06.06.2018

Technik hat Folgen

Technologische Entwicklungen finden nicht im luftleeren Raum statt. Hinter Robotern, Maschinen oder Algorithmen stehen Interessen, Werte und Normen – und jede Technik hat Folgen für Mensch, Umwelt und Gesellschaft. Wie die Wissenschaft all dem auf die Spur kommen kann, erklärt der deutsche Technikfolgenforscher Armin Grunwald.

„Gentechnik? Nein Danke!“, „Nehmen uns die Roboter die Arbeitsplätze weg?“, „Was passiert mit meinen Daten?“ – mit neuen Technologien werden nicht nur Chancen verbunden, sondern immer auch Risiken und Befürchtungen. Die in den USA in den 1960er-Jahren entstandene Technikfolgenabschätzung hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen erhofften Chancen und befürchteten Risiken auf den Grund zu gehen, sie zu bewerten und politische Handlungsempfehlungen zu geben.

Welche technologischen Entwicklungen das Fach gegenwärtig beschäftigen, wie man mögliche „Zukünfte“ erforscht, und wo Technikfolgenforschung dringend notwendig gewesen wäre, erzählt Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag im Interview. Grunwald ist bei der internationalen Jahreskonferenz des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien zu Gast, die sich am 11. Juni unter dem Titel „Technikfolgenabschätzung und Normativität“ mit den Werten hinter der Technik sowie der eigenen Rolle beschäftigt. 

Welche Fragen behandelt die Technikfolgenabschätzung?

Armin Grunwald: Die Technikfolgenabschätzung erforscht die Folgen von Technologien, und zwar Folgen, die es noch gar nicht gibt, oder gar nie geben wird. Es geht um mögliche, nicht gewollte und unvorhergesehene Folgen, die auftreten können. Ein Dauerbrenner seit den 80er-Jahren ist die Bio- und Gentechnologie. Die zweite Welle ist die Digitalisierung, die auch in den 80er-Jahren ihren Anfang genommen hat, sich heute aber um ganz andere Fragen dreht als damals.

Digitalisierung, Robotik, Algorithmen und die künstliche Intelligenz sind Themenfelder, die uns derzeit stark beschäftigen.

Digitalisierung, Robotik, Algorithmen und die künstliche Intelligenz sind Themenfelder, die uns stark beschäftigen. Der dritte große Bereich ist die Nachhaltigkeit, vor allem in Bezug auf die Energiewende. Hier stellt sich die gesellschaftliche Frage, wie neue Pfade einen nachhaltigen Einsatz von seltenen Rohstoffen ermöglichen können, damit zukünftige Generationen auch noch etwas davon haben.

Wie hat sich die Technikfolgenabschätzung im Laufe der Zeit als Wissenschaft verändert?

Grunwald: Die Technikfolgenabschätzung stammt aus einer Zeit des Planungsoptimismus und der Kybernetik. Die 60er- und 70er-Jahre waren geprägt von einem Objektivitäts- und Machbarkeitsglauben. Man dachte damals, man könnte die Technikfolgen objektiv und wertfrei erforschen und mit Prognosen vorhersagen. In den 80er- und 90er-Jahren hat man dann gemerkt, dass dies so nicht funktionieren kann. Technikfolgen entspringen keinem Naturgesetz. Es sind viel eher Entwicklungen, die durch Lebensstile, Verbraucherverhalten, ökonomische Entwicklungen, Rohstoffverknappungen, neue geopolitische Konkurrenzverhältnisse oder einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel entstanden sind.

Die 60er- und 70er-Jahre waren geprägt von einem Objektivitäts- und Machbarkeitsglauben. Man dachte damals, man könnte die Technikfolgen objektiv und wertfrei erforschen und mit Prognosen vorhersagen. Heute weiß man, dass dies so nicht funktionieren kann.

