27.07.2020

In Knochen die Vergangenheit lesen

Lukas Waltenberger hat mit forensischen Methoden Kriegstote in Zypern identifiziert. Nun setzt der ÖAW-Forscher sein Wissen zu Schnittverletzungen an Knochen in der Kriminalistik und der Archäologie ein.

ÖAW-Forscher Lukas Waltenberger in der Kletterhalle
Lukas Waltenberger kommt nach dem Klettern auf die besten Forschungsideen. © ÖAW/Klaus Pichler

Es gibt Arbeitssituationen, die für die Mehrheit der Menschen nur schwer vorstellbar sind. Zum Beispiel in einem Massengrab die Skelette von Kriegstoten freizulegen – und dann den Angehörigen die Nachricht zu überbringen, dass man ihren Vater identifizieren konnte. Oder nach einem Flugzeugabsturz die sterblichen Überreste von Menschen zu untersuchen und anhand der Knochen und Zähne deren Alter zu bestimmen. Für einen forensischen Anthropologen gehören diese Tätigkeiten zum Alltag.

„Man kann äußerst viel aus den Knochen herauslesen“, sagt Lukas Waltenberger.

Lukas Waltenberger hat forensische Osteologie an der Bournemouth University in Großbritannien studiert und ist derzeit Doktorand am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Erfahrungen bei der Analyse von Massengräbern hat er erstmals auf Zypern gesammelt. Gemeinsam mit Anthropolog/inn/en, Archäolog/inn/en und Forschenden anderer forensischer Disziplinen war er dort für die Vereinten Nationen und das Komitee für vermisste Personen (CMP) im Einsatz. Keine leichte Tätigkeit, aber eine wichtige: Für Familien, deren Angehörige seit dem Zypernkonflikt in den 1970erJahren als vermisst galten, bringt die Identifikation der Skelette zumindest späte Gewissheit.

CSI-EFFEKT

„Man kann äußerst viel aus den Knochen herauslesen“, sagt Lukas Waltenberger, der sich in Großbritannien auf Verletzungsmuster am Skelett, sogenannte Cut Marks, zu spezialisieren begann. „Jedes Skelett ist unterschiedlich, weil auch jede Person unterschiedlich ist.“ Früh merkte er, dass er an der klassischen Anthropologie etwas vermisste: „Wenn man mit archäologischem Material forscht, kann man selten wirklich nachweisen, ob die Ergebnisse tatsächlich stimmen oder nicht“, sagt er.

In der Forensik sei das anders. Zwar könne man auch hier am Knochen vieles nicht genau bestimmen, aber man habe die Möglichkeit, die Ergebnisse mit den Daten des Verstorbenen zu überprüfen. „Das besitzt ein großes Potential, um Methoden weiterzuentwickeln.“ Anders als im anglo­amerikanischen Raum ist der Fachbereich der forensischen Anthropologie in Österreich noch wenig verbreitet.

Anders als im anglo­amerikanischen Raum ist forensische Anthropologie in Österreich noch wenig verbreitet.

Kinofilme und Serien wie CSI – das steht für Crime Scene Investigation, also die wissenschaftliche Spurensicherung am Tatort eines Verbrechens – haben Forensik populär gemacht. „Dass so viele Kolleginnen und Kollegen Forensik als Studienfach wählen, das ist der typische CSI-Effekt“, so der Forensiker. Viele würden sich im Laufe des Studiums aber wieder der klassischen Anthropologie zuwenden. Denn: Die Suche nach Massengräbern ist nicht nur eine fachliche, sondern auch eine emotionale Herausforderung. Waltenberger: „Es gibt immer Aspekte, die einen triggern können.“

KOPF FREI BEKOMMEN FÜR NEUE IDEEN

Egal, ob man forensisch oder auf einem anderen Gebiet forsche, man müsse etwas finden, das kontrastreich dazu sei und wo man auf andere Gedanken komme, sagt er. „Ich bin jemand, der rund um die Uhr arbeiten kann. Wenn ich keine andere Beschäftigung habe, sitze ich den ganzen Abend und arbeite an meinem Doktorat.“

„Wenn beim Klettern der ganze Stress abfällt, dann fallen mir die guten Ideen ein“, erzählt Waltenberger.

Um abschalten zu können und den Kopf freizubekommen, ist Sport für ihn ein geeigneter Ausgleich – und am liebsten das Klettern, wo er den ganzen Körper beanspruchen kann. „Da gibt es keine abschweifenden Gedanken. Klettern ist körperlich viel zu fordernd und anstrengend, um an etwas anderes zu denken“, sagt Waltenberger. Die Gedanken zur Forschung würden erst unmittelbar danach wiederkehren. „Wenn der ganze Stress abfällt, dann fallen mir die guten Ideen ein, oft auch Lösungen für Probleme, die ich zuvor hatte.“

FLÜSTERNDE KNOCHEN

Doch zurück zur Forensik. Oder besser gesagt, zu forensischen TV­Serien. Zahlreiche Krimis kann Waltenberger mittlerweile nicht mehr sehen. „Es stimmt einfach so vieles nicht“, sagt er. Und es entspräche schlicht und ergreifend nicht der Realität, dass man bloß ein paar Daten in den Computer eintippen müsse und daraufhin sofort den Mörder kenne. Wissenschaftlich fundierte Krimis hingegen schätze er sehr.

Whispering bones, Forensisches BBQ, Sherlock Bones: Bisweilen könnten auch manche der Titel, die Waltenberger für Vorträge und Publikationen wählt, das Buchcover eines Krimis zieren. „Es gibt im wissenschaftlichen Bereich so viele deskriptive Titel, die unfassbar fad klingen. Wenn man die Leute für die eigene Forschung begeistern möchte, dann muss man einen Titel finden, der in das Thema reinzieht.“

Zahlreiche Krimis kann Waltenberger mittlerweile nicht mehr sehen. „Es stimmt bei der Forensik einfach so vieles nicht“.

Welchen Titel seine Doktorarbeit tragen wird, steht noch nicht fest. Darin widmet er sich der Beckenmorphologie der Frau und untersucht, wie sich Schwangerschaft und Geburt auf das knöcherne Becken, auf sogenannte „knöcherne Geburtsmerkmale“ auswirken. Hier kann Waltenberger viel von seiner forensischen Erfahrung einbringen und damit an der ÖAW neue Erkenntnisse über Schwangerschaft und Geburt in vergangenen Kulturen gewinnen.

 

AUF EINEN BLICK

Lukas Waltenberger ist Doktorand am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Weitere Porträts von Forscher/innen sind im neuen Jahresbericht der ÖAW zu finden.