11.05.2020

„Ich befürchte eine Katastrophe im Jemen“

Zuverlässige Zahlen zu Covid-19 Erkrankungen im Jemen gibt es nicht. Eine weite Ausbreitung des Virus ist wahrscheinlich. Und hätte verheerende Folgen für das vom Krieg zerrüttete Land. „Es fehlt an allem“, sagt ÖAW-Sozialanthropologin Marieke Brandt im Interview.

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Marieke Brandt befürchtet eine Katastrophe im Jemen. Seit Jahren herrscht hier Bürgerkrieg, bis vor kurzem grassierte die Cholera, das Dengue-Fieber wütet nach wie vor. Wie viele Menschen bisher im Jemen an COVID-19 erkrankt sind, ist ungewiss. An Testmöglichkeiten mangelt es ebenso wie am Zugang zu medizinischer Versorgung. Marieke Brandt vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat fünf Jahre lang im Jemen gelebt und geforscht. Angesichts der COVID-19-Pandemie fürchtet sie Schlimmes für das zerrüttete Land im Süden der Arabischen Halbinsel. Einen möglichen Lichtblick sieht die Sozialanthropologin einzig im sehr jungen Alter der Bevölkerung.

Was weiß man tatsächlich darüber, wie stark der Jemen von der Pandemie betroffen ist?

Marieke Brandt: Die Datenlage ist sehr unzuverlässig. Der erste bestätigte Fall von COVID-19 wurde Mitte April in der Ostprovinz Hadramaut bekannt. Danach kam es zu einzelnen Fällen auch in den südlichen Provinzen Aden und Abyan sowie in Taiz im südlichen Hochland. Es gibt bisher verhältnismäßig wenige bestätigte Fälle aus einem einfachen Grund: Durch die kriegsbedingte Isolation des Landes ist der Personenverkehr mit dem Ausland sehr beschränkt bis unmöglich und es fehlt an Testmaterial. Die Vereinten Nationen vermuten, dass die Dunkelziffer der Corona-Fälle bereits viel höher liegt.

Man fühlte sich immun und sah die Pandemie als eine Geißel des „korrupten Westens“ und seiner regionalen Verbündeten wie das benachbarte Saudi-Arabien.

Wie gehen Politik und Bevölkerung mit der Bedrohung durch das Virus um?

Brandt: Die Reaktionen auf die Pandemie waren zunächst eher irrational. Vor allem aus dem isolierten Norden, der von den ultrakonservativen Huthis beherrscht wird, erreichten mich im April besorgniserregende Nachrichten. Man fühlte sich immun und sah die Pandemie als eine Geißel des „korrupten Westens“ und seiner regionalen Verbündeten wie des benachbarten Saudi-Arabiens. Dort griff die Pandemie nämlich bereits um sich, sodass die Saudis am 9. April 2020 unilateral eine zweiwöchige Waffenruhe im Krieg mit den Huthis verkündeten.

Der Jemen war dann auch eines der wenigen muslimischen Länder, in dem der Fastenmonat Ramadan zunächst normal und ohne „social distancing“ begangen wurde. Mittlerweile ist mit steigenden Infektionszahlen überall im Jemen Panik ausgebrochen. Die Huthis im Norden und der Südübergangsrat im Süden bemühen sich, ihre Autorität und Ernsthaftigkeit unter Beweis zu stellen und haben begonnen, auf die drohende Pandemie mit Quarantänemaßnahmen und Ausgangssperren zu reagieren. Die Ausgangsperren kommen ihnen wegen der unruhigen Gesamtsituation im Übrigen politisch oft gar nicht so ungelegen.

Mittlerweile ist mit steigenden Infektionszahlen überall im Jemen Panik ausgebrochen.

Was bedeutet eine solche gesundheitliche Krise für ein armes, von Bürgerkrieg zerrüttetes Land wie den Jemen?

Brandt: Ganz ehrlich, ich befürchte eine Katastrophe im Jemen. Es fehlt an allem. Der Jemen hat drei Ärzte und sieben Krankenhausbetten pro zehntausend Einwohner. Zwei Drittel der Bevölkerung haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem und oft auch nicht zu sauberem Wasser. 3,5 Millionen Binnenvertriebene leben in provisorischen Lagern. Die Jemeniten sind im Allgemeinen schlecht ernährt und anfällig für viele Krankheiten. 2016 hat sich die Cholera innerhalb von wenigen Wochen im Jemen verbreitet und über eine Million Menschen infiziert. Gleichzeitig mit COVID-19 wütet das Dengue-Fieber mit oft ähnlichen Symptomen. Es gibt keine landesweite Aufklärung, keine vernünftige Infrastruktur des Gesundheitssystems, kaum Testmöglichkeiten und Schutzausrüstungen. Krankenhäuser stellen aus Angst vor Corona ihren Betrieb ein. Der einzige Lichtblick ist, dass die Bevölkerung generell sehr jung ist. Aber ich fürchte, dass auch das dem Jemen nicht helfen wird.

Zwei Drittel der Bevölkerung haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem und oft auch nicht zu sauberem Wasser.

Dem Jemen wird in der deutschsprachigen Berichterstattung meist nur wenig Beachtung beigemessen. Wie ist das zu erklären?

Brandt: Wir werden generell wenig von den Krisen und Kriegen im Jemen berührt, weil das Land arm und verhältnismäßig weit entfernt ist und weil nur sehr wenige Flüchtlinge aus dem Jemen den „globalen Norden“ erreichen. Heute, wo sich unser Blick vorwiegend auf unsere eigenen Notlagen richtet, ist der Jemen noch stärker unserer Aufmerksamkeit und unserem Bewusstsein entzogen. 

 

AUF EINEN BLICK

Marieke Brandt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW. Sie hat fünf Jahre im Jemen gelebt und geforscht. Ihre Monographie „Tribes and Politics in Yemen: A History of the Houthi Conflict“ (Oxford University Press) wurde 2018 mit dem Preis der Besten Publikation der ÖAW ausgezeichnet. Derzeit leitet sie das Forschungsprojekt „Deciphering Local Power Politics in Northwest Yemen“, gefördert vom New Frontiers Research Groups Programme der ÖAW.