04.02.2020

Karl Kraus bei der Arbeit zuschauen

Nicht nur ein abgeschlossenes Meisterwerk ist interessant. Auch sein Entstehungsprozess hat viel zu erzählen. Die Philologin Konstanze Fliedl arbeitet mit ihrem Team an der ÖAW an einem Editionsprojekt zu Karl Krausʼ Werk „Dritte Walpurgisnacht“. Im Interview erzählt sie von erstmals veröffentlichten Notizen, beklemmenden Einblicken und einem ehrgeizigen Vorhaben.

© Charlotte Joël/Bildarchiv Austria/Österreichische Nationalbibliothek

„Es ist, als könne man dem Autor beim Arbeiten zusehen“, sagt Konstanze Fliedl. Die Philologin leitet die Arbeitsstelle österreichischer Corpora und Editionen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Dort widmet man sich zurzeit einem umfassenden Editionsprojekt zur „Dritten Walpurgisnacht“ von Karl Kraus. Ein literarisch wie zeithistorisch bedeutsames Werk, in dem Kraus sich mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 auseinandersetzt. Der erste Teil des Projekts wurde soeben abgeschlossen: Bislang unveröffentlichte Notizen des aufmerksamen Beobachters und scharfsinnigen Denkers Karl Kraus sind nun online für jedermann zugänglich.

Worum genau geht es bei diesem großen Editionsprojekt zur „Dritten Walpurgisnacht“?

Konstanze Fliedl: Die „Dritte Walpurgisnacht“ ist eine überaus eindrucksvolle und auch beklemmende Lektüre. Kraus hat die Vorgänge nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit beobachtet. Vor allem im Hinblick auf die spätere Entwicklung, auf die Destruktionswucht des Dritten Reiches, zeigt er eine Klarsicht wie sonst wenige Zeitgenossen. Das gesamte Werk wurde allerdings erst nach dem Tod von Kraus im Jahr 1952 gedruckt. Zu seinen Lebzeiten hat er lediglich Teile davon in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ veröffentlicht. Es gab aber auch schon einen Satz und einen Fahnenabdruck mit von ihm eingefügten Korrekturen. Dieses Material ist über Umwege an die National Library of Israel in Jerusalem gekommen, die der ÖAW vor etwa zehn Jahren Digitalisate dieser Fahnen geschenkt hat. Mit dieser Fahnen-Version der Dritten Walpurgisnacht befasst sich unser Projekt. Ziel ist es, die Digitalisate der von Kraus handschriftlich korrigierten Fahnen mit Transkriptionen, Orts- und Personenregister, Quellenregister und Kommentaren online zugänglich zu machen.

Die „Dritte Walpurgisnacht“ ist eine überaus eindrucksvolle und auch beklemmende Lektüre. Kraus hat die Vorgänge nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit beobachtet.

Den ersten Teil des Projekts konnten Sie soeben abschließen. Woran haben Sie dabei gearbeitet?

Fliedl: Zusätzlich zu der Fahnen-Version gibt es außerdem zwei Konvolute handschriftlicher Notizen von Kraus, die sich im Besitz der Wienbibliothek befinden. Diese Aufzeichnungen beinhalten Zitate, Szenenentwürfe, Lektürelisten, Ideen und Beobachtungen, die Großteils vor den Hauptaufzeichnungen zur Dritten Walpurgisnacht entstanden sind. Einige der Notizen gehen sogar bis in die späten 1920er-Jahre zurück. Diese handschriftlichen Notate sind extrem schwer lesbar und wurden bislang noch nie entziffert oder publiziert. Das zu tun war der erste Schritt zu unserer großen Edition der „Dritten Walpurgisnacht“ und ein Teil der Arbeit des letzten Jahres. Diese Texte sind nun transkribiert und mit freundlicher Genehmigung der Wienbibliothek unter https://kraus1933.ace.oeaw.ac.at via Open Access online zugänglich.

Die handschriftlichen Notate sind extrem schwer lesbar und wurden bislang noch nie entziffert oder publiziert. Das zu tun war der erste Schritt zu unserer großen Edition der „Dritten Walpurgisnacht“.

Welche neuen Erkenntnisse lassen sich aus diesen Aufzeichnungen gewinnen?

Fliedl: Durch die Zuordnung dieser Notizen und den Vergleich mit späteren Textstellen kann man beispielsweise feststellen, welche Veränderungen Kraus vorgenommen hat. Als Philologin interessiert mich natürlich der Entstehungsprozess des Werkes, der anhand von Notizen, Vorversionen und unterschiedlichen Varianten rekonstruiert werden kann. Wenn all das gut dokumentiert ist, kann man dem Autor quasi beim Arbeiten zuschauen. Aber natürlich finden sich in diesen Aufzeichnungen auch wichtige zeithistorische Bezüge zu politischen Ereignissen. 

Was könnten wir aus den Gedanken und Beobachtungen von Karl Kraus für die Gegenwart mitnehmen?

Fliedl: Der Aspekt, der mich bei der Lektüre immer ganz betroffen macht, ist wie, durch die Presse Wirklichkeiten erschaffen werden. Karl Kraus war ja lebenslang ein, oder der Pressekritiker überhaupt. Ein Phänomen, mit dem er sich ganz intensiv beschäftigt, ist das, was wir heute fake news nennen. Er hat schon damals unglaublich klarsichtig dargestellt, dass die Wirklichkeit für Zeitungskonsumenten nicht mehr wirklich ist, sondern ein Lektüreergebnis, das je nach politischer Einstellung der Zeitung verändert und verfälscht werden kann. Wirklichkeit, sagt Kraus schon in den Jahren des Ersten Weltkriegs, stellt sich uns nicht mehr als ursprüngliche Erfahrung dar, sondern ist etwas, was von den Medien vermittelt oder auch verzerrt wird.

Ein Phänomen, mit dem Karl Kraus sich ganz intensiv beschäftigt, ist das, was wir heute fake news nennen.

Gibt es etwas, das Ihnen an Ihrer Arbeit ganz spezielle Freude macht?

Fliedl: Editorik heißt Grundlagen zu liefern für weitere Forschungen. Ich glaube, wir schaffen hier etwas, das von nachfolgenden Generationen als besonders spezifisches Tool genutzt werden kann. Dieser Gedanke, dass unsere Arbeit jüngeren Forschergenerationen zur Verfügung stehen wird, macht mir große Freude.

 

AUF EINEN BLICK

Konstanze Fliedl leitet die Arbeitsstelle österreichischer Corpora und Editionen, die am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW angesiedelt ist. Die Literaturwissenschaftlerin ist Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien und Mitglied der ÖAW.

Karl Kraus „Dritte Walpurgisnacht“