08.03.2016

Kulturen der Gleichheit

Ob Hopi, Irokesen oder die Minangkabau – in zahlreichen indigenen Kulturen sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Ein sozialanthropologischer Streifzug zum internationalen Frauentag.

Die "Garo" sind eine matrilineare Kultur und leben an der Grenze von Indien und Bangladesh. Bild: Wikimedia/CC/Vishma thapa

Den vielzitierten „Gender-Gap“ gibt es nicht nur in westlichen Gesellschaften, sondern auch anderswo auf der Welt. Noch immer sind Frauen in vielen Bereichen gegenüber Männern benachteiligt. Doch auch das Gegenteil oder zumindest eine größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern findet sich in den verschiedenen Kulturen der Welt. Das zeigt ein Blick auf indigene Gesellschaften.

Sozialanthropolog/innen forschen seit Langem zu Gruppen wie den Hopi, die im Norden Arizonas leben, den Khasi im Nordosten Indiens oder den Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind matriliniear organisiert. Die Weitergabe von sozialen Positionen, Privilegien oder Eigentum von einer Generation an die nächste erfolgt über die weibliche Linie von Müttern an Töchter. Frauen spielen in diesen Gesellschaften gegenüber Männern daher oft eine gleichberechtigte Rolle.
 
Andre Gingrich, Sozialanthropologe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), erklärt im Interview zum internationalen Frauentag am 8. März, wie sich das Verhältnis von Frauen und Männern in diesen indigenen Kulturen gestaltet, welchen Einfluss die Globalisierung auf matrilineare Gesellschaften heute ausübt und was es mit dem „dritten Geschlecht“ auf sich hat.

Westliche Gesellschaften sind immer noch stark vom männlichen Geschlecht dominiert. Gibt es Beispiele für Kulturen, in denen Frauen eine gleichberechtigte Stellung einnehmen?

Es gibt noch immer etliche Beispiele für lokale Kulturen, in denen Frauen eine „gleichberechtigte“ oder auch eine „gleichwertige“ Stellung einnehmen. Dass bei matrilinear und matrilokal organisierten indigenen Gesellschaften Nordamerikas, wie den „Hopi“ oder den „Irokesen“, die verheirateten und verwitweten Frauen über Gartenwirtschaft, Vermögen und politisch-rechtliche Dorfangelegenheiten das Sagen haben, gilt etwa bei den Hopi als „gleichwertig“ zum religiös-zeremoniellen Bereich, in dem die  erwachsenen Männer bestimmen.

Durch die globale Ausdehnung der kommerziellen Industriegesellschaft, aber auch durch die Missionierungen islamischer und christlicher Strömungen sind viele dieser Gesellschaften umgeformt worden. Historische Quellen belegen, dass die entsprechende Zahl derartiger Gesellschaften um etwa 1500 in Asien, Afrika und den Amerikas wohl etwas größer war als in jüngerer Zeit.

Von den Gartenbau betreibenden Kulturen zu unterscheiden sind auf Jagd- und Sammelwirtschaft beruhende „Wildbeuter“-Gesellschaften, die weit über neunzig Prozent der Menschheitsgeschichte ausgemacht haben. Eine relative Mehrheit der historisch bekannten, in sich sehr heterogenen Wildbeuter wies sogenannte bilaterale oder kognatische Verwandschaftsbeziehungen auf, die ein relativ symmetrisches Geschlechterverhältnis fördern.

Warum sind diese Kulturen matrilinear organisiert bzw. welche Faktoren waren für die Ausbildung von Matrilinearität wesentlich?

Im Unterschied zu vielen Theorien des 19. Jahrhunderts geht die heutige Forschung überwiegend davon aus, dass es ein „ursprüngliches Matriarchat“ nie gegeben hat, also dass „Mütter-Herrschaft“ eine erste durchgängige Phase der Menschheitsentwicklung gewesen wäre. Diese zählebige Hypothese gilt seit langem als verworfen. Mütter-Herrschaft ist eine recht seltene, agrarisch-staatliche elitäre Sonderform, die primär nur aus dem vorkolonialen und frühkolonialen südlichen Afrika bekannt ist.

