31.08.2015

Wie Jäger und Sammler heute und in Zukunft leben

Rund 400 Wissenschaftler aus aller Welt diskutieren vom 7. bis 11. September in Wien bei einer Konferenz über Jäger- und Sammlergesellschaften. Unter den Vortragenden sind auch Repräsentanten indigener Gemeinschaften. Kurzweilige Einblicke in die Erlebnisse von Feldforschern bietet ein "Fieldwork Slam".

Mobilität, Nachhaltigkeit und Gender Equality sind nicht nur Themen des modernen Großstadtnomaden. Auch Gesellschaften, die mit Jagen, Fischen und Sammeln ihr Leben bestreiten, müssen sich mit ihrer Umwelt arrangieren, ressourcenschonend wirtschaften und über die Rollen der Geschlechter nachdenken.  Wie sie das tun, vor welchen Herausforderungen sie dabei stehen und was moderne Gesellschaften von ihnen lernen können, damit befasst sich die 11th Conference on Hunting and Gathering Societies (CHAGS), die vom 7. bis 11. September erstmals in Wien stattfindet.

An der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien diskutieren rund 400 Wissenschaftler/innen aus aller Welt und aus verschiedenen Disziplinen – von Archäologie und Ethnologie über Biologie bis zu den Sprachwissenschaften – über eine Gesellschaftsform, die die Geschichte der Menschheit über Jahrtausende geprägt hat und heute vielfach um ihr Überleben kämpft.

Aborigines, First Nations People und San in Wien
Bei fünf Plenarsitzungen und insgesamt 54 Vorträgen sprechen international renommierte Wissenschaftler/innen ebenso wie Vertreter/innen indigener Kulturen. Zu Gast in Wien sind etwa Aborigines aus Australien, Mitglieder der First Nations aus Alaska oder die San, Jäger und Sammler aus der afrikanischen Kalahari-Steppe.

Den Eröffnungsvortrag hält der Anthropologe Thomas Widlok über „Hunter-gatherer situations“. Sein Vortrag findet am 7. September um 18:30 Uhr im Festsaal der ÖAW statt. Der britische Archäologe Lawrence Barham hält die zweite Keynote Speech „Where would they be without technology? An archaeologist’s perspective on the evolution of hunting & gathering” am 8. September um 9 Uhr an der Universität Wien.

Zu den hochkarätigen Wissenschaftlern, die bei der Konferenz zu Gast sein werden, zählt auch Richard B. Lee. Er gilt als Mitbegründer der modernen Jäger- und Sammlerforschung und hat 1966 die erste CHAGS-Konferenz ins Leben gerufen. Aktuell erforscht der Kanadier die kulturellen und sozialen Auswirkungen der AIDS-Epidemie in Südafrika. Der britische Anthropologe Jerome Lewis ist ein weiterer Stargast der Konferenz. Er hat die globalen Einflüsse auf das Volk der Pygmäen in Rwanda und der Republik Kongo erforscht auf Menschenrechtsverletzungen, denen sie ausgesetzt sind, aufmerksam gemacht.   

Österreich forscht im Regenwald und am Polarkreis
Österreich hat eine lange Tradition in der Erforschung von Jäger- und Sammlergesellschaften. Die von Wilhelm Schmidt begründete Wiener Schule der Völkerkunde hat schon Anfang des 20. Jahrhunderts umfangreiche Forschungen unternommen. So war die Expedition des österreichischen Ethnologen Paul Schebesta auf der malaiischen Halbinsel in den 1920er Jahren die erste Jäger-Sammler-Feldforschung in der Region. Die ideologischen Voraussetzungen dieser Reisen sind aus heutiger Sicht zwar kritisch zu betrachten – Schebesta suchte, finanziert vom Papst, nach dem Beweis, dass am Ursprung der Menschheit der religiöse Monotheismus stand – doch das empirische Material, das zusammengetragen wurde, bildete die Forschungsgrundlage für Generationen von Ethnolog/inn/en und gehört heute der Sammlung des Weltmuseum Wien an.

