11.08.2016

LERNEN IM DIENSTE IHRER MAJESTÄT

Der britische Historiker Nile Green spricht im Interview über den Wissensaustausch zwischen Orient und Okzident im 19. Jahrhundert. Er war zu Gast bei einer internationalen Konferenz des ÖAW-Instituts für Iranistik, die sich mit Medizin und Heilkunst im Persien der Kadscharen-Dynastie befasste.

Sie waren unterwegs im Dienste Ihrer Majestät: Sechs junge Studenten reisten im Jahre 1815 im Auftrag des Schahs von Persien nach England. Ihre Mission: Vom Westen zu lernen und das angeeignete Wissen zurück in ihr Heimatland bringen. Denn dieses hatte durch die russisch-persischen Kriege ein gesteigertes Interesse an moderner Technologie und Wissenschaft. In der Aufholjagd um den technischen Fortschritt, wollte man sich auch Impulse aus dem Ausland holen.  

Der britische Historiker Nile Green von der University of California hat die abenteuerliche Geschichte dieser Reise auf der Suche nach Wissen in seinem neuen Buch „The Love of Strangers: What Six Muslim Students Learned in Jane Austen`s London“ aufgezeichnet, nachdem ihm vor einigen Jahren das Tagebuch eines der persischen Studenten in einer Bibliothek in Oxford aufgefallen war. Ein Glücksfund, der einen unmittelbaren Einblick gibt in den Wissensaustausch zwischen Orient und Okzident im 19. Jahrhundert.

Green war einer der internationalen Gäste der Konferenz „Doctors and Medicinal Arts in Qajar Iran“, die das Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) kürzlich in Wien abhielt. Im Mittelpunkt der Konferenz standen die medizinische Versorgung in Persien und der Austausch von Wissen in der Heilkunst zur Zeit der Kadscharen-Dynastie im 19. und 20. Jahrhundert.

Im Interview erzählt Green von der knapp vierjährigen Bildungsreise der ersten persischen Auslandsstudenten in Europa, davon, wie diese Reise sie und ihr Land veränderte und von einer Entdeckung, die ihn am meisten überraschte.

Was waren die ersten Eindrücke der sechs persischen Studenten, als sie vor 200 Jahren in London ankamen?

Sie waren zunächst überwältigt von der Fremdheit. Die Studenten kamen zu einer Zeit in London an, in der es zwischen Orient und Okzident so gut wie keinen direkten Kontakt gegeben hat. Der persische Student Mirza Salih, dessen Tagebuchaufzeichnungen überliefert sind, und seine Begleiter hatten zuerst Mühe sich in für sie sehr fremden Umgebung zurechtzufinden. Aber durch ihre Neugierde und die Offenheit ihrer Gastgeber fingen sie an, ihr Gastland allmählich besser zu verstehen und auch zu bewundern. Als sie England am Ende verließen waren sie nicht mehr Dieselben.

Was brachten sie mit zurück und welche Folgen hatte das?

Als die Sechs in ihre Heimat zurückreisten, hatten sie im Gepäck: eine Druckerpresse, ein Teleskop, medizinische Geräte und viele Bücher. Tatsächlich hat einer aus der Gruppe später auch die erste iranische Zeitung gegründet. Und ein Anderer war maßgeblich an der Errichtung der ersten polytechnischen Universität des Iran beteiligt.

Der Auftrag lautete, sich Kenntnisse in Ingenieurstechnik, Medizin und Chemie anzueignen. Haben die Studenten auf ihrer Reise auch Gedankengut aufgenommen, das über die modernen Technologien hinaus ging?

Es stand nicht auf dem Lehrplan und war auch nicht vorhergesehen, aber die Studenten bildeten sich interdisziplinär und schlossen auch tiefe Freundschaften mit Engländern. Sie lernten die Gedichte Lord Byrons zu schätzen, trafen die englische Sklavereigegnerin Hannah More, besuchten die Oper und kamen mit Theorien der modernen Demokratie in Berührung. Das Konzept der englischen „charity school“, der kostenlosen Armenschulen hat sie tief beeindruckt. Zwei von ihnen sind sogar Freimaurer geworden. Einer der Studenten hat eine Engländerin geheiratet, die ihm später mit nach Persien gefolgt ist.

Waren die Einflüsse nur einseitig, also von West nach Ost? Oder haben die Studenten auch ihre Wissensspuren in England hinterlassen?

Zum einen sind Salihs Aufzeichnungen selbst ein wertvolles Zeitdokument. Denn sie zeichnen ein lebendiges Bild der englischen Regency-Ära aus der Sicht eines Ausländers. Uns ist diese Epoche größtenteils durch die kultivierten Jane Austen Romane bekannt, in denen aber wesentliche historische Strömungen, wie zum Beispiel der Einfluss des Evangelikalismus, vollkommen ausgelassen werden. Durch die Außenperspektive Salihs hat man die Möglichkeit einen umfassenden Einblick in den zeitgeschichtlichen Kontext zu bekommen. Zudem hat Salih auch Persisch unterrichtet. Das heißt, er hat Spuren persischer Sprachkenntnisse in seinen Schülern hinterlassen, die sich vermutlich nach seiner Abreise weiter verbreitet haben.

Welche Erkenntnis hat Sie am meisten überrascht?

Eine meiner erstaunlichsten Entdeckungen war der Umstand, dass die Studenten entscheidend dabei mitgeholfen haben das Evangelium ins Persische zu übersetzen. Das bedeutet, dass die Perser, die Ideen über wissenschaftlichen Rationalismus mit in ihr Land zurückgetragen haben, auf der anderen Seite ironischerweise auch einen maßgeblichen Beitrag zur christlichen Missionierung im Orient geleistet haben.