18.01.2021

„Der Zusammenhalt ist brüchig geworden“

Welche Rolle die Solidarität in der Bekämpfung der Coronakrise einnimmt und wie es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt steht, darüber spricht Monika Mokre, Politikwissenschaftlerin an der ÖAW, im Interview.

Einige Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung, wie etwa das Tragen von Schutzmasken, beruhen auf Solidarität mit anderen.
Einige Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung, wie etwa das Tragen von Schutzmasken, beruhen auf Solidarität mit anderen. © Shutterstock

Testen, Impfen, Maske tragen. In pandemischen Zeiten wird von uns allen verantwortungsvolles Handeln gefordert und ein Gemeinschaftsgefühl beschworen. Aber wie hat sich der gesellschaftliche Zusammenhalt nach einem Jahr Pandemie im Land verändert? Wie wichtig ist Solidarität bei der erfolgreichen Bekämpfung der Krise? Und welche Rolle spielen soziale Medien für solidarisches Verhalten?

„Der Zusammenhalt ist brüchig geworden“, sagt Monika Mokre, Politikwissenschaftlerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), mit Blick auf die letzten Monate. Dennoch gäbe es immer noch viele Maßnahmen in der Pandemiebekämpfung, die nur funktionieren, weil die Menschen sich solidarisch zeigen: „Beim Testen geht es vorrangig darum, dass ich niemanden anderen anstecke – also um Solidarität“, so Mokre im Interview.

Zu Beginn der Coronakrise wurde vor allem ein Wort sehr bemüht: Solidarität. Wie steht es mittlerweile um den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Land?

Monika Mokre: Der Zusammenhalt ist brüchig geworden. Anders als im ersten Lockdown sind die ideologischen Unterschiede deutlicher und das Framing von Solidarität noch nationaler geworden. Wer heute Solidarität und Covid-19 googelt, findet vorwiegend Vorschläge zur Solidarität mit der österreichischen Wirtschaft, etwa, warum wir beim Online-Kauf nicht bei Amazon bestellen, sondern österreichische Unternehmen auswählen sollen.

Was wir sehen ist ein eklatanter Mangel an internationale Solidarität. Während sich die reichen Länder dieser Welt mehr als genügend Impfstoffe gesichert haben, wird es in ärmeren Ländern Jahre dauern, bis geimpft werden kann.

Das solidarische Verhalten hat also abgenommen?

Mokre: Dass dieses erste Aufflammen der Solidarität und das Gefühl helfen zu wollen nicht über längere Zeit hält, ist historisch betrachtet ganz normal. Wenn wir uns solidarische Entwicklungen ansehen, zeigt sich, dass nachhaltige Solidaritätsinitiativen im Laufe der Zeit institutionalisiert wurden, etwa unser öffentliches Sozialversicherungssystem. Diese Institutionalisierungen sind wichtig.

Welche Rolle spielt die Solidarität in der Bekämpfung der Pandemie?

Mokre: Es gibt einige Aspekte, die förmlich nach Solidarität schreien. Das Tragen der Maske beruht ausschließlich auf Solidarität. Die normalen Stoff-Masken, die wir derzeit noch oft verwenden, schützen nicht mich, sondern mein Gegenüber. Ähnlich ist es mit der Impfung: Wenn sich nicht sehr, sehr viele Menschen impfen lassen, hat sie wenig Sinn. Beim Testen geht es vorrangig darum, dass ich niemanden anderen anstecke – also um Solidarität. Wobei es durchaus fraglich ist, wenn diese Art der Solidarität durch einen indirekten Zwang erreicht werden soll, etwa indem ich von bestimmten Möglichkeiten ausgeschlossen werde, wenn ich mich nicht testen lasse.

Solidarität hängt auch davon ab, ob ich mich potentiell mitbetroffen fühle. Das Bewusstsein, dass uns alle Einkommensverluste und Arbeitslosigkeit betreffen können, ist in der Krise wieder größer geworden.

Stichwort Impfstoff. Was sagen Sie zur weltweiten Ungleichverteilung von Covid-19-Impfstoffen?

Mokre: Was wir hier sehen ist ein eklatanter Mangel an internationaler Solidarität. Während sich die reichen Länder dieser Welt mehr als genügend Impfstoffe gesichert haben, wird es in ärmeren Ländern Jahre dauern, bis geimpft werden kann. Es sei denn, es ändert sich noch etwas daran.

Nationale Antworten auf die Pandemie haben etwas wirklich Absurdes an sich und gleichzeitig wird das Thema aber so behandelt. Und: Solidarität hat immer etwas mit Grenzziehungen zu tun, diese müssen aber nicht national gezogen sein.

Frisst die Angst in pandemischen Zeiten die Solidarität auf?

Mokre: Nicht zwingend. Einer aktuellen Studie zufolge sind beispielsweise die Einstellungen zu einem bedingungslosen Grundeinkommen in der Bevölkerung sehr viel positiver geworden. Angst kann in beide Richtungen ausschlagen. Und Solidarität hängt auch davon ab, ob ich mich potentiell mitbetroffen fühle. Armut wurde im Diskurs der vergangenen Jahrzehnte manchmal wie eine Art von Charaktereigenschaft dargestellt – das abgehängte Prekariat, das nicht leistungswillig ist. Das Bewusstsein, dass uns alle Einkommensverluste und Arbeitslosigkeit betreffen können, ist in der Krise wieder größer geworden.

Jetzt sitzt man in der jeweiligen Facebook oder Twitter-Bubble und bezieht ganz unterschiedliche Infos. Das kann unglaubliche Vorteile haben, schwächt aber auch den Zusammenhalt.

Welche Rolle spielen bei Solidarität die Quellen, aus denen wir Informationen beziehen?

Mokre: Was wir tun sollen und was wir nicht tun sollen, ist in pandemischen Zeiten nicht immer klar und davon abhängig, welche Informationsquellen verwendet werden. Während wir vor ein paar Jahrzehnten noch zwei Fernsehprogramme zur Verfügung hatten und jede und jeder im Land um 19.30 Uhr die Nachrichtensendung Zeit im Bild anschaute, ist das heute natürlich ganz anders. Jetzt sitzt man in der jeweiligen Facebook- oder Twitter-Bubble und bezieht ganz unterschiedliche Infos. Das kann unglaubliche Vorteile haben, schwächt aber auch den Zusammenhalt. Denn je nach Info-Blase wird über Monate darüber berichtet, dass diese Pandemie nur durch rigide Einschränkungen begrenzt werden kann oder gar nicht existiert, sondern eine Verschwörung von wem auch immer ist.

 

AUF EINEN BLICK

Monika Mokre ist Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie ist seit 1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ÖAW, seit 2009 am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW. Mokre hat Lehraufträge am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft der Universität für Musik und darstellende Kunst und an der Webster University Vienna. Ende 2020 hat sie ihr Forschungsprojekt „Solidarität als Übersetzung“ abgeschlossen.