25.03.2020

Im kreativen Großlabor

Grundlagenforschung steht auch in Zeiten des Coronavirus nicht still. Im Gegenteil: Manche Fächer (er)finden sich im Home-Office gerade neu. Möglich machen das internationale Kollegialität, flexible Forschungsdesigns und Tools wie digitale Tauschbörsen, berichten Forscher/innen der ÖAW.

© Pixabay.com
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Woher bekommt man Daten, wenn man nicht ins Labor kann? Wie lässt sich die mittelalterliche Handschrift untersuchen, wenn das Archiv geschlossen ist? Und: Welche archäologischen Erkenntnisse gelingen, wenn ferne Grabungsstätten unerreichbar sind? Grundlagenforscher/innen sind derzeit mit eine Reihe derartiger Gretchenfragen konfrontiert. Ihre Antworten darauf sind, wie der virtuelle Austausch mit Forscher/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zeigt, ebenso kreativ wie kooperativ.

„Der Forschungsbetrieb läuft!“ – so viel steht auch für Jochen Schieck fest. Dass dieser allerdings derzeit ungewöhnlich aussieht, liegt für den Direktor des Instituts für Hochenergiephysik der ÖAW angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen genauso auf der Hand. Wo beispielsweise große Meetings, etwa zur Koordinierung von Forschungsvorhaben am Teilchenbeschleuniger des CERN, früher vor Ort stattfanden, trifft man sich nun in Videokonferenzen. Digitale Kommunikation ist gerade in der stark international ausgerichteten Grundlagenforschung seit langem unverzichtbar. Virtuelle Meetings mit 60 Teilnehmer/innen aus 25 verschiedenen Ländern wurden vorher durchaus auch durchgeführt, die Umwandlungen von großen abgesagten Konferenzen in interaktive digitale Vorträge waren dennoch bisher eher unüblich, wie Schieck berichtet.

Virtuelle Angebote

Doch gerade derartige technische Lösungen tragen aktuell maßgeblich dazu bei, Grundlagenforschung weiter organisieren und durchführen zu können, bestätigt auch Julia Budka, Archäologin am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der ÖAW und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von Bewerbungsgesprächen mit Projektmitarbeiter/innen, die nun über Konferenz-Software geführt werden, über die Öffnung von Beständen an digitaler Fachliteratur durch die großen Verlage bis hin zur Ausweitung des virtuellen Angebots wissenschaftlicher Bibliotheken entstehen Tag für Tag neue Services, die Wissenschaftler/innen auch im Home Office in Anspruch nehmen können – und müssen.

Wir stellen das Forschungsdesign um: Da derzeit keinerlei Reisen möglich sind, konzentrieren wir uns zunächst auf die Auswertung des Materials.

Denn Untersuchungen am Forschungsgegenstand selbst sind derzeit in vielen Fällen nahezu unmöglich. Eine Herausforderung, der sich auch Ljiljana Radonić stellt. Die Politikwissenschaftlerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW leitet ein vom European Research Council (ERC) gefördertes Projekt, das sich seit 2019 mit der Erinnerung an Holocaust und Genozide in 50 Museen auf der ganzen Welt auseinandersetzt – und das angesichts aktueller Reisebeschränkungen drastisch erschwert wurde. Die Lösung sieht Radonić in einer organisatorischen Entscheidung: „Wir stellen nun das Forschungsdesign um: Da derzeit keinerlei Reisen möglich sind und Museen zudem vielfach geschlossen haben, analysieren wir nicht mehr Museum für Museum, sondern konzentrieren uns zunächst auf die Auswertung des Materials aus früheren Reisen, die theoretische Arbeit und die Forschungsliteratur. Wir ändern also den gesamten Ablauf des Projekts.“

Solidarität und Kollegialität

Damit dieser Plan gelingt, bedarf es gerade jetzt einer umso intensiveren Zusammenarbeit zwischen den Forscher/innen und über disziplinäre und politische Grenzen hinweg. Wie stark die Solidarität und Kollegialität in der Forschungswelt glücklicherweise ist, lässt Johannes Preiser-Kapeller erahnen. Der Byzanzforscher am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW verweist dazu beispielsweise auf wissenschaftliche Tauschbörsen im Netz: Entstanden im Zuge der großen Finanzkrise in Griechenland und in Italien, stellen sich Fachkolleg/innen auch in der aktuellen Corona-Krise hier ihre digitalen Scans und Abbildungen gegenseitig zur Verfügung. Damit werden unterschiedlichste Forschungsvorhaben auch ohne physische Präsenz ermöglicht.

Wir sitzen auf Unmengen von Daten, die jetzt endlich analysiert werden können.

Das gelingt, in anderer Form, auch in der naturwissenschaftlichen Forschung. Diese ist ohne einen Laborbetrieb eigentlich in vielen Fällen undenkbar. „Labordaten können wir derzeit natürlich keine akquirieren“, bestätigt Ruben Gutzat, Pflanzenforscher am GMI - Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW. Wie viele seiner Kolleg/innen behilft er sich, indem er auf Datensätze zurückgreift, die bereits in der Vergangenheit gemacht werden konnten. „Wir sitzen auf Unmengen von Daten, die jetzt endlich analysiert werden können“, versichert auch ÖAW-Physiker Schieck.

Krise als Chance

Der gegenwärtigen Ausnahmesituation begegnet die Grundlagenforschung mit zahllosen weiteren Maßnahmen und kreativen Lösungen. In einem stimmen viele Forscher/innen dabei überein: Die Situation stellt nicht nur eine enorme gesellschaftliche Herausforderung dar, sondern kann in den Wissenschaften auch als Chance betrachtet werden, zum Beispiel weil nun neue technische oder organisatorische Lösungen erprobt werden, die später auch für den Normalbetrieb hilfreich sein können.

 

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Aufgrund der von der österreichischen Bundesregierung getroffenen vorbeugenden Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus sind die Gebäude der ÖAW vorübergehend geschlossen. Forscher/innen und Mitarbeitende der Akademie sind aber auf digitalem Weg weiter erreichbar. Einzelne Mitarbeiter/innen können über die individuellen E-Mail-Adressen (Vorname.Name@oeaw.ac.at) kontaktiert werden. Mit der Zentralen Verwaltung der Akademie kann via E-Mail an webmaster(at)oeaw.ac.at Kontakt aufgenommen werden.