12.08.2020

„So einfach kann Chinas Regierung nicht lügen“

Als das Coronavirus in China ausbricht ist ÖAW-Forscher Roger Casas in der chinesischen Provinz Yunnan. Im Interview gibt der Sozialanthropologe Einblick in ein Land, in dem manches anders ist als man im Westen oft meint.

Die Coronapandemie nahm in China ihren Ausgang. © Unsplash/Macau Photo Agency

Das Ursprungsland der Pandemie. Ein totalitäres Regime, der Vertuschung und Datenmanipulation verdächtig. Das Misstrauen gegenüber China ist groß. Roger Casas vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) lebt und arbeitet seit 15 Jahren immer wieder in China. Auch im Februar 2020 hielt er sich im Zuge seiner Forschungen in der chinesischen Provinz Yunnan auf. Im Interview erzählt er, wie er den Ausbruch der Coronapandemie dort erlebt hat. Er beschreibt, warum die chinesische Regierung nicht alles uneingeschränkt vertuschen kann und welche Rolle dabei das größte soziale Netzwerk der Welt spielt.

Im Februar 2020 waren Sie gerade in China. Wie haben Sie die Situation dort erlebt?

Roger Casas: Als im Februar der Notstand ausgerufen wurde, war ich in einem relativ abgeschiedenen Dorf in der Provinz Yunnan, um dort Freunde zu besuchen und an meinem aktuellen Forschungsprojekt zu arbeiten.Zunächst war ich etwas besorgt darüber, was die Verordnungen der Regierung für mich als Ausländer bedeuten würden. Ich musste mich registrieren, am ersten Tag wurde mir Fieber gemessen und danach sollte ich für eine 14-tägige Quarantäne in dem Dorf bleiben. Darüber hinaus hat man mir dann aber nicht recht viel Beachtung beigemessen und ich konnte eine gewisse Freiheit genießen. Auch für die Dorfbewohner/innen ging das Leben und die Arbeit auf den Feldern weitgehend den gewohnten Gang. Der Bürgermeister und das Dorfkomitee ergriffen zwar die angeordneten Präventivmaßnahmen, um eine Abmahnung von Vorgesetzten in der administrativen Hierarchie zu vermeiden. Sonderlich streng wurde das aber nicht gehandhabt. Da Yunnan nur sehr wenig vom Virus betroffen war, war die Situation dort weitgehend entspannt.

Die Informationskontrolle in China ist nicht so absolut wie viele meinen.

China wird immer wieder der Vertuschung verdächtigt. Wie verlässlich sind, Ihrer Meinung nach, offizielle Fakten und Zahlen zur Lage in China?

Casas: Das ist ein sehr komplexes Thema. Für Europäer/innen gilt China oft als wenig vertrauenswürdig, weil es von einem totalitären Regime regiert wird. Auch in der aktuellen Covid-19-Krise wird die chinesische Regierung verdächtigt Daten zu manipulieren. Ich denke, ein Grund dafür liegt in historisch verwurzelten Vorurteilen, die ein tiefes kulturelles Misstrauen gegenüber Asien und China im Besonderen bedingen. Meiner Meinung nach hat keine Regierung ein vollständiges Bild der tatsächlichen Situation. Sie alle arbeiten mehr mit Schätzungen zu potentiellen Risiken als mit gesicherten Fakten. Und ja, die chinesische Regierung manipuliert Daten. Aber das trifft nicht ausschließlich auf China zu. Alle Regierungen, auch demokratische Regierungen in Europa, regulieren Informationen, die an die Öffentlichkeit weitergegeben werden. Wenn auch natürlich in einem anderen Ausmaß als China das tut. Wäre die Situation rund um Covid-19 in China tatsächlich so viel drastischer als von der Regierung dargestellt, hätte die Bevölkerung außerdem durchaus die Möglichkeit solche Informationen zu verbreiten. Die Informationskontrolle in China ist nicht so absolut wie viele meinen.

Natürlich gibt es Zensur und Polizeikontrollen, was den Menschen auch sehr bewusst ist. Aber es gibt Wege die Zensur zu umgehen. Die chinesische Bevölkerung hat die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen.

Es kann in China also auch kritische Stimmen geben?

Casas: Auch die chinesische Regierung kann nicht völlig ungehindert tun was sie möchte. Ihre Legitimation beruht auf der Idee, dass die Kommunistische Partei den Menschen dient. Das kann nicht so einfach offen verraten werden. Dabei kommt mittlerweile vor allem sozialen Netzwerken eine Art Kontrollfunktion zu. Internet und Smartphones sind in China enorm weit verbreitet. Sogar in den abgeschiedensten Regionen haben fast alle Internetzugang und ein Smartphone. Das chinesische soziale Netzwerk Weixin (WeChat) ist mit 1.000 Millionen aktiven User/innen das größte der Welt. Natürlich gibt es Zensur und Polizeikontrollen, was den Menschen auch sehr bewusst ist. Aber es gibt auch Wege die Zensur zu umgehen. Die chinesische Bevölkerung hat sehr wohl die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Gleichzeitig macht das Vertrauen der Menschen in diese Technologien eine digitale Kontrolle durch die Regierung wiederum auch einfacher. In Europa wäre das deutlich problematischer.

Die internationale Reputation ist der chinesischen Regierung enorm wichtig. China hat daher immer wieder hervorgehoben, welche umfangreichen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus getroffen wurden.

Was bedeutet diese Pandemie für das Image Chinas im Ausland?

Casas: Die internationale Reputation ist der chinesischen Regierung enorm wichtig, auch im Hinblick auf die interne Legitimation der Kommunistischen Partei. Das Land soll als stabiler, verlässlicher Akteur auf der internationalen Bühne gelten. China hat daher immer wieder hervorgehoben, welche umfangreichen Maßnahmen, wie etwa den Bau eigener Krankenhäuser, im Kampf gegen das Virus getroffen wurden. Mittlerweile positioniert sich China als Staat, der die Pandemie unter Kontrolle hat und nun hauptsächlich durch aus dem Ausland eingeschleppte Neuinfektionen bedroht ist. Zugleich unterstützte die chinesische Regierung westliche Staaten mit fachlicher Expertise und medizinischem Material. Natürlich ist China als Ursprungsland der Pandemie trotzdem internationaler Kritik ausgesetzt. Ich denke allerdings, das hat in erster Linie mit aktuellen wirtschaftlichen Auseinandersetzungen zu tun. Auch die angesprochenen historischen Vorurteile spielen dabei wohl eine Rolle.

 

AUF EINEN BLICK

Roger Casas forscht als PostDoc am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien. Zuvor war er an der Australian National University in Canberra tätig, wo er auch promovierte. Studien- und Forschungsaufenthalte führten ihn u.a. an die Universität Chiang Mai in Thailand und die Universität Peking. In der südchinesischen Region Sipsongpanna koordinierte er über zwei Jahre das Projekt “Cultural Survival and Revival in the Buddhist Sangha“ der UNESCO.

 


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