25.01.2019

Wie Krieg und Genozid erinnert werden

Gibt es ein globalisiertes Gedenken an Genozide und Krieg, und welche Rollen spielen dabei Museen? Diesen Fragen geht ÖAW-Politikwissenschaftlerin Ljiljana Radonić nach. Nun ermöglicht ihr ein ERC-Grant den Vergleich von 50 Gedenkmuseen und Erinnerungskulturen auf vier Kontinenten

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Schon seit jeher ist Geschichte und Geschichtsschreibung politisch, auf die Zwecke der Gegenwart ausgerichtet: Was klammert man aus, was streicht man heraus? Wer sind die Opfer, wer die Täter? Wie Länder sich an die düstersten Kapitel ihrer Geschichte wie Genozid und Krieg erinnern, ist der Forschungsgegenstand von Ljiljana Radonić vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Vor wenigen Wochen erhielt Radonić einen mit knapp zwei Millionen Euro dotierten ERC Consolidator Grant für ihr groß angelegtes Forschungsprojekt „Globalized Memorial Museums. Exhibiting Atrocities in the Era of Claims for Moral Universals“, das im Herbst 2019 starten wird.  

Globalisierung von Gedenkmuseen

Mittels einer vergleichenden Analyse von 50 dem Zweiten Weltkrieg sowie den Genoziden in Ruanda und Bosnien-Herzegowina gewidmeten Museen auf vier Kontinenten untersucht Radonić, welche Normen und Trends in verschiedenen nationalen Kontexten vorherrschen. Im Zentrum ihrer Studie steht überdies die Frage, ob es eine Globalisierung der institutionalisierten Erinnerung an Genozide und Kriegsgräuel gibt und wenn ja, wie diese sich vollzieht.

Wir gehen davon aus, dass sich viele Erinnerungsmuseen an zwei prominenten Gedenkmuseen orientieren, am United States Holocaust Memorial Museum und an Yad Vashem.

„Wir gehen davon aus, dass sich viele Erinnerungsmuseen an zwei prominenten Gedenkmuseen orientieren, was Ästhetik und Konzeption betrifft: Am United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. und an Yad Vashem in Jerusalem. Ob dem tatsächlich so ist und was genau das heißt, wollen wir untersuchen“, sagt Radonić, die mit vier wissenschaftlichen Kolleg/innen im ERC-Projekt arbeiten wird. Eine solche Globalisierung hätte positive Auswirkungen auf Aufbereitung und Professionalität der Gedenkstätten, berge aber auch Risiken wie einen fehlenden Bezug zum Ort sowie eine gewisse Beliebigkeit durch eine Universalisierung des Gedenkens.

Von Ruanda über Bosnien bis nach Japan

Neben Gedenkmuseen von Opfer- und Täterstaaten des Zweiten Weltkriegs in Europa sowie den USA werden die Forscher/innen auch Museen in Ruanda und Bosnien untersuchen, wo die Kriegsverbrechen erst wenige Jahre zurückliegen: Ruanda litt unter dem verheerenden Bürgerkrieg zwischen den Hutsi und Tutsi im Jahr 1994, Bosnien hingegen war zwischen 1992 und 1996 Schauplatz des Jugoslawienkriegs.

Aber auch Erinnerungskulturen in Japan und China werden Teil der Untersuchung sein. Japan fiel 1937 gewaltsam in China ein und verfolgte eine brutale Expansion im gesamten Pazifikraum, der Hunderttausende Zivilisten zum Opfer fielen. Nach der Kapitulation im Jahr 1945 verschrieb sich Japan dem Pazifismus und der Abrüstung, erinnerungspolitisch ist die Zeit des Kriegs aber noch nicht abgehandelt, weiß Radonić: „In den letzten fünf Jahren gab es einen Rückschritt in der japanischen Erinnerungspolitik und Aufarbeitung. Interessant ist, dass kleinere Gedenkstätten, etwa in Osaka, viel selbstkritischer und diskursiver über die eigene Rolle im Krieg informierten als die repräsentativeren Museen in der Hauptstadt Tokio, aber neuerdings den Ausdruck ‚japanische Agression‘ zurücknehmen mussten.“ Auch im Bürgerkriegsland Ruanda vermutet Radonić regionale Unterschiede zwischen der stark an internationalen Trends ausgerichteten Ausstellung in der Hauptstadt Kigali und den regionalen Museen, die ebenfalls Teil ihrer Untersuchung sein werden.

Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in den „neuen“ EU-Staaten

Noch vor dem Start des ERC-Grants im September 2019 schließt Radonić ihre Habilitation ab, die ebenfalls Erinnerungskulturen zum Thema hat: Unter dem Titel „Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen“ untersucht die Forscherin zehn Gedenkmuseen in neun Staaten in Ostmittel- und Südosteuropa, die 2004 (im Falle Kroatiens: 2013) der EU beigetreten sind. Im Zentrum stehen die Art und Weise, wie „doppelte Okkupation“ (durch die Nazis und anschließend die die sozialistische Sowjetunion), Holocaust und Opfernarrative verhandelt werden, aber auch die Frage, wie diese Museen ihre ständigen Ausstellungen im Zuge der EU-Beitrittsbemühungen verändert haben.

„Ich habe für jedes Land das repräsentativste Museum ausgewählt: Jenes, in das die Regierung üblicherweise ausländische Staatsgäste führen würde“, sagt Radonić. Einzig in Ungarn untersucht die Forscherin zwei Museen: Das Haus des Terrors sowie das Holocaust-Gedenkzentrum, beide in Budapest, beides staatliche Museen, eines als Signal nach innen, das andere als Beweis des „Europäischseins“ für den EU-Beitritt. Die Unterschiede zwischen den Ländern waren und sind teilweise enorm, berichtet Radonić: „Während einige Museen ‚Europa anrufen‘ und die Rolle des Landes in einem vereinten Europa betonen, verlangen andere ganz vehement eine Anerkennung des doppelten Leids durch Nazi-Besetzung und Sozialismus, das nicht selten als eine einzige lange Leidensphase dargestellt wird.“

Kontroversen um Erinnerungspolitik

Thematisiert werden in ihrer Untersuchung nicht nur die Museen selbst, sondern auch der historische und politische Hintergrund der jeweiligen nationalen Erinnerungspolitik. Die diesbezüglichen Debatten sind oft höchst kontrovers und werden von den jeweiligen Regierungen gezielt mit der Frage der nationalen Identität verknüpft, so Radonić: „Der aktuelle autoritäre Backlash in Ländern wie Polen und Ungarn wirkt sich auch auf die dortige Erinnerungspolitik aus. Diese Entwicklung war zum Anfang meiner Untersuchung nicht absehbar.“

Der aktuelle autoritäre Backlash in Ländern wie Polen und Ungarn wirkt sich auch auf die dortige Erinnerungspolitik aus.

Und am Balkan, wo bis Mitte der 1990er noch Krieg geführt wurde, ist die geschichtliche Deutung noch heiß umkämpft und wird immer durch die jeweilige ethnische Brille gesehen: „Die historischen Fakten über den Zweiten Weltkrieg sind in der wissenschaftlichen Literatur, zum Teil auch in Zusammenarbeit zwischen Belgrad und Zagreb, gut erforscht, aber in der politischen Auseinandersetzung ist der Krieg immer noch Gegenstand zahlreicher Geschichtsverfälschungen “, erklärt Radonić mit Blick auf Kroatien, Serbien und Bosnien.

Für ÖAW-Politikwissenschaftlerin Radonić und ihr ERC-Projekt bedeutet das: Es bleibt noch viel zu erforschen.

 

Ljiljana Radonić ist wissenschaftlicheMitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW. Sie wurde in Kroatien geboren und studierte an der Universität Wien, an der sie 2009 auch promovierte.

Aufenthalte als Gastforscherin führten sie u.a. an der Universität Gießen, das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) und die Universität Graz. Sie war APART-Stipendiatin der ÖAW und ist Elise-Richter-Stipendiatin des FWF.

Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW