12.10.2018

„Wir müssen uns selbst befreien“

Wenn diskriminierte Gruppen um Selbstbestimmung kämpfen, dann geht es um Emanzipation, sagt die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi. Sie hielt die diesjährige Leibniz Lecture an der ÖAW und erklärte, warum der Begriff in der Gegenwart eine Renaissance verdient hat.

„Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen“, warnte Rahel Jaeggi. Eine Zeitdiagnose, die nicht unbedingt optimistisch stimmt, geht es doch bei Emanzipation um das Erlangen der Eigenständigkeit diskriminierter Individuen oder Gruppen. Was heute eine Selbstverständlichkeit sein sollte – sich von unterdrückenden Verhältnissen emanzipieren zu können –, ist es nicht.

Wie also kann Emanzipation in der gegenwärtigen Welt dennoch gelingen? Kann man anderen zur Emanzipation verhelfen? Und: Wie kann man der Kritik am Begriff der Emanzipation begegnen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Leibniz Lecture an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die von Rahel Jaeggi gehalten wird.

Frau Jaeggi, den Begriff “Emanzipation” kennt man vor allem aus der Frauenbewegung. Für Sie reicht er aber dahinter zurück?

Rahel Jaeggi: Ja, historisch gesehen kennt man ihn vor allem aus der jüdischen Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung, der bürgerlichen Emanzipation. Und natürlich: Emanzipation als Akt der Freilassung der Sklaven und Unfreien. Genereller ausgedrückt: Immer da, wo diskriminierte Gruppen ihre Eigenständigkeit erlangen und für individuelle wie kollektive Selbstbestimmung kämpfen, geht es um Emanzipation. Der Begriff hat aber in seiner Geschichte einige Änderungen und eine beträchtliche Ausweitung erfahren: Der Prozess der Emanzipation ist von einem, der asymmetrisch gewährt wird, zu einem geworden, den die Betreffenden selbst erstreiten. Heute verstehen wir unter Emanzipation nicht mehr einen einmaligen rechtlichen Akt, sondern einen langwierigen sozialen Prozess.

Kürzlich haben Sie in Berlin eine Konferenz zum Thema „Emanzipation“ organisiert. Inwiefern ist dieser Begriff geeignet, um über die aktuellen politischen Verhältnisse zu sprechen?

Jaeggi: Emanzipation ist heute ein untertheoretisierter Begriff. Das war der Ausgangspunkt unserer Tagung. Die Idee einer emanzipativen Transformation von Verhältnissen droht heute, inmitten von Krisen und Regressionstendenzen, unterzugehen. In diesem Sinne sollte Emanzipation heute nicht bloße Reaktion sein, sondern wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.
 

Emanzipation sollte wieder an eine politische Situation anknüpfen, in der die sogenannte soziale Frage von den anderen Fragen nicht getrennt war – es also um eine Transformation von Lebensformen im Ganzen ging.


Ihre Mutter, Eva Jaeggi, ist Psychoanalytikerin, Ihr Vater, Urs Jaeggi, Autor und Soziologe. Beide waren in der 68er Bewegung aktiv. Wann hörten Sie eigentlich als Kind oder junges Mädchen das erste Mal von Emanzipation?

Jaeggi: Vermutlich im Grips-Theater, einem linken Berliner Kindertheater.

War „Emanzipation“ bei Ihnen zuhause auch ein Schlagwort?

Jaeggi: Nein. Aber dass sich im Begriff der Emanzipation der Geist von '68 spiegelt, und zwar genau dort, wo man heute wieder ansetzen müsste, das haben wir auch bei der Konferenz betont.

Wie hat sich der Begriff seit damals verändert?

Jaeggi: Er hatte sich damals oder bis damals verändert. Wie vorher angedeutet, hat er sich immer stärker ausgedehnt und im Zuge der '68er die Bedeutung einer Transformation aller Lebensverhältnisse angenommen. Seit damals ist er dann Schritt für Schritt auch theoretisch unter Beschuss geraten, zum Beispiel wenn man im Geiste Foucaults kritisiert, die Emanzipationsidee suggeriere, dass da irgendwo unter den Verdeckungen durch Herrschaftsverhältnisse ein unbeschadetes Potenzial läge, das nur auf irgendeine Weise befreit und losgelassen werden müsse. Auf solche Kritiken muss eine zeitgenössische Rekonstruktion des Emanzipationsbegriffs reagieren – kann sie aber auch, wie ich behaupte.

Wenn in populären Diskursen über Emanzipation gesprochen wird, geht es oft um „die anderen“. Um „Kopftuchfrauen“ oder „Billiglohnarbeiter“, denen man helfen müsse, sich zu emanzipieren. Aber geht das überhaupt, anderen zur Emanzipation zu verhelfen?

Jaeggi: Nein, das ist paternalistisch. Und widerspricht dem Gehalt des Begriffs. Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst. Wir müssen uns selbst befreien: Das ist eine der wesentlichen Transformationen, die der Begriff durchgemacht hat. Hinter der paternalistischen Idee der Emanzipation der anderen stehen oft verdeckte Herrschaftsinteressen, etwa wenn weiße Männer nicht-weiße Frauen emanzipieren.
 

Emanzipieren können einen nicht die anderen, das kann man nur selbst.


Gibt es den vollkommen emanzipierten Menschen?

Jaeggi: Den gibt es nicht. Emanzipation ist eine Frage von Graden und ein fortlaufender Prozess. Keine einmalige Angelegenheit.

Sie sind Universitätsprofessorin. Wenn Sie über den Begriff der „Emanzipation“ nachdenken: Können Sie die eigene politische Haltung von der wissenschaftlichen Arbeit trennen? Und wollen Sie das überhaupt?

Jaeggi: Nein. Das ist ja eines der Privilegien einer solchen Arbeit, dass man hier einen Reflexionsraum findet, in den das, was einen gesellschaftlich und politisch bewegt, in abstrakte, theoriegeleitete, grundbegriffliche Überlegungen eingehen kann. Natürlich selten auf direktem Weg – ein Reflexionsraum ist ja auch dazu da, dass man hier Dinge ohne unmittelbaren Handlungszwang diskutieren kann – aber auf irgendeine Weise eben doch.