03/14/2018

MITTELALTERLICHES PUZZLE IN TAUSENDEN TEILEN

Veraltete Handschriften wurden im Mittelalter in kleine Streifen geschnitten und wiederverwendet. Andreas Fingernagel begibt sich mit modernster Technik auf die Spur wertvoller Fragmente aus der Klosterbibliothek Mondsee, um die einzelnen Teile virtuell wieder zu ihrem ursprünglichen Text zusammenzufügen. Unterstützt wird der Kunsthistoriker dabei durch eine „go!digital“-Förderung der ÖAW.

Über 1.000 Pergament- und Papierfragmente aus der ehemaligen Bibliothek des Benediktinerstifts Mondsee finden sich heute verteilt auf verschiedene Institutionen im In- und Ausland. Ein einzigartiger Schatz.

Denn fügt man die oft nur wenige Millimeter breiten Reste zusammen, kann man rare Dokumente – wie die erste deutsche Bibelübersetzung aus der Zeit Kaiser Karls des Großen – wieder auferstehen lassen. Aber wie sollen Forscher/innen die fehlenden Stücke ausfindig machen? Dieser Fragestellung widmet sich ein Projekt des Kunsthistorikers Andreas Fingernagel. Er und sein Team an der Österreichischen Nationalbibliothek wollen die mittelalterlichen Fragmente des Klosters Mondsee fotografisch erfassen, digitalisieren und online stellen.

„Fügt man die einzelnen, oft nur wenige Millimeter breiten Reste zusammen, kann man rare Dokumente – wie die erste deutsche Bibelübersetzung aus der Zeit Kaiser Karls des Großen – wieder auferstehen lassen.“

Gefördert wird die Spurensuche durch das „go!digital“-Programm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Es unterstützt bereits seit vier Jahren innovative Forschungen und Methoden in den Digital Humanities. Dadurch sichert und erschließt es das kulturelle Erbe der Menschheit. Die aktuelle dritte Ausschreibung des Programms stellt dafür insgesamt drei Millionen Euro bereit.

Die Förderung der ÖAW macht es auch Andreas Fingernagel möglich, die Puzzleteile aus jahrhundertealten Handschriften Schnipsel für Schnipsel wieder zusammenzufügen. Wie das funktioniert, erklärt er im Interview.

Sie untersuchen Fragmente der Klosterbibliothek Mondsee. Warum ist gerade dieser Bestand für Sie interessant?

Andreas Fingernagel: Aus den Beständen der Klosterbibliothek Mondsee existieren, soweit wir bisher wissen, weit über 1.000 Fragmente, die heute auf mehrere Institutionen aufgeteilt sind. Die große Anzahl, aber vor allem die inhaltliche Bedeutung dieser Fragmente hat uns dazu bewogen, diesen Bestand auszuwählen – als Modellfall  für eine kooperative, digitale Erschließung.


„Kooperative Erschließung“ bedeutet, Sie machen sich gemeinsam mit Partnerorganisationen auf die Suche nach passenden „Fragment-Puzzle-Stücken“?

Fingernagel: Ja. Die Österreichische Nationalbibliothek hat nach der Aufhebung den handschriftlichen Bestand des Klosters übernommen. Die Archivalien sind in das Oberösterreichische Landesarchiv und die Drucke in die Oberösterreichische Landesbibliothek gekommen. Darüber hinaus gibt es viele Dokumente in französischen und in deutschen Bibliotheken. Diesen verstreuten Bestand  wollen wir zumindest teilweise wieder zusammenführen.

„Aus den Beständen der Klosterbibliothek Mondsee existieren vermutlich weit über 1.000 Fragmente, die heute auf mehrere Institutionen aufgeteilt sind.“

In welcher Form und in welchem Zustand finden Sie die Fragmente?

Fingernagel: Viele sehr alte Pergamentstücke, die bis ins 8. Jahrhundert zurückreichen, wurden im Scriptorium des Klosters als Einbandmakulatur für „neuere“ Handschriften verwendet. Sie wurden als so genannte „Spiegelblätter“ auf die Innenseite des Vorder- oder Hinterdeckels aufgeklebt, manchmal mit der Schrift sichtbar nach außen, manchmal mit der Schriftseite nach innen. Man hat aber auch, um die Haltbarkeit der Buchbindung zu verbessern, diese Pergamente in ganz kleine Streifen geschnitten und als Falzverstärkungen in die Buchbindung von Papierhandschriften eingelegt. Pergament ist ja ein festeres Material als Papier. Auch unter diesen Falzverstärkungen finden sich Stücke von größter Bedeutung.

Wie erkennt man, ob ein Dokument wichtig genug ist, um es abzulösen?

Fingernagel: Wie in der Medizin sind invasive Methoden die ultima ratio. Ein Nebenprodukt unseres Projekts ist es, dass man die Falzstreifen nicht mehr ablösen muss. Wir fotografieren sie derzeit mit einem Glasprisma, das es erlaubt, auch in enge Winkel hinein zu belichten, ohne das Material anzugreifen.

„Wie in der Medizin sind invasive Methoden die ultima ratio.“

Anders ist es bei den Spiegelblättern. Das ist wirklich der einzige Fall, wo man überlegen muss, ob man so ein Blatt ablöst. In früheren Zeiten hat man das eher leichtfertig durchgeführt. Wir schauen heute im Durchlicht und fragen uns: „Ist es dieses Fragment überhaupt ‚wert’, abgelöst zu werden?“

Die Fotografien der Fragmente stellen Sie anschließend ins Netz?

Fingernagel: Ja, wir arbeiten in enger Kooperation mit der digitalen Plattform „Fragmentarium, auf der Pergament-Fragmente aus der ganzen Welt gesammelt und miteinander verglichen werden können. Gemeinsam versuchen wir, Dokumente zusammenzuführen, auch aufgrund äußerer Merkmale. Wenn wir zum Beispiel ein Fragment haben, in dem nur eine Zeile vorhanden ist: Da bestimmen wir die Zeilenlänge und die Zeilenhöhe und können das Fragment dann in einem Suchdurchlauf mit anderen Fragmenten abgleichen, auf die die gleichen Parameter zutreffen. Man kann aber natürlich auch eine inhaltliche Überprüfung machen. Seit es Online-Volltextsuchen gibt, geht das wesentlich besser.

Was war technisch Ihre größte Herausforderung?

Fingernagel: Das war mit Sicherheit das Digitalisieren von ganz kleinen Fragmenten, „Fuzeln“, sage ich jetzt einmal. Diese virtuell wieder zusammen zu führen ist gar nicht so einfach.

Gibt es einen bestimmten Fund, auf den Sie hoffen, sozusagen der „Jackpot“ bei Ihrer Suche?

Fingernagel: Fragmentenforschung muss gar nicht so sensationell ausgerichtet sein! Wir freuen uns, wenn wir am Ende die Einzelergebnisse zusammenführen und eine bessere Vorstellung vom Scriptorium – also von der Schreibstube am Mondsee – über die Jahrhunderte bis in das späte Mittelalter erhalten. Schon jetzt, in dieser frühen Phase des Projekts, ist es uns beispielsweise gelungen, Fragmente als aus einer Handschrift stammend zu identifizieren und virtuell zusammenzuführen. Und wir wollen natürlich auch eine Case-Study bieten, in der wir Best-Practice-Beispiele für andere Bibliotheken entwickeln. Wie geht man am besten mit diesen Fragmenten um? Und: Wie macht man sie zugänglich für eine interessierte Öffentlichkeit?