03.03.2020

„Epidemien sind immer auch politisch“

Krankheiten, wie das aktuelle Coronavirus, sind nicht nur ein Gesundheitsproblem. Sie wirken sich auch auf Politik und Wirtschaft, Arm und Reich aus und sie können kulturelle Stereotype verstärken, erklärt die norwegische Medizinanthropologin Karine Aasgaard Jansen, die derzeit Gastforscherin an der ÖAW ist.

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„Mich interessiert vor allem, wie die Menschen die Epidemie wahrnehmen“, erklärt Karine Aasgaard Jansen. Die Norwegerin ist Medizinanthropologin an der Umeå Universität in Schweden und derzeit Gastforscherin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Jansen beschäftigt sich in ihrer Forschung mit den politischen, kulturellen und sozialen Aspekten von Infektionskrankheiten und hat unter anderem von 2004 bis 2007 die Chikungunya-Epidemie im westlichen Indischen Ozean und die Schweinegrippe-Krankheitswelle in Norwegen von 2009/10 wissenschaftlich untersucht. Die aktuelle Ausbreitung des Coronavirus weist einige Paralleln zu diesen Epidemien auf aber auch ein paar Unterschiede, erzählt Jansen im Interview.

Bereitet Ihnen das Coronavirus Sorgen?

Karine Aasgaard Jansen: Ich verfolge die Nachrichten natürlich genau. Um mich mache ich mir keine Sorgen. Ich bin nicht Teil einer Risikogruppe – über 65 Jahre oder mit einer Grunderkrankung wie beispielsweise Diabetes oder einer Herzschwäche. Für mich wäre es auch kein Problem, 14 Tage lang von zuhause aus zu arbeiten.

Krankheiten wirken sich nicht einheitlich auf eine Bevölkerung aus. Wer sich in einer wirtschaftlich schwierigen Situation befindet, ist stärker betroffen.

Krankheiten wirken sich nicht einheitlich auf eine Bevölkerung aus. Wer sich zum Beispiel in einer wirtschaftlich schwierigen Situation befindet, ist stärker betroffen. Auch der Zugang zu medizinischer Grundversorgung ist nicht überall gegeben. In Flüchtlingslagern zum Beispiel, wie an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei, verbreitet sich eine Krankheit schneller, weil viele Leute in einer unsicheren Lebenssituation unter hygienisch nicht optimalen Bedingungen auf engem Raum zusammenleben.

Was unterscheidet die Coronavirusepidemie von anderen Krankheitsausbrüchen in den vergangenen Jahren?

Jansen: Die aktuelle Krankheitswelle ist die erste in der jüngeren Geschichte, die Quarantänemaßnahmen nach sich zieht, weil es sich um ein neues Virus handelt und deshalb keine Impfstoffe verfügbar sind. Das war zum Beispiel bei der Schweinegrippe anders. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint die Corona-Erkrankung nicht schwerwiegender zu sein als saisonale Grippewellen. Aber die Quarantäne macht die Situation komplizierter und kann natürlich bei den Menschen auch Ängste schüren.

Epidemien sind immer auch politisch. Die Verantwortlichen werden schnell kritisiert – entweder weil sie zu wenig getan haben oder weil sie überreagiert haben.

Sind die Maßnahmen übertrieben?

Jansen: Ich bin keine Ärztin und kann die Maßnahmen aus medizinischer Sicht nicht beurteilen. Aber Epidemien können schnell zu Pandemien werden und es ist wichtig, dass Regierungen Pläne haben, um der Ausbreitung entgegenzuwirken. Das sind umfangreiche Maßnahmenkataloge, die vor allem die schwachen und besonders anfälligen Bürger/innen schützen sollen. Erfahrungen mit einem Ausbruch wie dem aktuellen gibt es nicht, die Behörden halten sich daher an ihre Vorgaben. Eine Quarantäne reduziert auf jeden Fall die Anzahl der Neuerkrankungen. Damit gibt es auch weniger Arbeitsausfälle und die Auswirkungen auf die Wirtschaft und den öffentlichen Sektor bleiben geringer. Die Medien nehmen das Thema natürlich auf und übertreiben dabei vielleicht manchmal.

