10/23/2018

Mehr Wissen für Wien

Schuberts Handschriften, eine Pestgrube im Ersten Bezirk und die Essgewohnheiten der Wiener/innen um 1900: Quer durch die Epochen und Fachgebiete ging die temporeiche Reise bei „Wissen für Wien“, wo Highlights aus 20 Jahren Forschungsförderung durch die Stadt präsentiert wurden.

Den Zuhörer/innen wurden die Themen wie ein Dinner á la carte präsentiert: Die 3-minütigen Vorstellungen im Festsaal steckten die Karte ab, auf der man wählen konnte, worüber man anschließend, beim „Meet and Greet“ in der Aula der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mehr erfahren wollte. Insgesamt 15 Forschungsprojekte, die vom Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die ÖAW gefördert wurden oder werden, standen den Besucher/innen am 16. Oktober 2018 zur Auswahl. Ihre Gemeinsamkeit: mehr Wissen für und über Wien bereit zu stellen.

Flüchtlingsbewegungen und Globalisierung

Dass dieses Konzept aufgeht, zeigten das große Interesse des Wiener Publikums und die angeregten Diskussionen der Zuhörer/innen mit den Forscher/innen.  Börries Kuzmany etwa, vom Institut für Neuzeit und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW, untersucht unter dem Titel „Flüchtlingskrisen. Nichts Neues in Österreich“ historische Flüchtlingsbewegungen. Mit Blick auf das Jahr 2015 erzählte er, dass es nicht das erste Mal war, dass zahlreiche Flüchtlinge nach Österreich kamen. Ob französische Revolutionsemigranten, russische Pogromflüchtlinge oder bosnische Geflüchtete während des Balkankriegs – immer wieder kamen notleidende Menschen ins Land und bisher konnte es diese Zuwanderung stets bewältigen.
 


Dass die Erforschung der Vergangenheit Ereignisse der Gegenwart erhellen kann, zeigte auch das Projekt von Verena Winiwarter und Gertrud Haidvogel an der Universität für Bodenkultur: Die Forscherinnen befassen sich mit den Veränderungen, die die Industrialisierung auf die Ernährung der Wiener/innen hatte. Mit der Donauregulierung ab 1832 sank die Fischpopulation vor Wiens Toren. Zugleich brachte die neue Eisenbahn Seefisch von der Adria. Was hier ersichtlich wird, ist eine Vorstufe der Globalisierung, die zunächst die Donaufischer ihren Beruf kostete.

Kulturerbe von Stephansdom bis Schubert

Wien ist reich an kulturellem Erbe, und geisteswissenschaftliche Forschung hat einen wichtigen Anteil daran, dieses zu erhalten und für die Gegenwart aufzubereiten. Das ist auch das Ziel von ÖAW-Mittelalterforscherin Renate Kohn. Sie erforscht die Inschriften im berühmten Stephansdom. Was viele vielleicht nicht wissen: Dieser gehört zu den reichsten Inschriftenstandorten im deutschen Sprachraum. Kohn dokumentiert diese bis ins Jahr 1800 und arbeitet an einer „Edition der Inschriften der Stadt Wien“.

Wissen für zukünftige Generationen bewahren will auch das Projekt von ÖAW-Musikhistorikerin Katharina Loose-Einfalt, die an einer historisch-kritischen Schubert-Ausgabe arbeitet. Der Wiener Komponist Franz Schubert (1797–1828) gilt als einer der herausragendsten Vertreter der Romantik. Die Ausgabe erscheint in gedruckten Notenbänden, gleichzeitig wird ein Großteil der Manuskripte Schuberts online zugänglich gemacht.

Der Tod und die Wiener

„Der Tod, das muss ein Wiener sein“ – diese Zeile aus dem bekannten Wienerlied von Georg Kreisler deutet an, was der Stadt oft nachgesagt wird: ein besonderes Verhältnis zum Tod. Doch um eine sprichwörtliche „schöne Leich“ handelte es sich bei einem besonders grausigen Fund im Wiener Schottenkloster keinesfalls: Dort fand man bei Bauarbeiten ein mittelalterliches Massengrab mit 388 eng beieinander liegenden Skeletten, vorwiegend Männer und kleine Kinder. Woran diese Menschen starben ist unbekannt – ein Rätsel, dem Michaela Binder vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW auf der Spur ist. Sie will mittels DNA-Analysen klären, ob es sich womöglich um ein Pestgrab handelt – mit untypischer Lage im Herzen Wiens.

Wie „Totenkult und Jenseitsvorsorge in Wien“ im 17. und 18. Jahrhundert aussahen, erkundet Claudia Resch vom Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW. Sie nimmt dafür die Wiener Totenbruderschaft in den Blick, die von 1638 bis 1783 verurteilte Verbrecher zum Schafott begleitete, ihnen die letzte Beichte abnahm und sie anschließend am „Armensünder-Gottesacker“ hinter dem Karlsplatz bestattete. Dabei kann Resch aus einer reichhaltigen Quellenlage schöpfen, da die Totenbruderschaft, der auch einige Adelige sowie Frauen aus der Wiener Oberschicht angehörten, vieles schriftlich festhielt.

Flüchtlingsbewegungen, frühe Globalisierung, Kulturerbe oder der Tod und die Wiener – das waren nur einige der zahlreichen Forschungsprojekte zu Wien, die man bei der Präsentation an der ÖAW kennenlernen konnte. Dass sie alle einen bedeutenden Beitrag zum Wissen über die Stadt darstellen, machte Daniel Löcker, Leiter des Referats für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7, in seinem Grußwort deutlich. Und in diesem Sinne dürfen sich Wien und seine Bürger/innen auch in Zukunft auf neues Wissenswertes über die Stadt freuen.