03.10.2016

„ROSETTA WIRD UNS NOCH LANGE BESCHÄFTIGEN“

Rosetta ist tot, lang lebe Rosetta! Denn mit dem erfolgreichen Ende der Kometenmission geht die Arbeit für die Wissenschaft erst richtig los. Tausende Daten warten in den kommenden Jahren auf ihre Auswertung, erklärt der ÖAW-Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann.

Bild: Rosettas Landungsstelle ©ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA

Am 30. September 2016 um 13.20 Uhr mitteleuropäischer Zeit war es schließlich soweit: Die Weltraumsonde Rosetta schickte ihr letztes Signal vom Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko – kurz „Tschuri“ – zur Erde. Es war der Schlusspunkt einer mehr als zwölfjährigen Reise durch das All und einer Mission, die bereits jetzt Geschichte geschrieben hat. Denn mit dem Absetzen des Landers Philae vor knapp zwei Jahren ist erstmals die Landung auf einem Kometen gelungen. Nun hat Philaes Mutterschiff Rosetta sich ebenfalls für immer auf „Tschuri“ niedergelassen.

Von Anfang an mit an Bord der Mission war das Institut für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), das an der Entwicklung von fünf Messinstrumenten, etwa zur Messung des Magnetfelds des Kometen, beteiligt war. Wolfgang Baumjohann, Direktor des Instituts, hat Rosettas letzte Reise am IWF-Standort in Graz am Livestream mitverfolgt. Im Interview erzählt er, wie er das Ende der Mission erlebt hat, was für ihn die Höhepunkte der Mission waren und warum das Kapitel Rosetta für die Wissenschaft noch lange nicht abgeschlossen ist.

Nach mehr als 12 Jahren im Weltraum hat Rosetta nun ihre letzte Reise angetreten. Wie haben Sie das Ende der Mission erlebt?

Die Landung von Rosetta war für mich sehr spannend, denn man hat die Chance noch einmal neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, da bis zuletzt Messungen zum Beispiel des von uns mitgebauten Magnetometers oder Aufnahmen der Kamera gemacht wurden. Das Ende der Mission bedeutet aber auch eine gewisse Erleichterung. Der Arbeitsaufwand an unserem Institut war enorm, etwa für das Betreiben der Instrumente oder die Programmierung von Messsequenzen. Nun können wir uns voll auf die Auswertung der gesammelten Daten konzentrieren.

Was waren für Sie die wissenschaftlichen Höhepunkte der Mission?

Einer der Höhepunkte der Mission war sicherlich die Landung von „Philae“ auf dem Kometen. Das wurde zum ersten Mal gemacht und war ein komplexes Unterfangen, das letztlich gut gegangen ist. Die dann folgende Untersuchung der Kometenoberfläche, an der das IWF beteiligt war, stellt einen weiteren Höhepunkt dar. Weiterhin konnte mit dem von unseren Schweizer Kolleg/innen entwickelten Massenspektrometer „Rosina“ zum Beispiel nachgewiesen werden, dass der Wasserdampf beim Kometen eine andere Isotopenzusammensetzung hat als das Wasser auf der Erde. Die alte Theorie, dass das Wasser durch Kometen auf die Erde gekommen ist, kann somit nicht richtig sein. „Rosina“ konnte auch organische Verbindungen in den Gasen aufspüren, die sich um den Kometen bei seinem Flug Richtung Sonne bildeten. Wobei man dazusagen muss, dass wir hier von Bausteinen der organischen Chemie reden und noch nicht von Bausteinen des Lebens.

Ihr Institut war von Beginn an beteiligt – welchen Beitrag zum Erfolg der Mission konnte Österreichs Weltraumforschung leisten?

Wir haben am Institut fünf wichtige Instrumente der Mission gebaut bzw. mitgebaut, die sehr interessante Ergebnisse geliefert haben, über die wir und weitere beteiligte Forscher/innen in aktuell sechs Artikeln in den Fachzeitschriften „Science“ und „Nature“ berichtet haben. Etwa darüber, dass der Komet nicht magnetisch ist. Damit kann ausgeschlossen werden, dass er sich in seiner Entstehungszeit durch magnetische Kräfte zusammengeballt hat. Zum Verständnis der Entstehung des Kometen hat auch das Rasterkraftmikroskop „Midas“ beigetragen, das die Struktur des Kometenstaubs untersucht hat. Denn man vermutet, dass sowohl Asteroiden, als auch Kometen und Planeten durch die Kollision von Staubpartikeln und ihrem Zusammenwachsen zu immer größeren Objekten wurden. Der Kometenstaub ist übrigens auch noch aus einem anderen Grund interessant: nicht nur in den Gasen, auch im Staub konnten von uns organische Moleküle gefunden werden.

Was wird eigentlich mit der Kometen-Landeeinheit Philae passieren?

Philae ist abgeschaltet und wird wie Rosetta stumm auf dem Kometen verbleiben. Ob Rosetta allerdings ewig an derselben Stelle auf dem Kometen zu finden sein wird, ist nicht ganz gewiss. Wenn es nahe der Sonne zu einer Gasexplosion kommt, könnte sie ihre Position verändern – oder sogar irgendwann zurück ins All befördert werden.

Ist mit dem Ende der Mission auch in der Wissenschaft das Kapitel Rosetta abgeschlossen?

Ich würde noch mit zwei bis drei Jahren intensiver Auswertung der gesammelten Daten rechnen, zumal bis zuletzt Messungen vorgenommen wurden. Dann wird es langsam weniger werden, auch da sich die Wissenschaftler/innen neuen Projekten zuwenden. Dennoch: Bis Mitte des nächsten Jahrzehnts werden Rosettas und Philaes Daten uns sicherlich noch beschäftigen.

 

 

 

Der Physiker Wolfgang Baumjohann ist seit 2004 Direktor des

Instituts für Weltraumforschung der ÖAW und unterrichtet an der

Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Universität Graz. Baumjohann

ist Autor bzw. Koautor von mehr als 580 Publikationen. Zu seinen

Forschungsgebieten zählt u.a. die Weltraumplasmaphysik. Er ist wirkliches

Mitglied der ÖAW und wurde kürzlich in das Präsidium der Nationalen Akademie

der Wissenschaften Leopoldina gewählt.

 

Videos:

 

Rosetta’s final hour: Die letzten Stunden der Raumsonde, mit

Kommentaren von Expert/innen und Reaktionen aus dem Kontrollraum der ESA –

European Space Agency.

VIDEO

Once upon a time... mission complete: Rosetta verabschiedet

sich in einer Comic-Animation von der Erde und textet „Mission Complete!“

VIDEO

Institut für Weltraumforschung der ÖAW