„Matrilinearität“ hingegen bezeichnet eine dominante Abstammungs- und Erbfolge-Regelung über die Mutterlinie, die sich häufig mit „matrilokaler“ Residenz verbinden kann (aber nicht muss) – also dem Usus, dass sich ein frisch verheiratetes Paar am Wohnort der Brautmutter ansiedelt. Aus den vergleichenden Arbeiten von Sozial- und Kulturanthropologie seit fast 100 Jahren wissen wir heute, dass Matrilinearität als Prinzip der Sozial- und Rechtsordnung eine signifikant hohe Korrelation mit Gartenbauwirtschaft aufweist, die fast immer mit Kleinviehzucht einher geht. Intensivere Bodenbau-Formen in Siedlungsnähe ebenso wie kleinere Radien der Viehweide dürften, so zumindest die vorherrschenden Theorien zu diesen Fragen, günstigere vorindustrielle Rahmenbedingungen geboten haben für weibliche Aktionsspielräume und Entscheidungsbefugnisse.

Welche Rolle spielen Frauen in diesen Kulturen und welche Rolle spielen die Männer?

Das Prinzip der Matrilinearität bedingt, dass in der Regel eine Frau ebenso wie ihr Bruder von der Mutter erben. Daraus folgt, dass der Bruder der Mutter in matrilinearen Gesellschaften die wichtigste männliche Bezugsperson für die Kinder ist, während dem Vater meist nur eine untergeordnete Rolle zukommt.

Das war, nebenbei bemerkt, übrigens einmal ein wichtiger Streitpunkt, dessentwegen der aus Krakau gebürtige Begründer der Sozialanthropologie, Bronislaw Malinowski, bereits auf gemeinsamen Spaziergängen während ihrer Südtiroler Sommerfrischen Sigmund Freuds Theorie von einem „universellen Ödipus-Komplex“ als eurozentrischen Unfug verwarf.

Aber zurück zur Matrilinearität: Wo sich Matrilinearität auch mit Matrilokalität verbindet, wie in etwa in zwei Drittel der bekannten Fälle, ziehen die Brüder bei der Heirat zum Wohnort ihrer Frauen, während die Schwestern vor Ort bleiben und Hof, Land und Wasserzugänge erben. Die Frauen spielen daher die entscheidende Rolle im wirtschaftlichen und sozialen Alltag, die Rolle der Mutterbrüder kann wiederum im religiösen Bereich, zuweilen aber auch im rechtlich-politischen Feld dominieren.

Das ÖAW-Institut für Sozialanthropologie forscht in Asien und im östlichen Mittelmeerraum zu „Konsens und Konflikt" – lassen sich bei diesem Thema Unterschiede feststellen zwischen Kulturen, die eher von Frauen und jenen, die eher von Männern dominiert werden?

Die Sozialanthropologin Eva-Maria Knoll etwa hat erst in diesem Winter die „Wedda“ besucht, eine weithin respektierte Wildbeuter-Gesellschaft im zentralen Sri Lanka. Ihr Kollege Helmut Lukas wiederum forscht an unserem Institut seit Jahren zu den eher stark bedrängten „Maniq“ im südostasiatischen Regenwald und hat eben eine Abhandlung über diese Wildbeuter in der Fachzeitschrift „Hunter Gatherer Research“ publiziert. Wedda und Maniq sind zwei konträre Beispiele für den teils geachteten, teils verachteten Status der wenigen überlebenden asiatischen Wildbeuter-Gesellschaften – zu denen unser Institut im Sommer 2015 die weltgrößte Konferenz in Wien mitveranstaltet hat.

In der heutigen Welt sind die Wildbeuter Asiens insgesamt sehr kleine Randgruppen, die kaum jemals für andere Menschen gefährlich sind und in der Regel ausgewogenere Beziehungen zwischen Mann und Frau leben als viele ihrer sesshaften und staatlich organisierten Nachbarn. In den komplexeren agrarisch-staatlichen Gesellschaften Asiens, vom islamischen Westasien über das hinduistisch geprägte Indien bis ins buddhistisch beeinflusste Südost- und Ostasien, sind auch die Geschlechterbeziehungen „komplexer“. Aber von wenigen Phasen und Regionen abgesehen – etwa an manchen Orten und zu bestimmten Zeiten im vor-lamaistischen Buddhismus Tibets – überwiegt, sehr abstrakt und verallgemeinernd gesprochen, in den Geschlechterbeziehungen doch das hierarchische Prinzip, wie in allen anderen Gesellschafts- und Kulturbereichen.