Wenn man das Feld ausweitet, und mehrere Szenarien, also mögliche „Zukünfte“ entwirft, dann merkt man schnell, dass man die Wertedebatte nicht auslassen kann. Und diese Werte muss man öffentlich und transparent machen. Heute geht es in der Technikfolgenabschätzung also nicht mehr um Prognosen, sondern um mögliche „Zukünfte“. Diese sind dabei immer nur Mittel zum Zweck und sollen dazu dienen, die heutige Entscheidungsfindung zu unterstützen. Uns geht es also um die Art und Weise, wie wir unsere Zukunft heute gestalten wollen.

Wie schwierig gestaltet sich die Erforschung von technischen Entwicklungen, in deren Zeitgeist wir so stark eingebettet sind?

Grunwald: Wir haben keine Sensoren und Messinstrumente, um die Zukunft zu messen. Die „Zukünfte“, die wir uns ausdenken, basieren immer auf der Erforschung der Vergangenheit und werden in einer bestimmten Gegenwart produziert. Daher sind sie natürlich stark vom Common Sense und den Überzeugungen der heutigen Zeit geprägt. Dies kann man z.B. an der Möblierung und Schaltpultgestaltung im Raumschiff Enterprise aus den 60er-Jahren sehen. Heute denken wir, das sieht altmodisch aus, während es auf die Menschen damals futuristisch gewirkt hat. Wir versuchen das in der Technikfolgeabschätzung natürlich zu reflektieren, indem wir möglichst unterschiedliche, interdisziplinäre Expert/innen einbeziehen, aber auch gesellschaftliche Stakeholder und Bürger.

In den 50er- und 60er Jahren gab es eine große Begeisterung für die Atomkraft. Man hat jedoch keine Technikfolgenabschätzung gemacht. Jetzt haben wir Atommüll, auf den wir Jahrhunderte gut aufpassen müssen.

Gibt es Technikfolgen, die man in der Geschichte nicht rechtzeitig erkannt hat?

Grunwald: Ja. Hier gibt es zwei entgegengesetzte Beispiele. Seit den 20er- und 30er- Jahren hat man Fluorchlorkohlenwasserstoffe als Kühlmittel verwendet. Dass diese Stoffe über komplizierte Transportwege in der Atmosphäre und katalytische Prozesse irgendwann anfangen, Ozon abzubauen, hätte man bei dem  damaligen Wissensstand vermutlich auch mit Technikfolgenabschätzung nicht erkennen können.

Ein anderer Fall sind die 50er- und 60er Jahre. Hier gab es eine große Begeisterung für die Atomkraft, und zwar in allen Industrieländern. Intellektuelle, Medien und Entscheider hatten das Atomzeitalter ausgerufen. Man hat jedoch keine Technikfolgenabschätzung gemacht und sich daher auch nicht mit den radioaktiven Abfällen befasst. Jetzt haben wir Atommüll, auf den wir Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende gut aufpassen müssen. Und das für einen Reaktor, der vielleicht 50 Jahre steht. Daran hat im damaligen Überschwang niemand gedacht.

Welche Technologien erforschen Sie aktuell?

Grunwald: Aktuell erforschen wir die Entwicklung am Arbeitsmarkt, bei der es zahlreiche Sorgen gibt, dass durch die Rationalisierung und Automatisierung viele Arbeitsplätze wegfallen. Davon ist jedoch nicht nur die mechanische Arbeit, sondern auch der akademische Bereich betroffen, möglicherweise Rechtsanwält/innen, Journalist/innen oder Controller/innen. Das autonome Fahren ist ein anderes aktuelles Thema.

Und am Karlsruher Institut für Technologie sind wir an der Batterieforschung beteiligt. Es geht um die Batterien der übernächsten Generation. Noch bevor sie hergestellt werden, fragen wir uns, was man mit dem Abfall macht und wie man die seltenen Metalle, die für die Batterien verwendet werden, wieder zurückgewinnen kann. So kann man am Anfang der Entwicklung bereits herausfinden, wie man die Stoffe recyceln kann, und zwar bevor diese Batterien überhaupt für den Markt produziert werden.