30.07.2018

Wald als blinder Fleck des Klimaschutzes

Mehr Wald ist nicht automatisch besser für das Klima. Dieser Hypothese geht die Sozialökologin Simone Gingrich in ihrem aktuellen Forschungsprojekt nach. Dabei entwickelt das Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW eine neue Methode, um mögliche versteckte Emissionen weltweit zu enttarnen.

Seit dem 19. Jahrhundert wächst der Wald in Österreich. „Nach unseren Daten umfassten um 1830 die Waldflächen auf dem Gebiet, das dem heutigen Österreich entspricht, etwa 3.1 Millionen Hektar. Der letzten Waldinventur aus dem Jahr 2009 zufolge waren es vier Millionen. Das entspricht einem Zuwachs von 30 Prozent“, erklärt die Nachhaltigkeitsforscherin Simone Gingrich, die seit Kurzem Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist. Damit besteht heute fast die Hälfte Österreichs aus Wald. Von vielen wird diese Entwicklung als positiv, weil klimafreundlich gedeutet. „Bäume binden CO2. Je mehr Bäume es also gibt, desto mehr entlastet das grundsätzlich das Klima.“

Treibhausgas-Bilanz errechnen

Die Umwelthistorikerin vom Institut für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur Wien geht allerdings davon aus, dass die Klimabilanz der Waldaufforstung nicht mehr so positiv ist, wenn man jene Prozesse miteinrechnet, die sie ermöglicht haben. „Bisherige Untersuchungen zeigen nämlich, dass Wiederbewaldungsprozesse dann passieren, wenn sich Länder industrialisieren und damit zunehmend andere Ressourcen nutzen als den Wald.“ Demnach gingen mit dem Zuwachs an Waldflächen Entwicklungen einher, die den Klimawandel eher vorangetrieben haben, so die These in Gingrichs aktuellem Forschungsprojekt, das mit einem Starting Grant des Europäischen Forschungsrats ERC gefördert wird.
 

Untersuchungen zeigen, dass Wiederbewaldungsprozesse dann passieren, wenn sich Länder industrialisieren und damit zunehmend andere Ressourcen nutzen als den Wald.


So wurde in Österreich etwa im Laufe des 19. Jahrhunderts Brennholz durch fossile Energieträger wie Kohle ersetzt. Darüber hinaus hat man landwirtschaftlich genutzte Flächen zwar aufgeforstet, gleichzeitig aber auch Lebensmittel wie Weizen aus anderen Ländern importiert. „All das verursacht Emissionen, die mit der Wiederbewaldung in Zusammenhang stehen“, erklärt Gingrich. Mit ihrem aktuellen Forschungsprojekt will die Sozialökologin nun die Treibhausgas-Bilanz dieser Parallelentwicklungen ausrechnen und herausfinden, was unterm Strich tatsächlich für den Klimaschutz übrig bleibt.

Dabei fokussieren sich Gingrich und ihr Team auf vergleichbare Prozesse weltweit. In den USA etwa kam es seit dem 20. Jahrhundert zu Wiederbewaldung, gleichzeitig wurde in der Landwirtschaft zunehmend Kunstdünger eingesetzt, erklärt Gingrich. „Auch dadurch entstehen Treibhausgasemissionen. In Laos wiederum, das bis dato als Holz- und Rohstofflieferant für andere Länder fungierte, passiert diese Kehrtwende jetzt. Was sich dahinter verbirgt, wird sich erst zeigen“, so die Umweltsoziologin, die für ihre Forschung mit internationalen Kolleg/innen zusammenarbeitet.

Wiederbewaldung ja – aber klimafreundlich

Ziel ist es letztlich, so Gingrich, durch den weltweiten Vergleich die klimafreundlichsten Wiederbewaldungsprozesse zu identifizieren und der Politik damit eine Entscheidungshilfe zu geben, wie Wiederbewaldung tatsächlich das Klima schonen kann. „Es kann beispielsweise in manchen Fällen ökologisch sinnvoller sein, Waldflächen wieder etwas zu reduzieren und dafür Lebensmittel wie Weizen im eigenen Land zu produzieren.“

 

Es kann in manchen Fällen ökologisch sinnvoller sein, Waldflächen wieder zu reduzieren und dafür Lebensmittel im eigenen Land zu produzieren.

 

Um alle Prozesse gegenrechnen zu können, will Gingrich nun eine eigene Methode entwickeln. Dafür will die Forscherin in den nächsten fünf Jahren historisches Material, aktuelle Aufzeichnungen und Literatur durcharbeiten, um Hinweisen auf versteckte Emissionen auf die Spur zu kommen.