13.11.2019

Der Wert des Glücks

Der Ökonom Paul Frijters erforscht Glücklichsein als gesellschaftliche Größe. Auf Einladung von ÖAW-Demograph/innen erklärte der „happiness professor“ bei einer internationalen Konferenz in Wien, wie Staaten ihre Bürger/innen glücklicher machen könnten.

© Unsplash/Melissa Askew

Paul Frijters sucht das Glück – oder genauer: er untersucht das Glücklichsein und dessen politische, soziale und wirtschaftliche Implikationen. Am 12. November 2019 war der Ökonom zu Gast in Wien, um bei der internationalen Konferenz „Demographic Aspects of Human Wellbeing“, mitveranstaltet vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), von seinen Forschungsarbeiten und Erkenntnissen in Sachen Glück zu berichten. Soviel vorab: Glück lässt sich messen.

Wie misst ein Ökonom Glücksgefühle?

Paul Frijters: Für mich ist der Indikator die Zufriedenheit, genauer gesagt die Antwort auf die Frage „Wie zufrieden sind Sie derzeit insgesamt mit ihrem Leben”. Die Skala reicht von 0 bis 10.

Was brauchen Menschen zum Glücklichsein?

Frijters: Als erstes müssen sie sich zugestehen, glücklich sein zu dürfen. Dann können sie sich dazu entscheiden, gute Freunde für sich selbst und andere zu werden.

Der Fokus sollte weggehen von materiellem Erfolg. Stattdessen sollten wir vermitteln, wie man gesund lebt und ein guter Freund und Bürger wird. 

Was können Regierungen tun, um das subjektive Glücksgefühl ihrer Bürger/innen zu verbessern?

Frijters: Kognitive Verhaltenstherapien für Menschen mit Depressionen oder Angstzuständen wäre ein guter Start. Ein höherer Stellenwert für Selbstlosigkeit in Firmen und Schulen würde ebenfalls helfen. Zudem sollten Bildungseinrichtungen sich auch darauf konzentrieren, dass Kinder lernen, wie Beziehungen zwischen Menschen funktionieren. Das heißt, dass der Fokus weg von materiellem Erfolg gehen sollte. Stattdessen sollten wir vermitteln, wie man gesund lebt und ein guter Freund und Bürger wird. Medien und Regierungen können helfen, indem sie sich besser überlegen, welchen Entwicklungen sie Beachtung schenken. 

Warum ist das Bruttoinlandsprodukt ein schlechter Indikator für Wohlbefinden?

Frijters: Weil es externe Effekte wie Haushaltsarbeit, die Umwelt, Beziehungen und andere Dinge, denen Menschen großen Wert beimessen, nicht berücksichtigt. Das Bruttoinlandsprodukt ist ein Maß für Aktivität, aber nicht für gesellschaftlichen Wert. Der Ansatz stammt aus den 1940er-Jahren, als Ökonomen feststellen wollten, wie viel militärisches Potenzial in einer Gesellschaft steckt. Das lässt sich mit dem Bruttoinlandsprodukt tatsächlich messen. Für das langfristige Ziel, festzulegen, wie wir leben wollen, ist der Indikator aber nicht sehr nützlich.

Das Bruttoinlandsprodukt ist ein schlechter Indikator für Wohlbefinden. Es ist ein Maß für Aktivität, aber nicht für gesellschaftlichen Wert.

Welche Auswirkungen hat gesellschaftliche Ungleichheit auf das Glücklichsein?

Frijters: Sichtbare Ungleichheit ist nicht förderlich. Unsichtbare Ungleichheit, wie wir sie in reichen Ländern wie Dänemark beobachten können, hat hingegen keine negativen Auswirkungen. Es geht also um sichtbare Ungleichheit. 

Menschen können ihr Leben heute über soziale Medien mit den fiktiven Leben vergleichen, die andere auf sozialen Medien präsentieren. Wie relativ ist Glücklichsein?

Frijters: Es stimmt, Glücklichsein hat viel damit zu tun, wie wir im Vergleich zu anderen Menschen dastehen. Aber jeder kann entscheiden, an welchen Rennen er sich beteiligen will, und die Gesellschaft kann mitbestimmen, was für wichtig erachtet wird. Wir sollten also Rennen veranstalten, deren Ziel es ist, gute Bürger und Freunde zu sein, statt ein größeres Haus zu besitzen.

 

Auf einen Blick

Paul Frijters studierte Ökonometrie – ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften, das die ökonomische Theorie sowie mathematische Methoden und statistische Daten zusammenführt – an der niederländischen Universität Groningen. Seine Promotion absolvierte er an der Universität Amsterdam. Er forschte u.a. an der Australian National University und der University of Queensland. Derzeit ist er am Centre for Economic Performance der London School of Economics.

„Demographic Aspects of Human Wellbeing“ lautete der Titel der Konferenz bei der Paul Frijters zu Gast war und die in Kooperation mit dem Institut für Demographie der ÖAW vom 11. bis 12. November 2019 Methoden diskutierte, die das Wohlbefinden im Verlauf der Lebenszeit in einer quantitativen Beziehung zu Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Bildung darstellen können.
 

Website der Konferenz