10/22/2018

Grabungen in Ephesos laufen auf Hochtouren

Nach zwei Jahren Pause können österreichische Archäolog/innen wieder im türkischen Ephesos arbeiten. ÖAW-Grabungsleiterin Sabine Ladstätter erklärt im Interview woran in der antiken Metropole aktuell und in Zukunft geforscht wird.

Es war kein angenehmer Moment für die österreichische Archäologie: Aufgrund diplomatischer Unstimmigkeiten zwischen Österreich und der Türkei mussten 2016 die Grabungen in Ephesos von einem Tag zum nächsten eingestellt werden. Und doch gibt es ein Happy End, denn seit knapp drei Monaten dürfen die Archäolog/innen wieder weiterforschen. Entsprechend optimistisch blickt Grabungsleiterin Sabine Ladstätter in die Zukunft: Die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), das heuer übrigens sein 120-jähriges Jubiläum feiert, freut sich über die Fortführung vieler bestehender und den Start neuer Projekte.   
 

Nach zweijähriger Zwangspause können Sie und Ihr Team endlich wieder in Ephesos weiterforschen. In welchem Zustand waren die zurückgelassenen Funde und das Grabungsbüro?

Sabine Ladstätter: Alles war mit einer dicken Schicht Staub überzogen, aber im Wesentlichen war alles intakt. Einzig die Metallfunde waren beschädigt, weil wir sie nicht mehr konservieren konnten. Bei dem uns verordneten Abzug im Sommer 2016 musste alles sehr schnell gehen, wir konnten unsere Funde nicht mehr ordnungsgemäß vakuumieren und verpacken. Die Schäden halten sich aber in Grenzen. Glücklicherweise haben die türkischen Kolleg/innen vor Ort bis zu unserer Rückkehr gut auf alles aufgepasst, alles war so wie wir es hinterlassen haben.

Momentan liegt unser Fokus auf einem byzantinischen Stadtquartier aus dem 7. Jahrhundert, wo wir eine noch viel ältere römische Sporthalle freigelegt haben.


Mittlerweile sind die Grabungen wieder in vollem Gange. Was sind derzeit Ihre vielversprechendsten Forschungen?

Ladstätter: Momentan liegt unser Fokus auf einem byzantinischen Stadtquartier aus dem 7. Jahrhundert n.Chr., wo wir eine noch viel ältere römische Sporthalle freigelegt haben. Sie wurde im späten 1. Jh. n. Chr. als öffentliche Einrichtung gebaut und bot Platz für alle damals populären Sportarten, etwa Laufen und Ringen, aber auch für Erholung, etwa in mehreren Bädern und Becken.

Was ist das Besondere an dieser Halle?

Ladstätter: Es handelt sich um die zweitgrößte Sporthalle im gesamten Römischen Reich. Das Aussehen können wir recht eindeutig rekonstruieren, unklar war aber bis vor kurzem noch, ob die Halle auch als Repräsentativbau konzipiert und verwendet wurde. Mittlerweile wissen wir: Der Bodenbelag war nicht aus Marmor, sondern aus Lehm – der vielleicht nicht so repräsentativ war, aber viel praktikabler, denn man konnte sich nicht so leicht darauf verletzen.

Es handelt sich also nicht um das Aushängeschild des damaligen Kaisers?

Ladstätter: Zumindest nicht hauptsächlich, denn die Halle wurde sehr funktional gebaut. Einen gewissen repräsentativen Charakter gab es natürlich – das zeigt sich etwa in den Marmorsäulen mit bis zu anderthalb Metern Durchmesser. Auch können wir davon ausgehen, dass das große Wasserbecken sowie die ganze Architektur prunkvoll ausgearbeitet waren.

Wie wurde die Halle zerstört – fiel sie einem Erdbeben zugrunde, wie es sie in der Region ja immer wieder gab?

Ladstätter: Nein – zumindest nicht direkt. Ein gewaltiges Feuer verschlang die Halle und ließ sogar die dicken Säulen bersten. Das wissen wir durch Funde von verkohltem Holz des Dachbodens und zerstörtem Marmor. Das Feuer könnte durchaus von einem Erdbeben verursacht worden sein, aber ich bin eher vorsichtig mit solchen Begründungen, denn für so einen Befund fehlen uns noch die Anhaltspunkte.

Woran arbeitet Ihr Team derzeit noch? 