Besteht das Risiko, dass Populisten versuchen, Krankheitsausbrüche für sich zu nutzen?

Jansen: Epidemien sind immer auch politisch, weil ganze Populationen betroffen sind. Die Verantwortlichen haben es zumeist nicht leicht, weil sie immer kritisiert werden – entweder weil sie zu wenig getan haben oder weil sie überreagiert haben. Bei der aktuellen populistischen Welle in Europa besteht die Gefahr, dass versucht wird, politisches Kapital aus dem Coronavirus zu schlagen. Ich denke da an die Stigmatisierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen oder an das Schließen von Grenzen. Wer für die Ausbreitung verantwortlich gemacht wird bereitet mir aktuell mehr Sorgen als die Krankheit an sich. Derzeit ist es aber schwer, das zu untersuchen, weil die Dinge sich noch entwickeln.

Welche Rolle spielt die wirtschaftliche Situation von Staaten bei der Verbreitung von Krankheiten?

Jansen: Das macht einen enormen Unterschied. Wir haben derzeit noch wenig Informationen über Fälle in Subsahara-Afrika. Dort gibt es weniger Ressourcen. Deshalb wären die Auswirkungen dort wohl größer. Seife und Wasser sind nicht überall selbstverständlich. Im Fall der Schweinegrippe hatte Norwegen beispielsweise einen Vertrag mit einer Pharmafirma, die Impfungen für jede Bürgerin und jeden Bürger garantiert hätte. Ein Land wie Madagaskar kann das nicht tun. Dadurch können sich Krankheiten dann auch leichter über mehrere Länder hinweg verbreiten.

Die Wahrnehmung, dass ein Virus von außen kommt, kann dazu führen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen stigmatisiert werden.

Auch das Vertrauen in die Behörden ist in anderen Regionen nicht immer gegeben. Bei der Chikungunya-Epidemie auf La Réunion und Mauritius zwischen 2005 und 2007 wurde den Menschen erklärt, dass Stechmücken der Überträger sind. Das wurde aber aufgrund einer Reihe von Ursachen nicht geglaubt und einige Menschen haben sich daher auch nicht geschützt. Mein Argument ist, dass Menschen Krankheiten unterschiedlich konzeptualisieren und auch erleben. Daher sind medizinanthropologische Zugänge unerlässlich um Einblicke in Krankheitsverständnisse „von unten“ aufzuzeigen. Diese existieren immer parallel zu Gesundheitsmaßnahmen, die „top-down“ getroffen werden.

Gibt es kulturelle Faktoren, die bei einer Epidemie zum Tragen kommen?

Jansen: Die Gesichtsmasken in China sind ein gutes Beispiel. Die werden eben nicht nur zum Selbstschutz getragen sondern auch um andere vor einer Infektion zu schützen. Die Menschen zeigen damit Anteilnahme an der Erhaltung der Gesundheit anderer. Das Problem bei diesem Virus ist allerdings, dass das Tragen von Mundmasken kontraproduktiv sein kann, weil sich Menschen öfter ins Gesicht fassen um den Mundschutz zu adjustieren, und damit das eigene Ansteckungsrisiko erhöhen.

Welche Rolle spielt es in der Wahrnehmung des Coronavirus, dass der Ursprung in China lag?

Jansen: Aus China kam vor ein paar Jahren schon die Vogelgrippe, das bleibt in den Köpfen haften. Die Leute vergessen aber, wie riesig und bevölkerungsreich dieses Land ist. Es ist nicht überraschend, dass dort dann auch manchmal eine Epidemie ihren Ausgang nimmt. Aber das kann überall passieren, auch in Europa. Durch unseren Reichtum und die gut ausgebauten Gesundheitssysteme sind wir aber weniger exponiert.

Welche Rolle spielt Fremdenfeindlichkeit hier?

Jansen: Die Wahrnehmung, dass ein Virus von außen kommt, im aktuellen Fall aus China, kann dazu führen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen im Alltag stigmatisiert werden.

 

AUF EINEN BLICK

Karine Aasgaard Jansen ist Senior Researcher am Department of Culture and Media Studies der Umeå Universität. Sie promovierte in Cultural Studies an der Universität Bergen in Norwegen.

 


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