer in unsere heutige Welt passen. Die Formen der Unterdrückung sind aber diverser. Das ist ein Grund, warum Menschenhandel im 21. Jahrhundert nicht immer gleich als solcher zu erkennen ist.

Sollte man besser den Begriff Menschenhandel statt Sklaverei verwenden?

Paredes Grijalva: Für Menschenhandel haben wir Instrumente zur Verfügung, um das Delikt genauer zu benennen und zu bekämpfen, aber vor allem Betroffenen zu ihren Rechten zu verhelfen. Anders als beim Begriff der Sklaverei haben wir hier Gesetze, internationale Vereinbarungen und Institutionen, konkret ist Menschenhandel im Palermo-Protokoll definiert. Obwohl die meisten Vergehen innerhalb eines Staates passieren, ist es per Definition ein transnationales Delikt, verankert in der Convention against Transnational Organised Crime. Zuständig dafür ist das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, kurz UNODC. Die transnationale Dimension ist insofern wichtig, weil es viele Zwischenstopps und Akteure gibt, die in einer globalisierten Welt miteinander verbunden sind.

Menschenhandel ist ja nicht etwas, das weit weg passiert, sondern mitten in Europa. Inwiefern profitieren wir davon, wenn wir als Konsument/innen billige Produkte kaufen?

Paredes Grijalva: Menschenhandel wirft immer Profit ab – sei es Geld, Leistungen oder Organe. In einer globalisierten Welt geht es um die Wertschöpfungskette. Oft denken wir nicht daran, dass Menschenhandel auch in Europa ein Thema ist, etwa im Bereich der sexuellen Ausbeutung, der Ausbeutung von Erntehelfer/innen oder auch in der Gastronomie. Wenig wissen wir auch über die Situation von Essenszustellern, auch hier gibt es Verdachtsfälle. 

Das große Problem bei Menschenhandel ist, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist.

Was macht die Erforschung von Menschenhandel besonders schwierig?

Paredes Grijalva: Das große Problem bei Menschenhandel ist natürlich, dass es sich um ein klandestines Gewerbe handelt, wo die Dunkelziffer sehr hoch ist. Dazu kommt, dass es auch nicht ungefährlich ist. Ich habe zu den verschiedenen Formen von Menschenhandel gearbeitet, insbesondere zur bekanntesten Form, jener der sexuellen Ausbeutung. Sie bekommt die meiste mediale Aufmerksamkeit und es wird primär nach ihr gesucht und ermittelt. Die wenigen Zahlen, die wir dazu haben, müssen aber sehr vorsichtig verwendet werden. Denn: Es kann sein, dass wir vorrangig sexuelle Ausbeutung als Form des Menschenhandels finden, weil wir nicht nach anderen Formen suchen, wie etwa der Arbeitsausbeutung in Großküchen, auf Baustellen oder auf den Feldern, wo Erntehelfer/innen beschäftigt sind. Global gesehen ist Organhandel jene Form, bei der wir die allerwenigsten Zahlen haben und die Dunkelziffer groß ist.

In welchen Ländern tritt Menschenhandel besonders häufig auf?

Paredes Grijalva: Laut den Zahlen des Trafficking in Persons Reports und auch jenen des Global Reports kommen viele gehandelte Menschen aus Nigeria, den Philippinen oder China. Aber: Der Großteil des Menschenhandels findet innerhalb der nationalen Grenzen statt.

Und wer ist am meisten gefährdet, Opfer von Menschenhandel zu werden?

Paredes Grijalva: Das ist von Fall zu Fall zu beurteilen. Was wir global über potenzielle Opfer von Menschenhandel sagen können, lässt sich mit dem Konzept von Vulnerabilität, also Verletzlichkeit, zusammenfassen. Und: Hier ist eine intersektionale Perspektive wichtig. Das heißt: Nicht alle Frauen sind qua Geschlecht Teil der vulnerablen Gruppe, aber eine Frau ohne Ausbildung, ein Mann ohne gültige Aufenthaltspapiere oder ein Mädchen mit geistiger Behinderung sind besonders gefährdet Opfer von Menschenhandel zu werden. Dieser intersektionale Blick macht eine facettenreiche Realität sichtbar, die aber – und das ist ganz wesentlich – in gesellschaftlichen Strukturen der Ungleichheit verankert ist.

Viele gehandelte Menschen kommen aus Nigeria, den Philippinen oder China. Aber: Der Großteil des Menschenhandels findet innerhalb der nationalen Grenzen statt.

Unternimmt der österreichische Staat genug, um die Opfer von Menschenhandel zu schützen?

Paredes Grijalva: Global gesehen ist Österreich in seinen Gesetzen sehr fortschrittlich. Die Rahmenbedingungen sind gut, wir haben einen Taskforce gegen Menschenhandel und es gibt einen vorbildlichen Opferschutz. Sehr positive Arbeit leiten auch die anerkannten Opferschutzeinrichtungen in Österreich. Hier haben Opfer ein Recht auf eine unabhängige Beratung und Begleitung. Und das ist bedingungslos, auch wenn die Opfer letztlich entscheiden, nicht bei der Polizei auszusagen. Denn: In Österreich haben Betroffene Zeit zu überlegen, ob sie eine Anzeige erstatten möchten oder nicht. Bei der Frage, wie viele Anzeigen tatsächlich erstattet werden und zu wie vielen Urteilen und Entschädigungen es letztlich kommt, sieht es in Österreich aber eher traurig aus.

Das Recht auf sicheren Aufenthalt muss verbessert werden. Nach einem Straf- oder Zivilverfahren besteht die Gefahr, abgeschoben zu werden.

Wo gibt es sonst noch Verbesserungsmöglichkeiten?

Paredes Grijalva: Verbessert werden muss das Recht auf einen sicheren Aufenthalt. Derzeit gilt dieses Recht nur für Betroffene von Menschenhandel, die auch aussagen. Wir reden hier über Personen, die oft sehr traumatisiert sind. Zudem ist das Recht auf Aufenthalt begrenzt auf die Zeit des Straf- beziehungsweise Zivilverfahrens. Danach besteht die Gefahr abgeschoben zu werden.

 

AUF EINEN BLICK

Daniela Paredes Grijalva ist Kultur- und Sozialanthropologin. Sie hat im Menschenrechtsbereich gearbeitet und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).