Ladstätter: Aktuell restaurieren wir den großen Dominitiansbrunnen aus weißem Marmor, der leider schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen ist. Er wurde zwar bereits schon in den 1970er Jahren renoviert, allerdings setzten die Kollegen damals auf Beton – das war gang und gebe bei solchen Projekten, denn Beton galt als langlebig und zuverlässig. Wie wir heute wissen ist das alles andere als ideal, denn Beton verfällt rasant: Die Übergänge zwischen Beton und Eisenträgern werden brüchig, Wasser dringt ein und es kommt zu Korrosion.

Wie wird bei der Restaurierung vorgegangen?

Ladstätter: Wir verwenden nun Fiberglasklammern anstatt Eisen zur Stabilisierung des Brunnens, darüber hinaus versuchen wir, die Ästhetik des Brunnens durch optische Anpassung des Betons wiederherzustellen. Ein grundsätzliches Problem ist, dass Marmor chemisch gesehen eine sehr grobkörnige Kristallstruktur aufweist, in die Wasser eindringt: Es kommt zur sogenannten Zuckerkorrision – der Begriff passt, denn der zerbröselte Marmor sieht tatsächlich aus wie Kristallzucker. Deshalb müssen wir behutsam vorgehen.  

Mein persönliches Herzensprojekt sind die vielen Marmor-Steinbrüche, die verstreut um Ephesos liegen. Denn hier war eines der größten Marmor-Abbaugebiete des gesamten Römischen Reiches.

Auf welches Projekt freuen Sie sich besonders?

Ladstätter: Mein persönliches Herzensprojekt sind die vielen Marmor-Steinbrüche, die verstreut um Ephesos liegen. Dank der Emil-Suess-Stiftung der ÖAW haben wir die Ressourcen, Gesteinsanalysen durchzuführen und die Steinbruch-Landschaft zu konstruieren. Dieser Aufwand lohnt sich, denn hier war eines der größten Marmor-Abbaugebiete des gesamten Römischen Reiches. In der Stadt Rom gab es unzählige Sarkophage, die aus weißem Marmor aus Ephesos gefertigt waren.

Wie gehen Sie auf der Suche nach den jahrtausendealten Steinbrüchen vor, die ja längst nicht mehr in Betrieb sind?

Ladstätter: Die lokale Bevölkerung ist da sehr hilfreich und auch hilfsbereit: Wenn man in ein Teehaus in der Region geht und fragt, ob jemand von den Steinbrüchen gehört hat, fangen immer gleich alle zu reden an. Jeder hat etwas gehört oder kennt so einen Ort. Es stimmt zwar nicht immer, aber zumindest in einem Achtel der Fälle treffen wir tatsächlich auf archäologische, geologische und landschaftliche Spuren des Marmorabbaus. Das ist jedes Mal wieder ein schöner Moment.

Sie beschrieben einmal, bei Ihnen herrsche ein babylonisches Sprachgewirr, weil das Team so international ist. Sind Ihre Kollegen und Mitarbeiter im Wesentlichen noch dieselben wie vor dem Grabungsstopp?

Ladstätter: Das Team ist etwas kleiner geworden, aber im Wesentlichen sind es dieselben Archäolog/innen – und auch das Sprachgewirr ist geblieben. Unlängst saßen mit mir 20 Kolleg/innen am Tisch und sprachen in neun verschiedenen Sprachen (lacht). Natürlich sprechen wir hauptsächlich Englisch, und wenn etwa ein türkischer Archäologe nicht Englisch spricht, findet sich immer ein Kollege, der für ihn übersetzt.

Zuletzt noch ein Blick in die nahe Zukunft: Wie geht es im Winter und im neuen Jahr weiter?

Ladstätter: Im Dezember beginnt die regenreichste Zeit des Jahres – dann vor Ort weiter zu forschen hätte keinen Sinn: Nach einem Regentag dauert es drei Tage, bis alles wieder aufgetrocknet ist. Deshalb pausieren wir, bereiten aber weitere Projekte von Wien aus vor. Unsere türkische Stellvertreterin Filiz Öztürk, ebenfalls an der ÖAW, bleibt aber in Ephesos und hält die Stellung. Wir suchen aktuell um die Grabungsgenehmigung für 2019 an und sind zuversichtlich, dass wir sie auch bekommen werden. Nach der zweijährigen Pause bin ich nun froh und erleichtert, wieder optimistisch in die Zukunft blicken zu können.