12/12/2018

Erste Zukunftskollegs starten

Neue Forschungsprojekte im Umfang von 13 Millionen Euro wurden bewilligt für die innovative und fächerübergreifende Zusammenarbeit hervorragender Nachwuchswissenschaftler/innen.

Das Kuratorium des Wissenschaftsfonds FWF hat erstmals Zukunftskollegs an österreichischen Forschungsstätten bewilligt. In diesem Programm, das gemeinsam mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) entwickelt wurde, arbeiten Nachwuchstalente (Postdocs) in kreativen Teams fachübergreifend zusammen. Die Zukunftskollegs werden für eine Periode von maximal vier Jahren mit durchschnittlich 1,9 Millionen Euro pro Team aus Mitteln der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung und Mitteln des FWF gefördert.

Großes Interesse, hoher Frauenanteil

Von den insgesamt 58 Projektanträgen, die eingereicht wurden, fallen 33 Prozent in den Bereich der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, 47 Prozent in den Bereich Biologie und Medizin sowie 20 Prozent in die Natur- und Technikwissenschaften. Die Beteiligung von Wissenschaftlerinnen ist mit knapp 46 Prozent hoch, wobei rund 30 Prozent davon Leitungsfunktionen innehaben.

Fachübergreifendes Forschungs-Know-how

„Wissenschaft und Forschung findet vermehrt in Teams, die institutionen- und disziplinenübergreifend arbeiten, statt“, betont FWF-Präsident Klement Tockner und ergänzt: „Mit den Zukunftskollegs wagen wir neue Forschungsansätze und unkonventionelle Forschungskooperationen, um somit herausfordernde Themen bearbeiten und besonders spannende Fragen beantworten zu können“.

„Die Zukunftskollegs stehen für Pionierleistungen in der Grundlagenforschung durch fächerübergreifende Zusammenarbeit der besten jungen Köpfe in Österreich“, sagt ÖAW-Präsident Anton Zeilinger. „Mit diesem Förderprogramm wollen wir Nachwuchstalenten in unserem Land neue Chancen in der Forschung eröffnen. Der Austausch über die Grenzen von Disziplinen hinweg ermöglicht zugleich völlig neue Perspektiven und Problemlösungen. Die nun von einer internationalen Jury ausgewählten Projekte machen dieses hohe Zukunftspotential eindrucksvoll deutlich“, so Zeilinger weiter.

Internationale Jury

Ausgewählt wurden die sieben Projekte auf Basis internationaler Gutachten und der wesentlichen Kriterien wissenschaftliche Originalität und Innovation sowie grenzüberschreitende Zusammenarbeit des Teams im Rahmen einer Jurysitzung Anfang Dezember 2018 in Wien. Der Jury sitzt Gabriele Bammer vor, Professorin für Integrations- und Implementierungswissenschaften an der Australian National University.

„Förderungsorganisationen weltweit sind sich der Bedeutung bewusst, Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen zu kombinieren, um Innovationen anzuregen und komplexe gesellschaftliche Probleme effizienter zu erörtern. Die Gestaltung von Förderungsprogrammen zur Unterstützung dieser Forschung steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Der FWF nimmt hier eine Vorreiterrolle ein und die Zukunftskollegs könnten zum Modell für andere Institutionen werden“, so Bammer.

Forschungsfragen von Physik über Genetik bis Archäologie

Die Forschungsschwerpunkte der neuen Zukunftskollegs widmen sich unter anderem Innovationen im Bereich der Physik und Computerwissenschaften zur lichtstimulierten Anregung von neuronalen Zellen mit dem Ziel der neuronalen Regeneration. Zwei herausragende Forschungsvorhaben beschäftigen sich mit Genetik und Fragen zur RNA-Biologie. Hochdimensionales statistisches Lernen zur Entwicklung neuer Methoden für die Wirtschafts- und Nachhaltigkeitspolitik sind zwei weitere Themenkomplexe. Nicht zuletzt untersucht ein Konsortium den Tempel der Artemis in Ephesos in Hinblick auf seine soziale, wirtschaftliche und religiöse Bedeutung im Römischen Reich.


Die sieben Zukunftskollegs im Überblick

•    (Epi)transkriptomische RNA Modifikationen in Entzündungsreaktionen & Darm-Mikrobiom-Kommunikation
Koordination: Florian Ebner, Medizinische Universität Wien
Partner: Universität Wien

Chronisch entzündliche Erkrankungen sind eine immer häufigere Belastung für Patient/innen und die Gesundheitssysteme weltweit. Besonders in westlichen Ländern treten entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa in den letzten Jahrzehnten vermehrt auf. Diese Krankheiten zeichnen sich durch wiederkehrende Entzündungen des Magen-Darm-Traktes aus und sind heutzutage noch nicht heilbar. Das Zukunftskolleg hat das Ziel, medizinisch relevante Aspekte und Zusammenhänge zwischen RNA-Editing und entzündlichen Darmerkrankungen, der Kommunikation mit der Darmflora und der Immunhomeostase genauer zu untersuchen.