Wie sieht die Zukunft matrilinearer Kulturen aus? Werden sie in einer globalisierten Gesellschaft verschwinden oder eher Teil einer zunehmend diversen Weltkultur?

Im Unterschied zur Soziologie oder den Wirtschaftswissenschaften hat die Sozial-und Kulturanthropologie stets – und mit guten Gründen – darauf verzichtet mittel- oder längerfristige Prognosen anzustellen. Die Frage muss ich also für mich so umdeuten, dass ich aktuelle Tendenzen konstatiere um festzustellen, ob diese zuletzt angehalten haben oder nicht.

Dabei zeigt sich, dass Demokratie, Marktwirtschaft und neue Medien sozio-kultureller Vielfalt und dem Fortbestand minoritärer Lebensformen im Großen und Ganzen eher förderlich sind. Wo die heutige Globalisierung also einhergeht mit diesen Bestandteilen dessen, was man auch „Washington Consensus“ genannt hat, orte ich Potenziale für den Fortbestand matrilinearer und wildbeuterischer Minderheiten als Teil einer diversifizierten Weltkultur. Wo hingegen Diktaturen und schrankenlose Missionierungsversuche überwiegen, zählen diese sozio-kulturellen Minderheiten oft zu den ersten Opfern.

Geschlecht wird aus westlicher Sicht oft als Zweigeschlechtlichkeit interpretiert, das heißt es gibt Männer und Frauen. Aber ist das tatsächlich eine „kulturelle Universalie"? Oder gibt es auch Kulturen, die diese Unterscheidung nicht treffen oder mehr als zwei Geschlechter haben?

„Geschlecht“ hat sicher auch eine oftmals ignorierte sozio-kulturelle Seite, und nicht bloß eine oftmals überbewertete biologische Komponente. Viele Kulturen etwa betrachten und behandeln vor-pubertäre Kinder als ein „drittes Geschlecht“. Weniger häufig, aber ethnographisch bekannt, sind Beispiele, in denen bestimmte indigene Kulturen der Amerikas Menschen mit gleichgeschlechtlichen Präferenzen einem „dritten Geschlecht“ zuordnen. Historisch-ethnographische Berichte dokumentieren darüber hinaus, dass in manchen seltenen Fällen Personen mit unklarem biologischem Geschlecht nicht als Außenseiter, sondern als besonders verehrungswürdig behandelt worden sein sollen.

Umgekehrt gibt es jedoch keine bekannte Gesellschaft in Gegenwart und Geschichte, die auf die mentale und sprachliche Unterscheidung zwischen „Mann“ und „Frau“ verzichtet hätte. Dies ist also zweifellos eine mentale und semantische Universalie – aber diese Universalie tritt eben nicht überall als das einzige Schema auf, wenn von Geschlecht die Rede ist. Anders gesagt: Diese Universalie ist nicht exklusiv.

 

Andre Gingrich ist wirkliches Mitglied der ÖAW, Direktor des ÖAW-Instituts für Sozialanthropologie und ordentlicher Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Zahlreiche Feldforschungen führten ihn u.a. nach Syrien, Saudi-Arabien, in den Jemen und nach Tibet. Er ist Mitglied der Kgl. Schwedischen Akademie der Wissenschaften und Fellow der World Academy of Sciences und wurde mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt, wie etwa dem Wittgenstein-Preis im Jahr 2000.

Andre Gingrich ist zudem Mitglied eines Beirats der Freien Universität Bozen/Bolzano, an der derzeit Arbeiten für ein „Malinowski-Gedenkhaus“ als Teil der Leistungsvereinbarung mit dem Land Südtirol in Vorbereitung sind.

ÖAW-Institut für Sozialanthropologie

 


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