14.02.2020

Die Völkerwanderung unter dem Mikroskop

Ein internationales Team unter der Leitung von Walter Pohl, Historiker an der ÖAW und der Universität Wien, startet das vom ERC finanzierte Großforschungsprojekt HistoGenes. Erstmals wird dabei die Mittelalterforschung um Methoden der Genetik und der Archäologie erweitert.

© Shutterstock.com
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6.000 genetische Proben von Grabfunden aus der Zeit des Frühmittelalters stehen in den nächsten Jahren im Zentrum der Arbeit von Wissenschaftler/innen aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Archäologie, Anthropologie, Genetik und Geschichte. Das gab es in dieser Form bisher noch nie. Die große Zahl an Funden bildet den Kern des Projekts „HistoGenes“ (Integrating genetic, archaeological and historical perspectives on Eastern Central Europe, 400-900 AD), das mit einem Synergy Grant des European Research Council (ERC) finanziert und am 18. Februar erstmals öffentlich präsentiert wurde. Dabei sollen durch die genetische Analyse alter DNA und die historische Deutung der Ergebnisse neue Erkentnnisse zu den vielfältigen Migrationen während der „Völkerwanderungszeit“ gewonnen werden.

Das Projekt ist mit zehn Millionen Euro dotiert und wird sechs Jahre dauern. Koordiniert wird es von Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor an der Universität Wien. Wie sich jahrhundertealtes Erbgut erforschen lässt und was man dadurch über die Geschichte Europas erfahren kann, erklärt Walter Pohl im Interview.

Worum genau geht es bei HistoGenes?

Walter Pohl: Im Projekt HistoGenes arbeiten viele Disziplinen zusammen: Genetik, Archäologie, Geschichtswissenschaft und Anthropologie. Es geht darum, die neuen Möglichkeiten der Analyse alter DNA zu nutzen, um mehr über die Bevölkerungsgeschichte Ost-Mitteleuropas zu erfahren. Wir untersuchen die Lebensumstände der Menschen in der bewegten Zeit der Völkerwanderung. Nirgendwo sonst in Europa sind zwischen 400 bis 900 n. Chr. so viele Wanderungsbewegungen verschiedener Völker bezeugt wie im Karpatenbecken, also zwischen Wien und Belgrad. Dieser ferne Spiegel kann uns auch viel über die unterschiedlichen Folgen von Migrationen im Allgemeinen verraten.

Aus genetischer Sicht ist HistoGenes ein Durchbruch, weil nie zuvor ein Projekt mit so vielen Proben alter DNA durchgeführt wurde.

Welche neuen Erkenntnisse lassen sich aus der genetischen Analyse alter DNA gewinnen?

Pohl: Zum einen erfahren wir mehr über die Menschen und darüber, wie sie vor 1.500 bis 1.000 Jahren gelebt haben. Wir können so auch über die Veränderungen dieser Zeit neu und besser erzählen. Der große Vorteil: In den fünf Jahrhunderten, die wir erforschen, haben wir weit über 100.000 Gräber mit Grabbeigaben, die freigelegt und dokumentiert sind. Wir werden davon 6.000 Samples genetisch beproben und genauer untersuchen. Aus genetischer Sicht ist HistoGenes ein Durchbruch, weil nie zuvor ein Projekt mit so vielen Proben alter DNA durchgeführt wurde.

Und zum anderen?

Pohl: Und zum anderen haben wir die Möglichkeit, anhand der unterschiedlichen Quellen herauszufinden, wie die verschiedenen Arten von Information eigentlich zusammenpassen. Denn: Wir arbeiten mit bewährten Methoden der archäologischen und historischen Forschung, genauso wie mit naturwissenschaftlichen Methoden wie der genetischen Analyse und Isotopenanalyse, um die Bevölkerungsgeschichte einer fernen Zeit aus allen Richtungen zu beleuchten. Sozusagen: das Beste aus allen Fächern.

Die Proben werden genetisch nach den neuesten Methoden analysiert, dabei werden auch Pathogene gescreent. So kann man beispielsweise sehen, ob noch Pesterreger in diesen Knochen feststellbar sind.

Wie muss man sich die Untersuchung der genetischen Proben vorstellen?

Pohl: Unser Prinzip ist, nicht aus hunderten Gräberfelder ein paar Proben zu nehmen, sondern wir beproben ganze Gräberfelder, um vergangene Gemeinschaften besser zu verstehen. Die Proben werden genetisch nach den neuesten Methoden analysiert, dabei werden auch Pathogene gescreent. So kann man beispielsweise sehen, ob noch Pesterreger in diesen Knochen feststellbar sind. Mittels Isotopenanalyse kann man herausfinden, ob die Leute zugewandert sind oder in diesem Gebiet geboren wurden.

Und wo kommen Anthropologie, Archäologie und Geschichte ins Spiel?

