16.07.2020

Glas biegen ohne es zu brechen

In Jürgen Eckerts Forschung dreht sich fast alles um metallische Gläser. Was den ÖAW-Wissenschaftler daran fasziniert? Ein völlig neuartiges Material zu schaffen, das vor ihm noch niemand entwickelt hat.

Jürgen Eckert sitzt in einem Foyer
Jürgen Eckert will mit seinem Team die Struktur und das Verhalten von Werkstoffen besser verstehen. © ÖAW/Klaus Pichler

Menschen inspirieren Menschen. Deshalb umgibt sich Jürgen Eckert gerne mit klugen Köpfen und schätzt den Austausch mit Kolleg/innen, allen voran mit seinem Team. Er ist Direktor des Erich-Schmid­Instituts für Materialwissenschaft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Auf Tagungen, abseits des alltäglichen Geschäfts, oder wenn Studierende an seine Tür klopfen und wirklich spannende Fragen stellen, könne es schon passieren, dass er noch Stunden später mit einer Gruppe zusammenstehe und philosophiere, erzählt er.

Jürgen Eckert betreibt Grundlagenforschung, hat aber immer auch die potentielle praktische Anwendbarkeit seiner Forschung im Blick. Sein Spezialgebiet sind metallische Gläser. Ein Material mit vielen vorteilhaften Eigenschaften, wie er erklärt. Es zeichnet sich nicht nur durch hohe Härte aus, sondern ist auch elastisch und zugleich leichter als Stahl. „Jeder weiß, dass Glas spröde ist und bricht. Denken wir an ein Fensterglas.“

Das Glasmaterial, das Jürgen Eckert entwirft, ist biegsam und bricht daher nicht.

Das Glasmaterial, das Eckert hingegen entwirft, ist biegsam und bricht daher nicht. Auf natürlichem Wege würden diese Legierungen mit den besonderen atomaren Strukturen nicht zustande kommen. Gemeinsam mit seinem Team versucht der Materialwissenschaftler, die Struktur und das Verhalten solcher Werkstoffe immer besser zu verstehen. Aktuell arbeitet Eckert an der Entwicklung amorpher metallischer Dünnschichten, die man für Überzüge oder Beschichtungen auf Medizinimplantaten verwenden könne. „Abriebfeste Kleinbauteile“, nennt er das.

NEUGIERIGER GRENZGÄNGER

„Es ist die Neugier, Dinge zu machen, die abseits von dem liegen, was man sonst kennt“, sagt Eckert über seine Experimentierfreude. Für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Dünnschichtmetallgläser wurde er 2019 mit einem Proof of Concept Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) ausgezeichnet.

„Es ist die Neugier, Dinge zu machen, die abseits von dem liegen, was man sonst kennt“, sagt Eckert über seine Experimentierfreude.

„Ich war immer ein Grenzgänger zwischen verschiedenen Welten“, erzählt Jürgen Eckert rückblickend. Als gelernter Ingenieur ist er über das Studium zur Werkstoffwissenschaft gekommen. Seit 30 Jahren wandert er beständig zwischen Grundlagenforschung und Anwendungen hin und her. Im Bereich der Prozesstechnik habe sich seither unglaublich viel verändert. „Heute kann man einzelne Atome in einem Elektronenmikroskop sehen und beobachten, wie sich Dinge verformen.“ Vor 20 Jahren hätte das noch niemand für möglich gehalten, ebenso wenig, dass man mittlerweile ein komplexes Kunststoffbauteil auch aus Metall herstellen kann.

Wenn Eckert davon spricht, wie viel Freude es ihm macht, im Dialog mit seinen Studierenden zu sein, erfährt man auch einiges über seine Haltung: „Ich bin wissenschaftlich so erzogen worden, dass man den Leuten nicht sagt, was sie denken sollen“, erinnert er sich. Und: „Ich hatte großes Glück“, sagt er. „Weder bei der Dissertation, noch bei der Habilitation wollte mir irgendjemand einreden, was ich machen soll.“ Seinen Auftrag sieht er auch darin, Talente zu fördern, sie „herauszukitzeln“, wie er es nennt. Auftragsarbeiten und zu viele Vorschriften würden die Kreativität killen, ist Eckert überzeugt. Stattdessen brauche es den nötigen Freiraum, Dinge auszuprobieren – und auch, um Fehler zu machen. „So wird man erstens besser und es macht zweitens mehr Spaß.“

INSPIRIERENDES ENSEMBLE

Die Begeisterung für Neues und die Neugier, die nie aufhöre, das sei es, was er so sehr an seinem Beruf schätze. Dazu gehört auch die ÖAW: „Es ist ein Ensemble, von Menschen getragen, das sich einerseits seiner Tradition bewusst und andererseits sehr modern ist“, sagt er über die Akademie. Es sei spannend, bei so einem Ensemble an schlauen Köpfen dabei zu sein.

Jürgen Eckert sieht seinen Auftrag auch darin, Talente zu fördern. In der Grundlagenforschung brauche es den nötigen Freiraum, Dinge auszuprobieren.

„Wenn ich an die verschiedenen Disziplinen denke, sehe ich eine sehr weltoffene und intellektuell herausfordernde Institution“, so Eckert. Das sei mehr als ein Karriereprinzip, hier gehe es um Haltung und Einstellung. Die ÖAW strahle für ihn eine „inspirierende Gesamtstimmung“ aus.

 

AUF EINEN BLICK

Jürgen Eckert ist Direktor des Erich-Schmid­Instituts für Materialwissenschaft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Lehrstuhlleiter für Materialphysik an der Montanuniversität Leoben.

Weitere Porträts von Forscher/innen sind im neuen Jahresbericht der ÖAW zu finden.

 


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