15.03.2019

„Maximilian glaubte an den Fortschritt“

Reformer, Visionär aber auch „Schuldenkaiser“ – Maximilian I. war eine schillernde und in vielem auch sehr moderne Herrscherpersönlichkeit. Heuer jährt sich sein Todesjahr zum 500sten Mal. ÖAW-Historiker Manfred Hollegger über den „Letzten Ritter“, der sogar Papst werden wollte.

Maximilian I., Porträt Albrecht Dürers © Wikimedia/Public Domain

Die Stationen von Maximilians Karriere können sich sehen lassen: 1477 Herzog von Burgund, ab 1486 römisch-deutscher König, ab 1493 Herr der Habsburgischen Erblande und von 1508 bis zu seinem Tod am 12. Januar 1519 römisch-deutscher Kaiser. Nur mit einer Wunschposition wurde es nichts: „dein guter Vater, Maximilian, zukünftiger Papst“, schrieb er einmal in einem Brief an seine Tochter. Doch auch ein Kaiser vermag nicht alles.

Ansonsten gelang dem Regenten aber einiges. Sein vermutlich zentralstes Vermächtnis: Er legte durch geschickte Kriegs- und Heiratspolitik das Fundament für den Aufstieg der Habsburgerdynastie zur Weltmacht. Ein wichtiger Baustein seines Erfolgs war seine Modernität. Aufgewachsen in der Welt des Mittelalters erlebte er in erwachsenen Jahren den Umbruch zur Neuzeit. „Als Politiker glaubte Maximilian an den Fortschritt und hat immer wieder Reformen angeregt“, erklärt Manfred Hollegger vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Hollegger gehört zu den Organisator/innen der Konferenz „Maximilian I. (1459-1519). Person, Brüche und Umbrüche einer Brückenzeit“, die vom 18. bis 23. März 2019 in Innsbruck, Wels und Wien stattfand. Bei der wohl größten Tagung im 500sten Todesjahr des „letzten Ritters“ beleuchteten internationale Expert/innen, sein Wirken in Politik und Kultur aus unterschiedlichsten Perspektiven.   

Wenn die Medien über Kaiser Maximilian I. berichten, nennen sie ihn gerne den „Letzten Ritter“. Wann entstand eigentlich dieser Beiname?

Manfred Hollegger: Erst um 1830 mit dem Romanzenkranz „Der letzte Ritter“ des Lyrikers Anton Alexander Graf von Auersperg alias Anastasius Grün.

Waren Ritterturniere während Maximilians Regierungszeit am Anfang des 16. Jahrhunderts denn überhaupt noch zeitgemäß?

Hollegger: Nicht wirklich. Das war damals, wie bei uns heute Polo oder Skeleton in St. Moritz, ein Sport für die besseren Kreise. Solche Ritterturniere hatte Maximilian in Burgund kennen gelernt, als Kampfsport, in dem Männer ihre Kraft und Geschicklichkeit ausstellen – und ließ sie dann bei Reichstagen und anderen Zusammenkünften ausrichten.

War Maximilian denn Nostalgiker?

Hollegger: Man darf einen Renaissancefürsten nicht mit einem Nostalgiker verwechseln, und Maximilians wissenschaftliche und künstlerische Aufträge nicht mit Rückwärtsgewandtheit. Als Politiker glaubte Maximilian an den Fortschritt und hat immer wieder Reformen angeregt.

Maximilians Ziel war ein institutioneller, zentralistischer Flächenstaat mit entsprechender Bürokratie und Kontrolle.

Worin bestanden denn seine wichtigsten Reformen?

Hollegger: Er modernisierte beispielsweise das Kriegswesen: Er ließ Fußknechte in geschlossenen Formationen in der Mitte kämpfen, wodurch sie den klassischen Ritterheeren überlegen waren, und setzte die Reiter an den Flanken ein. Und er erkannte den Wert der Artillerie auch im Feld, machte sie beweglicher und normierte die Kaliber.

Und im zivilen Bereich?