Pohl: Die Physische Anthropologie gibt über Ernährungsgewohnheiten Auskunft. Und man kann die Beanspruchung von Gelenken untersuchen, Kampfverletzungen aufspüren, um so Erkenntnisse über die Lebensweise zu erhalten. Archäologisch werden die Datierungen überprüft, die verschiedenen Lebensweisen werden auch anhand verschiedener Objekttypen analysiert, wie etwa die Steigbügel, die die Awaren nach Europa gebracht haben. Und schließlich setzen wir die Ergebnisse in Bezug zu dem, was wir aus schriftlichen Quellen über die Zeit wissen. Schriftlich werden viele Völker in diesem Raum bezeugt: Das reicht von Hunnen, Goten, Sueben, Gepiden über Langobarden, Awaren und Slawen zu Franken und Bayern.

Archäogenetik ist noch ein relativ neues Forschungsfeld. Wie ist der Blick des Historikers auf genetische Daten?

Pohl: Die beiden am Projekt beteiligten Historiker, Patrik Geary und ich, haben unabhängig voneinander die Entstehung der Archäogenetik seit den 1990er Jahren verfolgt – mit Interesse, aber auch mit Besorgnis: Was, wenn biologische Deutungen menschlicher Zugehörigkeiten sich wieder durchsetzen? Es wurde klar, dass Genetiker/innen sich bei historischen Deutungen nicht auf dem Forschungsstand bewegen. Umgekehrt können Historiker/innen schwer die Komplexität genetischer Methoden durchdringen. Bei HistoGenes hingegen wirken alle beteiligten Disziplinen bei Planung und Interpretation der genetischen Analysen zusammen. Das Projekt hat dadurch auch eine große methodische Bedeutung, weil derartiges bisher noch nicht gemacht wurde.

Wenn es gelingt, sichtbar zu machen, dass Zugehörigkeit zu einem Volk nicht biologisch determiniert, sondern historisch und kulturell gewachsen ist, dann hat das Projekt etwas Wesentliches erreicht.

Wie groß ist das Team, das an HistoGenes arbeitet?

Pohl: Es gibt vier Hauptinstitutionen: der Genetiker Johannes Krause am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, der Archäologe Tivadar Vida an der Universität Budapest, der Historiker Patrick Geary am Institute for Advanced Study in Princeton und ich als Historiker und koordinierender Projektleiter. Allein in Wien sind drei Disziplinen beteiligt. Die Projektkoordination und die Archäologie wird an der ÖAW gemacht. An der Universität Wien ist mein historischer Projektteil angesiedelt, das Naturhistorische Museum untersucht die Skelette. Es gibt ferner ein Team an Populationsgenetiker/innen an der Stony Brook University in New York, und ein Team in Mannheim, wo C14- und Isotopenanalysen Thema sind. Dazu kommt ein ganzes Netzwerk von Forscher/innen, mit denen wir zusammenarbeiten. Dreh- und Angelpunkt des Projekts ist aber Wien.

Und was könnte man aus der Erforschung der Lebensumstände vor 1.500 Jahren für die Gegenwart mitnehmen?

Pohl: In der jüngeren Geschichte wissen wir natürlich, dass es immer wieder Wanderungsbewegungen gegeben hat und Völker sich neu zusammengesetzt haben. Aber das ist im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch nicht angekommen. Dabei würde ein Blick ins Wiener Telefonbuch genügen. In vielen Ländern haben sich wieder nationalistische Strömungen verbreitet, die versuchen die Besonderheit des eigenen Volkes oder der eigenen Nation aus irgendeiner genetischen Gemeinsamkeit in ferner Vergangenheit zu begründen. Anhand dubioser „rassischer“ Merkmale zu entscheiden, wer dazugehört und wer nicht, hat schon einmal in der Geschichte viel Schaden angerichtet. Wenn es mit dem Projekt gelingt, im öffentlichen Bewusstsein sichtbar zu machen, dass Zugehörigkeit zu einem Volk oder sonstigen Gruppen nicht biologisch determiniert, sondern historisch und kulturell gewachsen ist, dann hat das Projekt nicht nur für die Erforschung des Mittelalters, sondern auch allgemein etwas Wesentliches beigetragen.

 

Walter Pohl ist Professor am Institut für Österreichische Geschichtsforschung der Universität Wien, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW und wirkliches Mitglied der Akademie.

Das Projekt „HistoGenes“ (Integrating genetic, archaeological and historical perspectives on Eastern Central Europe, 400-900 AD) wird durch einen Synergy Grant des ERC unterstützt und wurde am 18. Februar 2020 an der Universität Wien präsentiert (Sky Lounge, Oskar-Morgenstern-Platz 1, 1090 Wien).

Informationen zum Projekt

Präsentation des Projekts