08.07.2020

Vielfalt und Identität in Off- und Onlinewelten

Wie junge religiöse Menschen Zugehörigkeit im Alltag und auf Social Media verhandeln, untersucht die Politik- und Religionswissenschaftlerin Astrid Mattes. Die Ergebnisse ihrer Forschung fließen in eine App ein. Damit sollen die vielfältigen Zugehörigkeitswelten der Jugendlichen sichtbar gemacht werden.

© Unsplash.com
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„Wir möchten zeigen, dass es niemandem weh tut, wenn wir verschieden sind“, erklärt Astrid Mattes. Die Wissenschaftlerin sagt das vor dem Hintergrund von politischen Debatten um Zugehörigkeit und Identität, die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend restriktiver wurden. Wer gehört zu „uns“ und wer nicht? Wie viel Diversität ist wünschenswert? In ganz Europa propagieren politische Akteure einseitig definierte Identitäten und rigide nationale Werte. Und ernten damit Zuspruch. Gleichzeitig erleben wir eine rasante Diversifizierung unserer Welt. Wir sind mobiler als je zuvor. Der gesamte Globus ist digital vernetzt. Das hat eine Entgrenzung, auch von Zugehörigkeiten und Identitäten zur Folge.

Spannungsfeld Zugehörigkeit

In diesem Spannungsfeld setzt das Forschungsvorhaben von Astrid Mattes an „Wir wollen Vielfalt aufzeigen und Zugehörigkeitsverhandlungen verstehen“, sagt die Migrationsforscherin vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Bei „Young Believers online. Mapping on- and offline identifications of urban religious youth“, so der Titel des vom Innovationsfonds der ÖAW geförderten Projekts, geht es um die Untersuchung von Zugehörigkeitsverhandlungen religiöser junger Menschen im urbanen Umfeld. Im September 2020 geht es mit der Forschungsarbeit los.

Für junge Menschen ist das Navigieren in einer digital entgrenzten Welt selbstverständlich. Zugleich nimmt in politischen Identitäts-Debatten die Frage der Religionszugehörigkeit eine zentrale Rolle ein. „Identität und Zugehörigkeit sind generell viel komplexer als diese politischen Debatten suggerieren“, sagt dazu Mattes. Wie also entscheidet ein junger, religiöser Mensch, wo er oder sie sich zugehörig fühlen will? Worauf nimmt er oder sie Bezug? Mattes und ihr Team untersuchen Identifikationsprozesse Jugendlicher aus unterschiedlichen Religionsgruppen und fragen, wie sie im urban-diversen Wien Zugehörigkeiten verhandeln. Dabei bewegt sich das explorativ und partizipativ angelegte Projekt abseits „ausgetrampelter Forschungspfade“.

Verzahnung von Offline und Online

Forschungsarbeiten zu den Themen Identität und „Belonging“ betrachten On- und Offline-Aktivitäten meist getrennt voneinander. In der Lebensrealität junger Menschen sind beide Welten aber längst miteinander verschmolzen. Für sie stellen auch digitale Räume reale Bezugspunkte dar. Das Smartphone ist immer dabei. Freundschaften werden on- und offline gelebt. Das Projekt von Mattes nimmt daher beides in den Blick. Untersucht werden Off- und Online-Räume sowie die Übergänge zwischen ihnen. Die jungen Leute sind eingeladen, Forscher/innen durch ihre Welt zu führen. Sie erzählen davon in Interviews und geben den Projektmitarbeiter/innen Einblick in ihre Social Media-Aktivitäten: Wer wird geliked und warum? Welche Onlinecommunities sind relevant? Was wird gepostet?

Dabei sollen die Teilnehmer/innen allerdings keine bloßen „Forschungsobjekte“ sein. Sie werden vielmehr aktiv in den Forschungsprozess eingebunden. „Wir werden uns immer wieder mit den Teilnehmenden verständigen, ob unsere Interpretation auch von ihnen geteilt und für gut befunden wird“, betont die Projektleiterin. Einen solchen partizipativen Zugang hält sie speziell in der Arbeit mit jungen Menschen für wichtig. Auf diese Weise sollen in Forschungsprozessen unwillkürlich entstehende ungleiche Machtverhältnisse zumindest ein wenig überwunden werden.

App zeigt komplexe Identitäten

Auch für die Präsentation der Forschungsergebnisse hat das Projektteam einen innovativen Weg gewählt: Resultate werden nicht allein in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht, sondern außerdem in einer frei zugänglichen Online-Applikation visualisiert. In der gemeinsam mit dem Austrian Center für Digital Humanties der ÖAW entwickelten App können Interessierte die Zugehörigkeitswelten der Projekteilnehmer/innen virtuell erkunden. Die Komplexität von Identität und Zugehörigkeit soll damit öffentlich sichtbar und erfahrbar gemacht werden. „Wir wollen einen Gegenpol schaffen, zu der Erzählung, es gebe eine einzige österreichische Identität, oder ein fixes Set an Werten, das alle mittragen“, erklärt Mattes.

 

AUF EINEN BLICK

Das Projekt YouBeOn - Young Believers online. Mapping on- and offline identifications of urban religious youth wird von Astrid Mattes, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW, geleitet und vom Innovationsfonds der ÖAW gefördert.

Der Innovationsfonds „Forschung, Wissenschaft und Gesellschaft“ wurde von der ÖAW eingerichtet, um außergewöhnlich innovative Projekte zu unterstützen. Ziel ist die Förderung von Forschungsvorhaben, die neue Paradigmen eröffnen sowie neue methodische Wege einschlagen.

 


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