07.07.2020

Wie man die Abwesenheit berührt

Anna Artaker betreibt Forschung als Kunst. Als Künstlerin schafft das Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW Werkserien, die sich Walter Benjamins dialektischen Bildern annähern.

Die Künstlerin und Forscherin Anna Artaker steht vor einer Foto-Collage
Anna Artaker forscht mit künstlerischen Mitteln. © ÖAW/Klaus Pichler

„Kunst zu machen ist für mich die Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln“, sagt Anna Artaker. Während man sich in der Philosophie abstrakten Begriffen durch metaphorisches Denken annähert, überträgt sie die Denkmodelle ins Visuelle. Sie schafft Bilder. Im wörtlichen Sinn. Bilder, die man an die Wand hängt oder projiziert. „Die Theorie befruchtet die Kunst und umgekehrt. Kunst zu machen führt wiederum zu neuen Denkanstößen“, sagt die Künstlerin und Philosophin.

Anna Artaker ist Elise­Richter­PEEK­Fellow an der Akademie der bildenden Künste Wien. PEEK ist das Akronym für das Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste des Wissenschaftsfonds FWF. Als erste Vertreterin der künstlerischen Forschung ist sie Mitglied und Teil des Direktoriums der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Was sie an der Jungen Akademie schätzt, ist die Neugier, Offenheit und Diversität ihrer Mitglieder. Dort bekomme man Fragen gestellt, an die man selbst nicht gedacht hätte, sagt sie. Und: „Alle Studien zeigen: Je diverser die Zusammensetzung, desto mehr Kreativität erzeugt so ein Austausch.“

DIE VERGANGENHEIT IM JETZT

Anna Artakers Arbeit kreist um die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit. Ausgangspunkt ihres künstlerischen Forschungsprojekts „Medien der Geschichte“ ist das dialektische Bild, ein zentraler Begriff in der Walter Benjamin’schen Philosophie der Geschichte, den er im unvollendet gebliebenen „Passagen­Werk“ (1927–1940) entwickelt. Darüber, was ein dialektisches Bild sein soll, wurde viel geschrieben, erzählt die Kunstwissenschaftlerin. Benjamin definiert es unter anderem als eine „Konstellation des Gewesenen mit dem Jetzt“. Ausgehend von diesem Gedanken sucht Artaker nach künstlerischen Zugängen, die Walter Benjamins dialektischen Bildern entsprechen.

Anna Artakers Arbeit kreist um die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit.

Einen Ansatzpunkt dafür liefert ihr der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman. Er bringt das dialektische Bild in Zusammenhang mit dem Abdruck. So verweist etwa ein Fußabdruck im Sand sowohl auf den Moment der Berührung, die den Abdruck entstehen hat lassen, als auch auf die Abwesenheit der Berührung, die ihn sichtbar macht. Artaker gibt noch ein Beispiel für das Aufblitzen der Vergangenheit in der Gegenwart: „Denken wir an die negativen Handabdrucke, wie sie auch in der Höhlenmalerei vor 30.000 Jahren vorkommen. Auch hier haben wir es mit der Abwesenheit einer Berührung zu tun, nämlich der Berührung, die den Abdruck hinterlassen hat. Wenn wir uns vorstellen, dass wir unsere Hand auf einen solchen Abdruck legen, den einer unserer Vorfahren vor Jahrtausenden hinterlassen hat, so ermöglicht das zugleich auch so etwas wie eine Berührung dieser Abwesenheit.“

BERÜHRUNG MIT DER NATUR

Ähnliches bewirkt eine Technik aus der Frühgeschichte der Fotografie. William Henry Fox Talbot, der britische Fotopionier, publizierte zwischen 1844 und 1846 unter dem Titel „The Pencil of Nature“ sein fotografisches Verfahren. Neben Fotografien, die nach dem heute geläufigen Positiv-Negativ-Prinzip mit der Lochkamera aufgenommen wurden, finden sich darunter auch zwei Fotogramme, bei denen das Bild durch den physischen Kontakt des Motivs mit dem lichtempfindlich gemachten Papier entstanden ist.

Artaker geht an die Ursprünge der Fotografie zurück, wo die Fotografie etwas Haptisches hat, um zu verstehen, was passiert, wenn Bilder nur noch digital und ihre Erscheinungs formen flüchtig sind.

Wie das Fotogramm basiert auch der Naturselbstdruck auf einer Berührung mit der Natur und schafft so eine „Konstellation des Gewesenen mit dem Jetzt“. In der Werkserie „The Pencil of Nature“ verbindet Artaker diese Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien perfektionierte Technik mit der Geschichte der Fotografie. Dabei verwendet sie Exemplare der Pflanzen, die sich auf Talbots botanischen Fotogrammen identifizieren lassen, für eine Serie von Naturselbstdrucken. Diese waren 2019 im Rahmen der Konferenz „Global Sustainable Development Goals in a Mediatized World“ auch in der Aula der ÖAW zu sehen.

ÄRA DER DIGITALEN BILDER

Die künstlerische Forscherin interessiert sich nicht nur für fotohistorische Kontexte, sondern auch für das hier verhandelte Wechselspiel von Abbild und Wirklichkeit. „Wir versuchen, die Welt, die uns umgibt, zu begreifen, indem wir sie abbilden. Aber: Sobald ich ein Bild von der Welt gemacht habe, ist dieses Bild auch in der Welt und erzeugt seinerseits eine neue Sichtweise“, so Artaker.

Sobald ich ein Bild von der Welt gemacht habe, ist dieses Bild auch in der Welt und erzeugt seinerseits eine neue Sichtweise, sagt Artaker.

Sie geht an die Ursprünge der Fotografie zurück, wo die Fotografie etwas Haptisches hat, um zu verstehen, was passiert, wenn Bilder nur noch digital und ihre Erscheinungs formen flüchtig sind. „Wir bilden die Welt nicht mehr ab, um sie zu verstehen, sondern die Bilder, die uns umgeben, werden zunehmend realitätsstiftend.“ Und wo kann die Philosophin am besten nachdenken? „In der Stille der Nacht, wenn niemand mehr anruft und es keine E­Mails zu beantworten gibt“, sagt sie. Dann können die Dinge zusammenkommen.

 

AUF EINEN BLICK

Anna Artaker ist Elise­Richter­PEEK­Fellow an der Akademie der bildenden Künste Wien und Mitglied im Direktorium der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Weitere Porträts von Forscher/innen sind im neuen Jahresbericht der ÖAW zu finden.

 


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