27.05.2019

ÖAW gratuliert ihrem Mitglied Gerald Stourzh

Der renommierte Historiker beging seinen 90. Geburtstag. Er hat mit seinen Arbeiten Generationen von Wissenschaftler/innen im In- und Ausland geprägt.

Gerald Stourzh hat die österreichische Geschichtswissenschaft bereichert wie kaum ein anderer. Besonders seine Arbeiten zur nordamerikanischen und österreichischen Verfassungsgeschichte waren wegweisend für Generationen von Wissenschaftler/innen. Anlässlich seines 90. Geburtstags ehrte ihn die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), deren Mitglied er seit 1974 ist, mit einem Festakt am 28. Mai 2019.  

Laufbahn zwischen Europa und den USA

Geboren am 15. Mai 1929 wuchs Gerald Stourzh in einem bürgerlich-liberalen Elternhaus in Wien auf. Von seinen Eltern habe er zwei wesentliche Dinge gelernt, wie er einmal bekannte: „erstens den unbedingten Respekt vor wissenschaftlicher, geistiger Arbeit in intellektueller Redlichkeit; und zweitens den unbedingten Respekt vor der menschlichen Person gegenüber überindividuellen Ganzheiten, ob Staat oder Stand oder Volk oder Rasse.“ Beides – intellektuelle Redlichkeit und Antirassismus – prägten Stourzh, dessen Vater Herbert bereits 1934 vor den Gefahren des Nationalsozialismus warnte, stark in seinem Leben.

Nach seiner Matura 1947 studierte er Geschichte an den Universitäten Wien, Clermont-Ferrand und Birmingham. 1951 promovierte er in Wien zum Thema „Die Entwicklung der Ersten Kammer in der österreichischen Verfassung.“ Die nächste Station seiner wissenschaftlichen Laufbahn führte Stourzh 1951 als Research Associate und William Rainey Harper Fellow an die University of Chicago, wo er seine spätere Habilitationsschrift „Benjamin Franklin and American Foreign Policy“ verfasste, die als Buch noch vor seinem 25. Geburtstag im Jahr 1954 erschien.

Nach Ablehnung eines Rufes auf eine Gastprofessur an der University of California in Berkeley kehrte Stourzh 1958 an die Universität Wien zurück. In Wien baute er die Österreichische Gesellschaft für Außenpolitik und Internationale Beziehungen auf, deren Generalsekretär er von 1958 bis 1962 war. Nach seiner Habilitation 1962 als Professor für die Geschichte der Neuzeit war Stourzh im Höheren Auswärtigen Dienst des österreichischen Außenministeriums tätig, bevor er 1964 eine Professur für Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin mit Schwerpunkt US-Geschichte antrat. 1969 schließlich kehrte er als ordentlicher Professor für Geschichte der Neuzeit an die Universität Wien zurück, an der er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1997 blieb.

Standardwerke und Demokratiegeschichte

Sämtliche von Stourzh verfassten und herausgegebenen Publikationen aufzulisten, würde jeden Rahmen sprengen. Eines seiner wichtigsten Werke ist aber zweifellos die immer wieder erweiterte, neuaufgelegte und unter verschiedenen Titeln erschienene Staatsvertragsgeschichte. Heute ist sein Buch „Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs“ ein Standardwerk, an dem niemand vorbeigehen kann, der sich mit der Geschichte der Zweiten Republik oder auch mit der Geschichte des Kalten Krieges beschäftigt. Weitere Forschungsschwerpunkte des stets hochaktiven Historikers sind zum Beispiel die Geschichte der Neuzeit und neuesten Zeit, politische Ideengeschichte sowie, insbesondere seit den 1990er Jahren, die Geschichte der Menschen- und Bürgerrechte. Die Universität Wien widmet ihm daher seit 2009 die jährlichen „Gerald-Stourzh-Vorlesungen zur Geschichte der Menschenrechte und Demokratie.“

Festakt an der ÖAW

Für die Akademie ist Gerald Stourzh ein langjähriger enger Weggefährte und ein hochgeschätztes Mitglied. 1974 wurde er zum korrespondierenden Mitglied gewählt, seit 1983 ist er wirkliches Mitglied der ÖAW. Von 1992 bis 1997 leitete Stourzh zudem die Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie, die unter seiner Ägide immer wieder Maßstäbe in der historischen Forschung setzen konnte.

Erneut wäre es kaum möglich, sämtliche Mitgliedschaften und Auszeichnungen anzugeben, die Gerald Stourzh in seiner wissenschaftlichen Karriere erhalten hat. Das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1989) ist ebenso darunter, wie der Ordre des Arts et des Lettres der französischen Republik (1997) oder der Orden von Oranien-Nassau (1999) der Niederlande. Dass weitere Ehrungen in Zukunft folgen werden, ist angesichts der wissenschaftlichen Produktivität von Gerald Stourzh nicht auszuschließen.