•    Emergenz der kausalen Ordnung in und jenseits der Quantentheorie
Koordination: Yelena Guryanova, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Die in der Physik und anderen Wissenschaften grundlegenden Begriffe von Ursache und Wirkung werden seit der Geburt der Quantentheorie öfters hinterfragt. Kürzlich durchgeführte Experimente mit elementaren Quantensystemen, vor allem Bell-Experimente, haben einen starken Einfluss auf Begriffe wie „physikalische Realität“ und „Kausalität“. In diesem Projekt wird der Begriff der Kausalität in als auch jenseits der Quantentheorie untersucht, um zu verstehen, wie ein Zeitpfeil in allgemeineren Theorien zustande kommen kann.


•    Hochdimensionales statistisches Lernen: Neue Methoden für Wirtschafts- und Nachhaltigkeitspolitik
Koordination: Gregor Kastner, Wirtschaftsuniversität Wien
Partner: Technische Universität Wien, Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO

In den letzten Jahren hat die Verfügbarkeit von großen Datenmengen rasant zugenommen. Diese sind oftmals zu groß, komplex, schnelllebig und zu schwach strukturiert um sie mit herkömmlichen Methoden der Datenverarbeitung auszuwerten. Vorrangiges Ziel dieses Projekts ist die Entwicklung und Anwendung von innovativen und zukunftsweisenden Methoden zur Analyse von großen Datenmengen.


•    Bioorthogonales Targeting von RNA
Koordination: Hannes Josef Mikula, Technische Universität Wien
Partner: Universität Wien

Aufgrund der biologischen Funktionen von RNA, dem enormen Potential zur Regulierung biologischer Prozesse, sowie der Assoziation zu verschiedensten Krankheiten, wurde RNA ein wichtiges Target für die Entwicklung von diagnostischen und therapeutischen Verfahren. Mehrere Strategien zur Manipulation und Detektion von RNA wurden entwickelt. Jedoch sind gezielte Anwendungen bis dato noch stark limitiert. Im Rahmen dieses Projektes sollen „programmierbare“ chemische Verbindungen hergestellt werden, die eine selektive Bindung an RNA, gefolgt von einer bioorthogonalen Ligation, ermöglichen. Diese Reaktion, die in lebenden Organismen gezielt ablaufen kann, führt dazu, dass die chemische Verbindung auf der RNA fix verankert wird.


•    Standortwettbewerb und Wirtschaftspolitik: Diskurse, Institutionen und Alltags-Praktiken
Koordination: Stephan Pühringer, Universität Linz
Partner: Universität Wien

Wettbewerb und Wettbewerbsfähigkeit spielen heutzutage in politischen Debatten eine wichtige Rolle und dienen in vielen Bereichen als Referenzpunkt für menschliches Handeln. Vor diesem Hintergrund untersucht das transdisziplinäre Forschungsprojekt, wie die ökonomische Wettbewerbslogik im akademischen Diskurs historisch entstanden ist und in politische und öffentliche Debatten, Gesetze und letztendlich auch unser Alltagsleben Einzug gehalten hat.


•    LOGOS-TBI: Licht-kontrollierte organische Halbleiter-Implantate bei SHT
Koordination: Muammer Ücal, Medizinische Universität Graz
Partner: Technische Universität Graz

Das Schädel-Hirn-Trauma bezeichnet eine Verletzung neuronaler Strukturen im Gehirn aufgrund von äußerer Krafteinwirkung. In den vergangenen Jahren wurde die elektrische Stimulation von Nerven getestet, um verlorengegangene synaptische Verbindungen im Gehirn zu ersetzen und die Regeneration eines neuronalen Netzwerkes anzuregen. Derzeitige Methoden der Elektrostimulation benötigen jedoch eine umfassende Verkabelung oder eine genetische Modifikation im Gehirn. In diesem Projekt soll ein grundlegend neues Konzept entwickelt werden, um Nervenzellen mit lichtaktiven Halbleiterstrukturen (sog. Photocaps) zu stimulieren.


•    Temenos und Territorium. Wirtschaftsmacht und soziale Bedeutung des Artemisions von Ephesos im Römischen Reich
Koordination: Lilli Zabrana, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Das geplante Projekt widmet sich anhand des Artemisions in Ephesos, eines der größten und bekanntesten Heiligtümer der Antike, der Transformation eines antiken Heiligtums in römischer Zeit, der Spätantike und den nachfolgenden mittelalterlichen Perioden. Über bisherige Heiligtumsstudien hinausgehend verknüpft das Projekt historische, archäologische, architektonische und geographische Daten, um die Struktur des Artemisions von Ephesos sowohl räumlich und zeitlich als auch soziokulturell zu verstehen.