08.08.2016

DIE BRETTER, DIE DIE WELT ABBILDEN

Sommerserie Young Academics: Katharina Wessely holt Schauspieler/innen der Habsburgermonarchie noch einmal vor den Vorhang. Die ÖAW-Theaterwissenschaftlerin untersucht die Lebenswege von Bühnenlegenden der damaligen Zeit.

© Klaus Pichler / ÖAW

„Ich habe bei dem Projekt oft das Gefühl, ich könnte das Wort ‚Schauspieler‘ durch ‚Wissenschaftler‘ ersetzen“, berichtet die Theaterwissenschaftlerin Katharina Wessely über die ersten Eindrücke von ihren Forschungsergebnissen. Die Forscherin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) untersucht im Rahmen ihres Post-Doc-Projekts „Zwischen Provinz und Metropole“ die Theaterlandschaft der Habsburgermonarchie und ihrer Nachfolgestaaten im 19. und 20. Jahrhundert. In den Memoiren von über 30 Schauspieler/innen, darunter auch die von Bühnenlegenden wie Paul Hörbiger oder Gusti Wolf, analysiert Wessely deren Karriereweg, der häufig an Provinztheatern begann und mit wachsendem Erfolg auf die großen Bühnen der Großstädte führte.

Der Schauspielerberuf als Berufung

Die Parallelen zwischen dem Schauspieler- und Wissenschaftlerberuf kamen Wessely dabei nicht nur wegen den hohen Anforderungen an Mobilität und Arbeitsengagement in den Sinn. Auch der Aspekt der „Berufung“ spielt in beiden Professionen eine große Rolle. Es sei für die Ausübenden nicht einfach ein Brotberuf wie jeder andere, sondern eine Lebensaufgabe, die untrennbar mit der eigenen Identität verbunden sei: „In beinahe jeder Lebenserinnerung, die ich studiert habe, gibt es ein sogenanntes ‚Erweckungserlebnis‘ zur Schauspielkunst“, sagt Wessely. So habe der große österreichische Theatermann Fritz Kortner beispielsweise seinen Lebensweg erkannt als er Joseph Kainz, Hofschauspieler von Ludwig II., das erste Mal auf der Bühne gesehen hatte: „Er war vollkommen erschüttert und wurde am gleichen Abend noch von einem Fieberwahn gepackt, an dessen Ende er unwiderruflich erkennen musste: Er muss auf der Bühne stehen“, erzählt Wessely.

Geschichte aus Insiderquellen

„Die Autobiographien von Schauspieler/innen enthalten unglaublich viele solcher unterhaltsamen Anekdoten“, sagt Katharina Wessely. Das hätte in der Forschung allerdings dazu geführt, dass sie als Quellentexte für die Theatergeschichte größtenteils ignoriert wurden, weil sie als unzuverlässig galten. „Sicherlich geht es in den Biographien vor allem um Selbstdarstellung, die vom tatsächlichen Geschehen abweichen kann. Aber gerade deswegen sind sie interessant“, betont Wessely. „Es gibt so viele spannende Autobiographien von Schauspieler/innen. Und deren Erforschung ist noch ein echtes Desiderat“, so die 41-jährige. Dabei seien sie für die Wissenschaft ein echter Informationsschatz.

Wenn man die Autobiographien der unsicheren Faktenlage wegen als unbrauchbar erachtet, hätte man einfach nur die falschen Fragen gestellt, meint Wessely: „Ich interessiere mich für die Memoiren nicht als historische Tatsachenberichte, sondern lese sie als Dokument einer persönlichen Identitätsfindung. Mich interessiert, wie die Schauspieler/innen sich in ihren Autobiographien als Künstler/innen erfinden, welche Gemeinsamkeiten es zwischen den autobiographischen Texten in Bezug auf die Inszenierung als Schauspieler/innen gibt und was das letzten Endes über die Identitätskonstruktion eines ganzen Berufsstandes aussagt“, erklärt die gebürtige Wienerin.

Kulturgeschichte durch die Linse des Theaters

Wessely selbst ist über den Umweg der Geschichte zur Theaterwissenschaft gekommen. Denn letzteres war im Studium ursprünglich ihr Nebenfach „In der Geschichtswissenschaft gab es viele Epochen, die mich einfach nicht interessiert haben. Ich wollte immer hinter die Großereignisse der Geschichtsschreibung schauen und die Kultur einer Epoche in ihrer tagtäglichen Ausprägung verstehen.“ Zeitgeschichte von innen heraus zu untersuchen, nicht nur auf historische Großereignisse zu blicken, sondern darauf, wie sich kulturelle Tendenzen ausprägen und verändern, war bei Wessely also bereits am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere angelegt.

„Kultur ist kein statisches, sondern ein dynamisches und fluides Gebilde. Und mir ist es ein Anliegen sie durch die Linse des Theaters zu untersuchen.“ Mit diesem Ansatz zeigt sich dann etwa, dass die Autobiographien der Schauspieler/innen nicht nur die Geschichte ihrer persönlichen und künstlerischen Entwicklung widerspiegeln, sondern gleichzeitig auch eine Rekonstruktion der Theaterlandschaft der HabsburgermonarchieZentraleuropas erlauben. Die Bretter, die die Welt bedeuten, bilden die Welt also auch ein Stück weit ab. Man muss nur hinter die Kulissen blicken.