08/08/2018

FEUERSTEINE AUF HOHER SEE

Feuersteine wurden in Nordeuropa in der Seefahrt bereits in der Wikingerzeit verwendet, um Schiffen Stabilität zu verleihen. Wie ein internationales Team von Forscher/innen unter Leitung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nun im Fachjournal PLOS ONE erstmals zeigen konnte, stammt der steinige Ballast eines um 1500 gesunkenen norwegischen Schiffes aus einer Bucht im Norden Dänemarks. Die Erkenntnis ermöglicht die Rekonstruktion von Handelsnetzwerken der damaligen Zeit.

Im Schifffahrtsmuseum von Oslo befindet sich ein auf den ersten Blick unscheinbar wirkender Fund, der Archäolog/innen aber seit Langem Rätsel aufgibt: Dreißig unbearbeitete Feuersteine mit einem Durchmesser zwischen 15 und 40 Zentimetern, die aus dem Wrack eines Schiffes geborgen wurden, das etwa zwischen 1500 und 1600 vor der südnorwegischen Stadt Kristiansand gesunken ist. Bekannt ist zwar, wofür die Steine verwendet wurden, nämlich als Ballast für Fahrten auf der rauen Nordsee. Unbekannt war bisher aber, woher die Steine kamen. Das würde jedoch viel über die Handelsnetzwerke und Schifffahrtsrouten der damaligen Zeit verraten.

Rätsel um Feuersteine aus gesunkenem Schiff gelöst

Dieses Rätsel konnte ein internationales Team unter Federführung des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) in Schleswig nun lösen. Wie die Wissenschaftler/innen aus Österreich, Deutschland, Norwegen und den USA in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift PLOS ONE belegen, stammen die Feuersteine aus der Vigsø-Bucht an der Küste Jütlands im Norden Dänemarks. Damit konnte erstmals geklärt werden, woher die vor allem im Holzhandel im Mittelalter eingesetzten Schiffe in Skandinavien ihren Ballast bezogen. Im Falle des gesunkenen Schiffes, das nach seinem Fundort als Leirvingen 1 bezeichnet wird, konnten sie damit sogar zeigen, dass es in der dänischen Bucht vor Anker gegangen sein muss, um die Feuersteine an Bord zu nehmen, da es damals keine „Vorratshaltung“ von Ballast in den Häfen gab.

Neue Methode ermöglicht „Fingerabdruck“ von Gesteinsfunden

Den Nachweis konnten die Forscher/innen um den Archäologen Michael Brandl durch eine am ÖAW-Institut in Wien eigens entwickelte neue Methode erbringen, die makroskopische, mikroskopische und geochemische Gesteinsanalysen verbindet. Mit dem sogenannten „Multi Layered Chert Sourcing Approach“ wurden zunächst die Steine aus dem norwegischen Schiff mit vorhandenen Funden aus zahlreichen Ländern Nordeuropas, in denen sich große Lagerstätten von Feuersteinen befinden, verglichen. Unter dem Mikroskop konnten zudem kleinste, im Gestein eingeschlossene Fossilien identifiziert werden, wie zum Beispiel Moostierchen. Bei diesen handelt es sich um „Leitfossilien“, die eine Altersbestimmung von Gesteinsschichten und regionale Eingrenzung erlauben.

Dadurch war es im Labor in Wien möglich, die Fundorte der als Schiffsballast verwendeten Feuersteine auf Dänemark und Norddeutschland einzugrenzen, wo die Forscher/innen Geoprospektionen durchführten. Das vor Ort gesammelte Material und die Steine aus dem Schiff wurden dann einer Spurenelementanalyse unterzogen und der geochemische „Fingerabdruck“ abgeglichen. Durch diese Kombination mehrerer Methoden und der umfangreichen Anzahl an geologischen Proben konnte schließlich zweifelsfrei festgestellt werden, dass der norwegische Schiffsballast aus der dänischen Vigsø-Bucht stammt.

Feuersteine prägten Menschheitsgeschichte über Jahrtausende

Die Forscher/innen hoffen nun mit der erfolgreich angewendeten Methodik weitere Rätsel um Steinfunde lösen zu können, was bisher aufgrund der großen Ähnlichkeit vieler Silikatgesteine, zu denen Feuersteine gehören, äußerst schwierig war. „Das Potential der neuen Methode ist riesig“, ist Michael Brandl, Erstautor der Studie, überzeugt. „Feuersteine zählen zu den wichtigsten Ressourcen der Menschheitsgeschichte.“

Die Verwendung von Feuersteinen ist bereits für den Homo erectus vor knapp 700.000 Jahren belegt, der aus diesem Material Geräte zum Schneiden und Schaben fertigte, und reicht bis ins 18. Jahrhundert als Feuersteine in Gewehre eingebaut wurden. „Feuersteine waren zu allen Zeiten so begehrt, dass sie teilweise von weit her beschafft wurden“, erklärt ÖAW-Forscher Brandl: „Von woher genau die Steine kamen, können wir jetzt besser rekonstruieren und damit auch die Vernetzungen und Handelsbeziehungen der Menschen über Jahrtausende.“