05.10.2021

Früher Rucksacktourist: der Botaniker Leonhard Rauwolf

Bereits im 16. Jahrhundert bereiste der Augsburger Botaniker und Arzt Leonhard Rauwolf den Orient. Und berichtete als erster Europäer über die Kaffeepflanze. Was er auf seinen Reisen erlebte und warum er weniger Vorurteile als viele seiner Kollegen hatte, davon erzählt der Würzburger Historiker Walter Tilmann im ÖAW-Interview. Er war kürzlich zu Gast auf einer Tagung der ÖAW zu Reisen im Nahen Osten in der Geschichte.

Seit dem Mittelalter führten Pilgerfahrten und direkte Handelsbeziehungen Europäer regelmäßig in den Nahen Osten. © ÖAW/Sammlung Woldan

Der Nahe Osten als Reisedestination – das war das Thema einer Tagung des Instituts für Iranistik vom 27. bis 30. September 2021. Es ging um die Entwicklung des Tourismus im osmanischen, arabischen und iranischen Raum. Dabei sollte auch untersucht werden, welche Muster und Wertvorstellungen die frühen Entdecker in ihren Reiseberichten perpetuierten und wie sie auf fremde Kulturen geblickt haben.

Der Würzburger Historiker Walter Tilmann mit Spezialgebiet Medizingeschichte war einer der Vortragenden. Schon seit 20 Jahren ist er fasziniert von dem deutschen Botaniker und Arzt Leonhard Rauwolf. „Er war zwar ein überzeugter lutherischer Christ, anders als viele Reisende seiner Zeit scheint mir Rauwolf aber in seinem Urteil ein eher vorsichtiger - heute würde man vielleicht sagen: liberaler - Mann gewesen zu sein“, sagt Tilmann im Interview.

Als Europäer im Nahen Osten

Welche Motive hatte man im 16. Jahrhundert, in den Orient aufzubrechen?

Walter Tilmann: Es gab seit dem Mittelalter zwei große Traditionen des Reisens von Europäern in den Nahen Osten: Erstens die Pilgerfahrten ins „Heilige Land“, die aufgrund der Vielzahl der christlichen Pilger vor Ort schon fast nach Art von Pauschaltourismus durchgeführt wurden. Und Zweitens die direkten Handelsbeziehungen, die von Europa aus bis Syrien reichten. Rauwolf war mit der Augsburger Familie Manlich verschwägert und segelte auf ihren Handelsschiffen mit. In Tripoli kam er am 30. September 1573 mit dem Schiff an und verließ die Stadt am 9. November 1573 wieder in Richtung Aleppo. Im August 1574 reiste er auf den Booten von Händlern auf dem Euphrat bis nach Bagdad.

Welche Motive hatte er?

Tilmann: Leonhard Rauwolf fasziniert mich wegen seines Reiseberichts seit gut 20 Jahren. Sicher auch, weil ich ihm aus seinen Texten so sympathische Züge zuschreiben kann. Er habe von „Jugend an stets Lust verspürt, fremde Nationen zu besuchen und ihre Sitten und Gebräuche kennenzulernen, über die er als Schüler und Student gelesen“ habe, schreibt Rauwolf in seinem Reisebericht. Als Student der Medizin ging er nach Montpellier, wo er die Botanik kennenlernte, die sein Interesse am Reisen weiter verstärkte. Sein Herbarium mit 200 Pflanzen aus der Region des Nahen Ostens erschien so wertvoll, dass es 1593 für die kaiserlichen Sammlungen in Wien angekauft wurde. Heute wird es in Leiden aufbewahrt und gerade wieder näher erforscht.

Wenig Sprachkenntnisse, wenig Gepäck

Wie finanzierte er seine Reisen?

Tilmann: Rauwolfs Reisegefährte, der junge Ulmer Patrizier Hans Ulrich Krafft (1550-1621), der für die Firma Manlich tätig war, berichtet, Rauwolf sei als bezahlter Angestellter ärztlich für ihre Kaufleute zuständig gewesen. Dabei scheint Rauwolf von der Familie Manlich aber eher eine Art Reisestipendium gezahlt bekommen zu haben – wie sich aus der Tatsache ergibt, dass sich Rauwolf von der Niederlassung der Manlichs in Aleppo aus allein auf die Weiterreise Richtung Indien machte.

Wie reiste er?

Tilmann: Ich stelle mir Rauwolf wie eine Art Rucksacktouristen vor: Auf der Grundlage seines im Studium angelesenen Wissens, ohne ausreichende Sprachkenntnisse und mit wenig Gepäck reiste er in ein unbekanntes Gebiet, das nur indirekt durch Handelswege mit dem Westen verbunden war. Er war dabei sicher nicht der erste Europäer seit Marco Polo, der dies unternahm, denn schon in Rauwolfs eigenem Reisebericht wird ein weiterer Reisebegleiter erwähnt, da Rauwolf kein Arabisch sprach.

Liberaler Geist

Was nahm er von seinen Reisen mit nach Hause?

Tilmann: Rauwolfs 1582 gedruckter Reisebericht umfasst etwa 480 Seiten. Er war ein sehr genauer und auch fairer Beobachter, wohl auch aufgrund seiner genossenen Ausbildung als Arzt. Er war zwar ein überzeugter lutherischer Christ, anders als viele Reisende seiner Zeit scheint mir Rauwolf aber in seinem Urteil ein eher vorsichtiger – heute würde man vielleicht sagen: liberaler – Mann gewesen zu sein. Die „Türken“ (also die osmanischen Beherrscher des Nahen Ostens) waren für ihn nicht das absolute Böse, sondern verdienten Respekt. Neben Landschaften, Städten, Pflanzen und Wirtschaftsweisen werden auch das Rechtssystem der Osmanen und ihre Sitten, Gebräuche und Religion ohne vordergründige Abwertung geschildert. Rauwolf hat Pflanzen vor Ort ausgegraben, gepresst und getrocknet. Außerdem hat er ihre Samen gesammelt. 200 Pflanzen haben es so bis nach Europa geschafft. 191 von diesen sehr wertvollen Exemplaren sind bis heute erhalten geblieben.

Stimmt es, dass er der erste Europäer war, der über den Genuss von Kaffee berichtet hat? 

Tilmann: Rauwolf schreibt ausführlich über die wirtschaftliche Bedeutung von vielen Pflanzen als Lebensmittel und Heilpflanzen, darunter erwähnt er „Chaube“, ein heißes Getränk, schwarz wie Tinte, das am liebsten in Gesellschaft genossen werde, vor allem morgens, und auch zur Behandlung verschiedener Beschwerden, insbesondere des Magens diente. Wahrscheinlich war also Kaffee gemeint. Ob Rauwolf ihn selbst probiert hat? Über den Geschmack schreibt er jedenfalls nichts.

 

AUF EINEN BLICK

Walter Tilmann ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt befasste er sich als Mitarbeiter mit dem Thema "Ärztliche Autorität in der Frühen Neuzeit".

„Travelling Practices and the Emergence of Tourism in the Middle East (16th-20th Centuries)“ lautete der Titel eines Online-Workshops, zu dem das Institut für Iranistik der ÖAW vom 27. bis 30. September eingeladen hat.