Gegenwärtig ist die österreichische Jäger- und Sammlerforschung auf das Institut für Sozialanthropologie der ÖAW und das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien konzentriert. Die Anthropologen Helmut Lukas und Khaled Hakami vom ÖAW-Institut für Sozialanthropologie haben sich etwa auf  Sumatra, Indonesien und Südthailand spezialisiert, wo sie im vergangenen Jahr bei den „Maniq“ geforscht haben. Die Maniq leben im Regenwald und haben eine völlig egalitäre Gesellschaftsform. Es gibt keinen Anführer, kein Eigentum, keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, Kindern und Erwachsenen. Eine Studie von Lukas und Hakami zu Erziehung und Sozialisation bei den Maniq wird Ende des Jahres erscheinen.

Peter Schweitzer vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien wiederum erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf die Jäger und Sammler am Polarkreis. Da die Arktis und die Alpen als Schneeregionen in ähnlicher Weise vom Klimawandel betroffen sind, vergleicht Schweitzer wie die Menschen im hohen Norden und in den österreichischen Bergen mit den Folgen der globalen Erwärmung umgehen.   

Fieldwork Slam und Movie Nights
Das wissenschaftliche Programm der Konferenz wird von zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen begleitet. Ein Kino-Abend zeigt vom 8. bis 11. September in Kooperation mit dem Ethnocineca Filmfest aktuelle ethnografische Dokumentationen und Kurzfilme, bei einer alternativen Städtetour können die „grünen Lungen“ Wiens (8. September) oder das jüdische Wien (10. September) erkundet werden. Beim „Fieldwork Slam“ am 8. September wiederum erzählen Anthropolog/inn/en von den Begegnungen, den Gefahren aber auch Abenteuern, die sie auf ihren Forschungsreisen in entlegene Teile der Welt erlebt haben. „Tales from the Field“ ist ein offenes „Fragen & Antworten“-Forum, bei dem junge Nachwuchswuchswissenschaftler/innen, Studierende und wissenschaftlich Interessierte Forscher/innen über ihre Erfahrungen und Herausforderungen „im Feld“ befragen können.

Die Konferenz wird gemeinsam organisiert vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, dem Weltmuseum Wien, der Anthropologischen Gesellschaft Wien und dem Student Organizing Committee (SOC).

Weitere Informationen zur Konferenz
https://chags.univie.ac.at/

Kulturprogramm
https://chags.univie.ac.at/social-program/

11th Conference on Hunting and Gathering Societies (CHAGS XI)
Zeit:    7. bis 11. September 2015
Orte:   Österreichische Akademie der Wissenschaften, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien und
            Universität Wien, Spitalgasse 2, 1090 Wien

Vortrag Thomas Widlok
Zeit:    Montag, 7. September, 18:30 Uhr
Ort:     Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien

Vortrag Lawrence Barham
Zeit:    Dienstag, 8. September, 9 Uhr
Ort:     Raum C1, Universität Wien, Universitätsring 1, 1010 Wien

Die beiden Vorträge können kostenfrei besucht werden.

Informationen und Kontakte

Wissenschaftlicher Kontakt:
Khaled Hakami
Institut für Sozialanthropologie der ÖAW und
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien
Universitätsstraße 7, 1010 Wien
T +43 1 4277 – 49538
khaled.hakami(at)univie.ac.at

Rückfragehinweise:
Dipl.-Soz. Sven Hartwig
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
Tel: +43 1 51581-1331
sven.hartwig(at)oeaw.ac.at

Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
Universitätsring 1, 1010 Wien
T +43 1 4277- 175 33
M +43 664 60277 175 33
alexandra.frey(at)univie.ac.at

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat die gesetzliche Aufgabe, „die Wissenschaft in jeder Hinsicht zu fördern“. 1847 als Gelehrtengesellschaft gegründet, steht sie mit ihren heute über 770 Mitgliedern sowie rund 1.300 Mitarbeiter/inne/n für innovative Grundlagenforschung, interdisziplinären Wissensaustausch und die Vermittlung neuer Erkenntnisse – mit dem Ziel zum wissenschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Fortschritt beizutragen. www.oeaw.ac.at

Die Universität Wien
Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 19 Fakultäten und Zentren arbeiten rund 9.700 Mitarbeiter/inne/n, davon 6.900 Wissenschafter/inne/n. Die Universität Wien ist damit die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feiert die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum.
www.univie.ac.at


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