15.04.2020

Mythos Mittelalter: Stinkende Städte und abergläubische Bauern?

Über kaum eine historische Epoche sind wohl so viele Vorurteile und Falschinformationen im Umlauf wie über das Mittelalter. Wen man auch fragt, die meisten haben ein äußerst lebendiges, wenn auch nicht immer korrektes Bild dieser Zeit. Historiker/innen wissen: Vieles, das wir glauben über das Mittelalter zu wissen, basiert auf Mythen.

© The Rochester Bestiary/Wikipedia

Eine ungebildete, ungewaschene Bevölkerung, tief religiös und voller Aberglaube, die im beißenden Gestank der Siedlungen ein kurzes, karges Dasein fristet – alles in allem eine überaus düstere und ungemütliche Zeit, dieses Mittelalter. So oder so ähnlich ist es vielen von uns ein Begriff – das „dunkle“ Zeitalter.
Dass viele dieser Vorstellungen wenig bis gar nichts mit den tatsächlichen Verhältnissen der Epoche, die wir rückblickend „das Mittelalter“ nennen, zu tun haben, ändert nichts daran, dass sie sich überaus hartnäckig halten. Fast, als wolle man nicht loslassen von dem faszinierenden Grauen, das man sich für diesen Abschnitt unserer Geschichte ausgemalt hat. Dabei gibt es abseits der Mythen viele spannende Erkenntnisse zu entdecken, die uns das „dunkle Mittelalter“ in ganz neuem Licht erscheinen lassen.

Von badenden Städtern und gesunden Zähnen

Dass Menschen im Mittelalter sich selten bis nie wuschen und mit einem dementsprechenden Körpergeruch gesegnet waren, stimmt nicht. Tatsächlich hatte das Mittelalter eine weit verbreitete Badekultur. Bis zum Spätmittelalter gab es in vielen Städten öffentliche Badehäuser und wer nicht badete, wusch sich zumindest den Schmutz vom Körper. Erst in der frühen Neuzeit wurde man dem Badewasser gegenüber skeptisch und Waschen kam in Verruf. Und obwohl das Mittelalter keine Zahnbürste in heutiger Form kannte, waren die Zähne des durchschnittlichen Menschen in recht gutem Zustand. Man benutzte verschiedene Arten von Zahnpasten und –pudern und vor allem war Zucker in der Ernährung der meisten Menschen noch wenig verbreitet. Das Problem mit kariösen Zähnen kam also erst ab dem Spätmittelalter auf, als sich importierter Zucker wie ein Lauffeuer verbreitete – und Zähne im gleichen Tempo verfaulten.

Scheibenwelt und Pesthauch?

Die Erde eine Scheibe? Das konnte man den meisten Gelehrten im Mittelalter schwer weismachen. Sie orientierten sich zumeist an den Lehren des antiken Philosophen Aristoteles und der beschrieb die Erde als ein sphärisches, also rundes Objekt. Woher dann die Annahme, das Mittelalter glaubte an eine Scheibenwelt? Tatsächlich taucht eine solche Idee in einigen wenigen Schriften auf; später versuchte man, das Mittelalter als „dunkle“ und bildungsferne Zeit darzustellen.
Ein weiterer Grund, warum das Mittelalter heute als ein überaus dunkles Zeitalter wahrgenommen wird, ist die Pest, die als die Seuche des Mittelalters überhaupt gilt. Dabei war die „Pestilenz“ keinesfalls die dominierende Seuche des Mittelalters. Von der sogenannten „Justinianischen Pest“ im 6.-8. Jahrhundert bis zum Ausbruch des „Schwarzen Todes“ 1348 lagen immerhin 600 Jahre, in denen keine Fälle von Pest überliefert sind. Infektionskrankheiten generell waren allerdings weit verbreitet und auch nicht selten tödlich für die Bevölkerung. Die wahren Ausmaße der Epidemie zu Kaiser Justinians Zeiten sind zum Beispiel nach wie vor Untersuchungsgegenstand von Historiker/innen heute.  

 

Auf einen Blick

Mit freundlicher Unterstützung von Johannes Preiser-Kapeller, Mitarbeiter am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW.

Alle Mythen & Fakten zum Mittelalter und seiner Gesellschaft gibt es auf unserem Facebook-Kanal unter dem Hashtag #MittelalterMittwoch nachzulesen.