Hollegger: Sein Ziel war ein institutioneller, zentralistischer Flächenstaat mit entsprechender Bürokratie und Kontrolle. Ganz modern gedacht waren auch seine Reformen im Gerichtswesen. Wie im Reich etablierte Maximilian auch in Österreich ein Kammergericht, an das man sich, dem heutigen OGH-ähnlich, in zweiter Instanz wenden konnte. Die Stände waren empört und sahen sich in ihren Rechten eingeschränkt – vergleichbar übrigens mit unserer heutigen Diskussion, inwiefern sich Europa in nationale Angelegenheiten einmischen darf. Damals lautete die Frage: Darf der Fürst in autonome ständische Bereiche wie Steuerbewilligung oder Rechtsprechung hineinregieren?

Wie hat er all diese Maßnahmen finanziert?

Hollegger: Hauptsächlich durch Kredite der Augsburger Handels- und Bankhäuser, allen voran der Fugger. Ergebnis war ein Schuldenberg, der erst zehn Jahre nach seinem Tod einigermaßen abgezahlt war.

Maximilian hatte viele Pläne, einige davon unkonventionell, und er hat sie auf ihre Machbarkeit untersuchen lassen. Aber so funktioniert heute auch modernes Management. Spintisierender Fantast war er sicher keiner.

Und dann gab es noch große Ziele in eigener Sache: Maximilian wollte Papst und Kaiser in Personalunion werden. War dieser Plan nicht völlig abwegig?

Hollegger: Da steckt schon eine sehr gewagte Vision dahinter. Dass es aber mehr als ein momentaner Einfall war, zeigt, dass er seinen „Finanzbevollmächtigten“ Liechtenstein bat, dieser möge vorfühlen, ob die Fugger bereit wären, das Vorhaben zu finanzieren. Man wollte die Kurie bestechen. Seiner Tochter – damals Statthalterin der Niederlande – teilte Maximilian mit, dass er kandidieren und danach nie mehr eine nackte Frau anschauen werde. Unterschrieben ist sein auf Französisch verfasster Brief mit „dein guter Vater, Maximilian, zukünftiger Papst“. Die Tochter, eine kühl denkende Politikerin, reagierte entsetzt. Die Fugger haben dann aber abgewunken und es wurde nichts daraus. Maximilian hatte viele Pläne, einige davon unkonventionell, und er hat sie auf ihre Machbarkeit untersuchen lassen. Aber so funktioniert heute auch modernes Management. Spintisierender Fantast war er sicher keiner.

Weil in Maximilians Auftrag viele Schriften und Kunstwerke entstanden, hört man immer wieder das Schlagwort vom „Medienkaiser“. Können Sie damit etwas anfangen?

Hollegger: Seine Zeitgenossen haben ihn so sicher nicht wahrgenommen. Mit Flugblättern, Flugschriften und gedruckten Reden hat er kaum politische Wirkung erzielt. Davon abgesehen ist sicher richtig, dass er für seine literarischen und künstlerischen Großprojekte – Weißkunig, Theuerdank, Freydal, Ehrenpforte und Triumphzug – alle damals verfügbaren Medien virtuos kombinierte. Und die Wirkung, die er so im Verein mit seinem monumentalen Grabmal für sein „Gedechtnus“ erzielen wollte, die hält ja bis heute an!

 

Manfred Hollegger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW. Dort ist er stellvertretender Projektleiter der Regesta Imperii Wien. Das Langzeitforschungsprojekt hat - in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz - die Erschließung der urkundlichen und historiographischen Quellen zu den römisch-deutschen Königen, darunter Maximilian I., zum Ziel.

Die Konferenz „Maximilian I. (1459-1519). Person, Brüche und Umbrüche einer Brückenzeit“ fand vom 18. bis 23. März 2019 statt. Sie war eine Kooperationsveranstaltung der ÖAW mit den Universitäten Innsbruck und Wien, dem Musealverein Wels und den Museen Wels mit Programmpunkten in Innsbruck, Wels und Wien.
 

Programm der Konferenz

Institut für Mittelalterforschung der ÖAW

 

 


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