Bausteine für ein Archäologisches Informationssystem Carnuntum

GI-Technologie in der Archäologie


Projektleitung: Ch. Gugl

MitarbeiterInnen: Magdalena Bru Calderon, Michael Hirschler, Isabella Kitz, Petra Mayrhofer

Während der letzten 150 Jahre haben eine Reihe unterschiedlicher Institutionen an den Forschungen in Carnuntum teilgenommen. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Hauptträger der archäologischen Feldforschungen neben dem Museum Carnuntinum, einer Einrichtung des Landes Niederösterreich, das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI), die ehemalige Limeskommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie das Bundesdenkmalamt (BDA). Daneben waren noch zahlreiche weitere Institutionen mit der wissenschaftlichen Bearbeitung von Carnuntum-Themen beschäftigt. Mit der fortschreitenden Entwicklung moderner archäologischer Prospektionsmethoden engagierten sich zuletzt auch das Luftbildarchiv des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien sowie die Abteilung ArcheoProspections® der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) mit großem Erfolg in Carnuntum.

Das Know-how und die vielfältigen Ressourcen, die die einzelnen Institutionen einbrachten, waren eine wesentliche Grundlage für die wissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Fortschritte in den letzten Jahrzehnten. Dennoch brachte diese Vielfalt auch eine Zersplitterung mit sich: Zahlreiche Informationen, ob in analoger oder digitaler Form, finden sich mittlerweile verstreut an verschiedenen Plätzen, aufgeteilt auf verschiedene Institutionen, vielfach ohne dass entsprechende Inventare der Bestände vorhanden wären.

Mit finanzieller Unterstützung des Landes Niederösterreich erarbeitete deshalb ein Team von Archäologen am Institut für Kulturgeschichte der Antike (ÖAW)  ein neues Ordnungsschema, das sämtliche archäologische Tätigkeiten in Carnuntum erfassen, klassifizieren und geographisch verorten sollte. Grundlage der Verortung bilden sogenannte ‚GeoCodes‘, die in einem Geographischen Informationssystem (GIS) die räumliche Ausdehnung jeder erfassten Tätigkeit in Form eines Polygons bestmöglich abdecken. Grabungen, Fundbeobachten und andere archäologische Tätigkeiten wurden mit einer eindeutigen Zahlenkombination versehen, die den Beginn der Aktion (Jahresangabe), gefolgt von einer laufenden Nummer, umfasst (z.B. 1971_01). Angefangen von der ersten lokalisierbaren Tätigkeit im Bereich des Heidentors (1668_01) bis in die Gegenwart ließen sich bisher knapp über 450 Aktionsbereiche (‚GeoCodes‘) kartieren. Diesen Aktionsbereichen können ein oder mehrere Beobachtungen bzw. Kategorien archäologischer Quellen zugeordnet werden, also Siedlungsbefunde, Gräber, Einzel- oder Streufunde sowie Depotfunde. Auch Negativbefunde, also Aufschlüsse ohne erkennbare archäologische Strukturen, wurden berücksichtigt. Neben grundlegenden Informationen, wie zur Datierung, und einer knappen Beschreibung wurde auch die relevante Literatur erfasst. Die Literaturabkürzungen erfolgen mittels Kurzzitaten, die in einer eigens erstellten Literaturliste CARLIT mit mittlerweile über 2.400 Titeln, aufgelöst sind.

Im Rahmen des FWF-Projekts P 17542-G2  wurde ebenfalls eine bestmögliche Verortung der aus Carnuntum bekannten Kult- und Weihedenkmäler durchgeführt. Wie bei den oben genannten Befunden, kann man nun auf diese 767 Steinobjekte sowohl über die in einer Sachdatenbank gespeicherten Beschreibungen als auch über die auf einer Karte darstellbaren Fundbereiche zugreifen.

Zwischen 2008 und 2010 war es möglich, darüber hinaus mehrere externe Datenbanken einzubinden. Am Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien wurde in den letzten Jahren eine Neubearbeitung der lateinischen Inschriften aus Carnuntum in Angriff genommen. Für diese Neuauflage des Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) konnten 1.153 Inschriften mit Fundort Carnuntum in einer Sachdatenbank erfasst werden. Die Verortung der Denkmäler in einem GIS übernahm wiederum das Institut für Kulturgeschichte der Antike. 

Die ‚GeoCode‘-Systematik sowie die Befunddatenbank bilden ferner die Basis für eine Reihe weiterer digitaler Materialsammlungen, die andere Einrichtungen zur Verfügung stellten, um geographisch verortet zu werden:

3D-Kulturdatenbank Carnuntum: ein vom Land Niederösterreich betriebenes Web-Portal mit größtenteils Laser-gescannten Fundobjekten aus Carnuntum

- die etwa 38.500 Fundmünzen, die im Zuge des FMRÖ-Projektes von der Numismatischen Kommission der ÖAW aufgenommen wurden

- die von Martin Mosser (Stadtarchäologie Wien) bearbeiteten Steindenkmäler der 15. Legion aus Carnuntum

Anzuschließen sind hier mehrere institutseigene Datensammlungen zu römischen Ziegeln  und Grabsteinen.

Durch die Definition der ‚GeoCodes‘ und die damit erfolgte Verortung von Befunden und Funden können mittlerweile eine Reihe unterschiedlichster Informationen, sogenannte Geofachdaten, miteinander in Beziehung gesetzt werden. Als Bausteine für ein zukünftiges Archäologisches Informationssystem Carnuntum bilden diese Geodatenbanken bereits jetzt eine wichtige Grundlage für die aktuellen wissenschaftlichen Forschungen in Carnuntum.