06/22/2017

Stimmung ist, was uns eint und trennt

Der Soziologe Heinz Bude sprach im Rahmen der ersten Karl Popper Lecture an der ÖAW über die Macht von Stimmungen in unseren Gesellschaften.

Spätestens seit Brexit, Pegida und Donald Trump ist klar: Die Großwetterlage in der westlichen Welt ist im Umbruch. Während zahlreiche Beobachter in Wissenschaft und Öffentlichkeit die Ursache dafür in Interessenskonflikten zwischen gesellschaftlichen Gruppen – etwa zwischen Globalisierungsverlierern und Globalisierungsgewinnern – suchen, macht Heinz Bude, Soziologe an der Universität Kassel, einen anderen entscheidenden Faktor aus: die Stimmungen in Gesellschaften.

Im Rahmen der Karl Popper Lectures, einer neuen Vortragsreihe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), schilderte er am 16. Juni 2017, warum Stimmungen zur Erklärung gesellschaftlicher Prozesse geeignet sind, wieso sie als „soziale Tatsachen“ betrachtet werden müssen und mit welchen Stimmungslagen wir es derzeit eigentlich zu tun haben.

Territorialisten gegen Globalisten, Geringverdienende gegen gut Ausgebildete, Heimatverbundene gegen Weltbürger, Alt gegen Jung – mit Gegensatzpaaren wie diesen kann Heinz Bude, wenn es um die Erklärung der voranschreitenden Polarisierung in westlichen Gesellschaften – oder genauer den Gesellschaften der OECD-Länder – geht, jedenfalls wenig anfangen. Gerade bei aktuellen Themen wie der Flüchtlingsbewegung prallen, so Budes Beobachtung, selbst in familiären oder freundschaftlichen Kreisen zunehmend ehemals kompatible Weltanschauungen aufeinander. Was aber führt dazu, dass sich Menschen, die sich über Jahre gut verstanden haben und ähnlich dachten, plötzlich bei solchen politischen Fragen in Streit geraten?

Stimmungen als soziale Tatsachen

 „Es fällt schwer, unterschiedliche Haltungen allein auf sozialdemographische Daten zurückzuführen“, erklärte Bude zunächst mit Verweis auf Wahluntersuchungen etwa in den USA und in Großbritannien. Hier seien es nämlich – anders als oft in den Medien dargestellt – keineswegs klar abgrenzbare Gruppen von Wähler/innen gewesen, die für den jeweiligen Erfolg oder Misserfolg der Standpunkte sorgten. Vielmehr, so Bude, seien gesellschaftliche Stimmungen entscheidend gewesen.

Unterschiedliche Haltungen lassen sich nicht allein auf sozialdemographische Daten zurückführen.


Denn während jeder Einzelne Stimmung im Alltag als etwas Subjektives erlebt, etwa, wenn er oder sie gute oder schlechte Laune hat, steht für den Soziologen außer Zweifel, dass es Stimmungen auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen gibt. Es handelt sich bei ihnen somit um soziale Tatsachen. „Stimmung ist, was uns eint und uns zugleich trennt. Denn die Stimmungen können unterschiedlich sein“, so Bude.

Neue Ungleichheiten und Konfrontationen

Was er damit meint, erklärte der Soziologe am Beispiel der Entwicklungen nach der Wende von 1989. Damals habe sich, sagte Bude, die Stimmung durchgesetzt, dass es in der Gesellschaft darauf ankomme, was jeder Einzelne machen und erreichen kann. Individualismus statt Kollektivismus sei das Motto gewesen.

Ein Ergebnis dieser in den 1990er Jahren vorherrschenden Stimmungslage sei heute zu beobachten. Sie habe zu einer neuen Ungleichheit und zur Rückkehr der Armut in den Ländern der OECD beigetragen. Die vermehrte Zuwanderung der letzten Jahre habe in dieser gesellschaftlichen Situation wiederum dazu geführt, dass zwei neue gegensätzliche Stimmungen an Lautstärke gewannen. Heinz Bude: „Es kam zu einer Konfrontation zwischen denen, die ihre Heimat gegen Zuwanderer verteidigen wollten und denen, die ihr Zuhause zur Disposition stellten, weil es in einer vernetzten Welt ohnehin nicht mehr zu halten ist.“

Potenzial der Verbitterung

Bude und sein Team haben sich diesen Sichtweisen auch empirisch angenähert. Mit wissenschaftlichen Fokusgruppen-Interviews untersuchten sie rechtspopulistische Stimmungen und stellten dabei fest: Zu den Anhängern derartiger Stimmungen gehören einerseits tendenziell schlechter ausgebildete Menschen, die in schlecht bezahlten Jobs Konkurrenz durch neue, billigere Arbeitskräfte fürchten, anderseits Angehörige der Mittelschicht, die um ihren Wohlstand bangen.

Die überraschendste Erkenntnis von Budes Forschungen aber war, dass sich noch eine weitere Gruppe identifizieren ließ, die man als „Verbitterte“ bezeichnen könnte: ehemals beruflich durchaus erfolgreiche Menschen, etwa aus dem mittleren Management, die Erfahrungen der Degradierung machen mussten. Dazu zählt Bude etwa Personen, die das Gefühl haben, dass sie unter Bedingungen, die sie nicht kontrollieren konnten, unter den eigenen Möglichkeiten geblieben sind.

Die Verbitterten sind der entscheidende Stimmungsträger der Gesellschaft.


Diese „Verbitterten“ haben großen Einfluss auf die Stimmungslage der Gesellschaft. Denn ihre Verbitterung und ihre erworbenen Fähigkeiten sind Antrieb zu Engagement. „Wir glauben, dass diese Gruppe die entscheidenden Stimmungsträger der Gesellschaft sind“, so Bude zusammenfassend.

Bisher fand sich in der politischen Landschaft für diese Menschen zwar kein solides Angebot – sondern eben nur eine kurzzeitig einigende politische Stimmung, die zudem bereits in sich zusammenzufallen scheint. Doch das Potential der Verbitterung besteht weiter. Bude betrachtet es daher als entscheidende Aufgabe von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft die Ursachen dieser Stimmung der Verbitterung zu klären und zu hinterfragen. Eines müsse man sich dabei angesichts der globalen Veränderungen allerdings klar machen: „Das Monopol auf die Zukunft haben schließlich nicht nur die westlichen Gesellschaften.“