10.04.2020

„Solange wir uns Geschichten erzählen, werden wir weiterleben“

„Die Pest“ ist für viele das Buch der Stunde und muss seit Beginn der Coronavirus-Krise in Europa bereits zum dritten Mal nachgedruckt werden. Doch das Werk von Albert Camus ist nur ein Beispiel für das Genre der Seuchenliteratur, in der Autor/innen Pandemien reflektieren, erklärt ÖAW-Literaturwissenschaftler Federico Italiano.

© John William Waterhouse: A Tale from the Decameron (Lady Lever Art Gallery, Liverpool) / Wikimedia Commons

Von Thukydides über Boccaccio und Camus bis hin zu Emily St. John Mandel: Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben sich in der Vergangenheit mit Seuchen und ihren Folgen für die Menschen auseinandergesetzt. Inwiefern uns ihre Werke dabei helfen können, die aktuelle COVID-19-Pandemie zu verstehen, erklärt Literaturwissenschaftler Federico Italiano vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften  (ÖAW). Ein Interview-Spaziergang durch die Welt der Seuchenweltliteratur.

Gibt es in der Weltliteratur eine Ur-Erzählung zum Thema Seuche?

Federico Italiano: Bereits der griechische Historiker Thukydides und der römische Philosoph Lucretius haben sich mit dem Thema Seuche beschäftigt. Der erste Autor, der sich ganz intensiv mit der Pest auseinandergesetzt hat, war aber wohl Giovanni Boccaccio in seinem Meisterwerk „Dekameron“. Er war in Florenz, als die Pest 1348 die Stadt erreichte. Aus seinen eigenen Beobachtungen heraus verwendet er die Seuche als strukturgebenden Rahmen für seine Novellensammlung. Seit Boccaccio sind Seuchen ein Topos der westlichen Literatur.

In Boccaccio „Dekameron“ ziehen sich zehn Menschen während der in Florenz grassierenden Pest in ein Landhaus zurück. Eine frühe Form der Quarantäne, wie wir sie auch heute wieder erleben?

Italiano: Ja, das kann man so sagen. In der Tradition von Lucretius beschreibt Boccaccio die Pest auf sehr realistische Art und Weise. Er charakterisiert aber nicht nur die Isolierung, sondern veranschaulicht auch als erster Autor, wie die Pest die wahre Natur des Menschen zum Vorschein bringt. Das ist von großer literaturgeschichtlicher Bedeutung. Von großem Stellenwert ist bei „Dekameron“ auch, wie diese drei Männer und sieben Frauen ihre Zeit während der Isolation verbringen: Sie erzählen einander Geschichten. Durch Literatur schaffen sich diese Menschen also ein Refugium an Hoffnung und Lebenswillen, das ihnen hilft, die Zeit der Isolation zu überstehen.

Durch Literatur schaffen sich diese Menschen also ein Refugium an Hoffnung und Lebenswille, das ihnen hilft, die Zeit der Isolation zu überstehen.

Ein Refugium, das heutzutage die sozialen Medien und das Internet verkörpern?

Italiano: In gewissem Sinne sind dies aktuell jene Orte, wo sich Menschen trotz Quarantäne treffen können, um sich auszutauschen. Wenn man jedoch die Analogie mit Boccaccio heranziehen will, sind die sozialen Medien eher das Landhaus: Das wahre Refugium ist die Erzählung, die Poesie. Das besonders Schöne an „Dekameron“ ist für mich die Erkenntnis, dass wir immer weiterleben, solange wir kommunizieren und uns Geschichten erzählen.

Benötigt Seuchenliteratur ein Happy End, um ihre Wirkung für die Leser/innen zu entfalten?

Italiano: Ein Roman wie „Die Brautleute“ des italienischen Dichters Alessandro Manzoni - erstmals 1827 erschienen - setzt sehr stark auf die Schilderung der individuellen Situation seiner Protagonisten. Für Manzoni und seine Leser/innen war es aus politischen und religiösen Gründen wichtig, dass die Geschichte für Renzo und Lucia gut ausgeht. Dagegen gibt es im 1826 veröffentlichten „The Last Man“ von Mary Shelley überhaupt keine Hoffnung für den Protagonisten. Vielleicht war das zeitgenössische Echo auf diesen Roman deshalb ein solches Desaster.

Das besonders Schöne an „Dekameron“ ist für mich die Erkenntnis, dass wir immer weiterleben, solange wir kommunizieren und uns Geschichten erzählen.

Im Gegensatz dazu gilt „Die Pest“ von Albert Camus seit Erscheinen im Jahr 1947 als gefeiertes Werk von Weltrang.

Italiano: Ja, und zwar vollkommen zu Recht. Bei Camus spielt die existenzielle Ebene eine besondere Rolle. In diesem Fall die Frage, wie wir als einzelner Mensch reagieren, wenn der Faschismus oder die hier als Metapher dienende Beulenpest an unsere Tür klopft. Mit Camus wird die seit Boccaccio bestehende literarische Linie fortgesetzt, in der die physiologische Beobachtung die philosophische Reflexion verfeinert. Auch Karel Čapek („Die weiße Krankheit“) und José Saramago („Die Stadt der Blinden“) nutzen in ihren Werken übrigens das metaphorische Potenzial von Seuchen.

Mit Camus wird die seit Boccaccio bestehende literarische Linie fortgesetzt, in der die physiologische Beobachtung die philosophische Reflexion verfeinert.

Stimmt der Eindruck, dass sich seit den 1990ern besonders viele Romane mit einer Postapokalypse auseinandersetzen?

Italiano: Ja, das gilt für die Literatur genauso wie für Serien oder Filme, denken Sie nur an „The Walking Dead“. Wir kommen aus einem Jahrhundert, in dem mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie mit dem Jahr 1989 drei globale Zäsuren stattgefunden haben, die die Menschheit sehr tief geprägt haben. Daher sind es Autor/innen und Künstler/innen unserer Zeit gewohnt, das Ende eines Zeitraums als Ursprung für etwas Neues zu denken, wie zum Beispiel auch Emily St. John Mandel mit ihrem Roman über eine post-pandemische Welt („Station Eleven“).

Gibt Ihnen einer der genannten Seuchenromane in der aktuellen Pandemiesituation Halt?

Italiano: Die Novellen des „Dekameron“ können uns dabei helfen, mit der Pandemie umzugehen. Dennoch würde ich derzeit nicht unbedingt in einem Seuchenroman Beistand suchen. Wenn ich aktuell etwas empfehlen würde, würde ich eher zu Lyrik raten. Oder zu einer Geschichte von Stanisław Lem.

 

AUF EINEN BLICK

Federico Italiano studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Mailand. Er promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, wo er sich 2016 in den Fächern Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Romanische Philologie habilitierte. Italiano ist Senior Researcher am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW mit Lehraufträgen an der LMU München und der Universität Innsbruck. Kürzlich veröffentlichte er das Buch „The Dark Side of Translation“ im Verlag Routledge.