24.05.2019

Wenn die Erde Fieber bekommt

Klimaexperte Hans Joachim Schellnhuber sprach an der ÖAW zur zunehmenden Erderwärmung. Er fordert, dass sich die Menschen den „unbequemen Wahrheiten“ des Klimawandels stellen müssen. Dafür brauche es aber auch eine neue „Erzählung“.

© Zilberberg

„Vor gut zweihundert Jahren, mit Beginn der industriellen Revolution, ist eine Zivilisation entstanden, die – angetrieben durch fossile Energien – ungeheure Vorteile bietet. Doch sie basiert auf der Plünderung von Ressourcen.“ Der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der mit diesen Worten seinen Vortrag im vollbesetzten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) begann, ist überzeugt: „Das ist kein Normalzustand. Das ist ein Ausnahmezustand.“ Die industrielle Revolution könne und dürfe sich daher in dieser Form nicht fortsetzen, so der Experte. Nur so lasse sich die Erderwärmung begrenzen.

Die „C-Story“ der menschlichen Zivilisation

Seine Sichtweise untermauerte Schellnhuber, der 26 Jahre an der Spitze des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung stand, mit einer animierten Weltkarte. Diese zeigt die von ihm so genannte „C-Story der menschlichen Zivilisation“. Im Zeitraffer der Jahrhunderte färbten sich vor dem dem Publikum Länder und Kontinente gemäß ihrem CO2-Ausstoß immer heller: In der frühen Phase der industriellen Revolution zunächst nur England, dann Länder wie Polen und Deutschland. Um 2005 folgte „die entscheidende Größe, China“, denn „wenn das Barrel Öl nur wenige Euro kostet“, so Schellnhuber, „spielt Entfernung keine Rolle mehr“.

Die einzigen Staaten, die das Pariser Klimaabkommen erfüllen, sind die afrikanischen Länder. Sie sind aber auch diejenigen, die unter der Klimaerwärmung am meisten leiden.

Der afrikanische Kontinent blieb in Schellnhubers Animation bis zum Ende weitgehend dunkel. Im Vergleich zu den Industrienationen seien dessen CO2-Emissionen verschwindend gering. „Die einzigen Staaten, die das Pariser Klimaabkommen erfüllen, sind die afrikanischen Länder. Sie sind aber auch diejenigen, die unter der Klimaerwärmung am meisten leiden“, betonte Schellnhuber.

Bleibt es bei zwei Grad?

Was also tun? Um die Klimaerwärmung besser zu verstehen, so Schellnhuber, könne man denken wie ein Arzt: 1,5 oder zwei Grad Erderwärmung sehen auf den ersten Blick nicht nach viel aus. Doch schon zwei Grad mehr würden aus einem gesunden Körper einen Körper mit Fieber machen. Ähnlich sei es mit der Erde. Nur eine der Folgen: Bei zwei Grad Erwärmung sei zum Beispiel mit dem weltweiten Absterben der Korallenriffe zu rechnen. Korallenriffe sind die größten von Lebewesen geschaffenen Strukturen des Planeten und werden aufgrund ihrer Artenvielfalt oft als „Regenwälder der Meere“ bezeichnet.

Diese jungen Leute sagen: Wir orientieren uns an der Wissenschaft. Das habe ich mir als Wissenschaftler, der seit 30 Jahren vor den Folgen der Erderwärmung warnt, immer gewünscht.

Derzeit sieht Schellnhuber die Gesellschaft allerdings auf einem Pfad, der eine Erderwärmung von mehr als zwei Grad bis 2050 erwarten ließe. Er warnte: „Was wir momentan mit der Erde tun, ist völlig ohne Vorbild was Amplitude und Geschwindigkeit einer Klimaerwärmung angeht.“

Umdenken notwendig

Notwendig sei daher ein Umdenken in allen Bereichen. Die Probleme der Moderne könne man nur durch Kooperation lösen. Quer über alle Fächer, Berufs- und Altersgruppen hinweg müssten die Menschen weltweit zusammenarbeiten und sich den „unbequemen Wahrheiten“ stellen. Damit dies gelingt, sei auch eine neue „Erzählung“ der Moderne notwendig – eine Erzählung, die eine Vision einer lebenswerten und nachhaltigen Zukunft vermittelt.

Eine positive – und unerwartete – Wendung in diese Richtung sieht Schellnhuber etwa in der Jugendbewegung #FridaysForFuture um die schwedische Aktivistin Greta Thunberg. Thunberg habe ihn kürzlich am Institut in Potsdam besucht. „Diese jungen Leute sagen: Wir orientieren uns an der Wissenschaft. Das habe ich mir als Wissenschaftler, der seit 30 Jahren vor den Folgen der Erderwärmung warnt, immer gewünscht.“

 

Hans Joachim Schellnhuber ist Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und war bis zu seiner Emeritierung 2018 dessen Direktor. Er war zudem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und in dieser Funktion auch Berater der Physikerin und deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er wirkte zudem als Mitglied des Weltklimarats (IPCC) und ist Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

Unter dem Titel „Ein neues Narrativ der Moderne?“ hielt Hans Joachim Schellnhuber am 7. Mai 2019 auf Einladung des ÖAW-Forschungsprogramms Earth System Sciences einen Vortrag an der ÖAW in Wien.
 

Earth System Sciences an der ÖAW