28.06.2019

DEN RHYTHMUS IM BLUT

Die meisten Menschen tanzen gerne – Papageien auch. ÖAW-Forscherin Marisa Höschele studiert Wellensittiche und sucht dabei nach den Wurzeln der Musikalität.

© Shutterstock
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Chopin, Tango oder Iron Maiden – Musik mag Geschmackssache sein, zweifelsohne aber ist sie ein elementarer Bestandteil der menschlichen Kultur. Allerdings sind wir keineswegs die einzige musikalische Spezies. Frappierende Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Tieren lassen darauf schließen, dass Musikalität bereits in unserer Biologie verankert ist. Marisa Höschele ist am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) den Ursprüngen der Musik auf der Spur. „Indem wir Tiere studieren, können wir herausfinden, welche Aspekte von Musikalität wir mit anderen Spezies gemeinsam haben. Fähigkeiten, über die auch Tiere verfügen, sind vermutlich nicht kulturell determiniert. Das muss eine andere Basis haben“, erklärt die Bioakustikerin.

Was verbindet uns Menschen denn zum Beispiel mit anderen Spezies?

Marisa Höschele: Der Ausdruck von Emotionen durch die Stimmgebung ist ein gutes Beispiel. Tiere klingen anders, je nachdem ob sie aufgeregt sind, ob sie Angst haben, oder ob sie sich wohl fühlen. Beim Menschen ist das genauso. Wir hören, ob jemand Angst hat oder ob er fröhlich ist, selbst wenn wir die Sprache nicht verstehen. Das funktioniert im Übrigen auch zwischen unterschiedlichen Spezies. Unsere Forschungen zeigen, dass Menschen, unabhängig davon welche Muttersprache sie sprechen, in der Lage sind, Stress oder Angst bei Tieren anhand deren Stimmgebung zu erkennen.

Geht es dabei nun um Sprache oder um Musik?

Höschele: Sprache und Musik sind vor allem bei Tieren meistens nicht klar zu trennen. Beides ist letztlich Kommunikation. Sprache und Musik haben außerdem vermutlich gemeinsame Ursprünge. Unsere Forschungen befassen sich also im Grunde mit beidem.

Abgesehen vom Menschen gibt es nur sehr wenige Tiere, die Laute nachmachen und neue Laute lernen können. Hunde etwa bellen immer gleich, selbst wenn sie nie einen anderen Hund gesehen haben.

Welche musikalischen Fähigkeiten sind besonders außergewöhnlich?

Höschele: Abgesehen vom Menschen gibt es nur sehr wenige Tiere, die Laute nachmachen und neue Laute lernen können. Hunde etwa bellen immer gleich, selbst wenn sie nie einen anderen Hund gesehen haben. Soweit wir bisher wissen, sind, außer dem Menschen, nur einige Vogelarten, Wale, Delphine, Fledermäuse und Elefanten in der Lage neue Laute zu lernen. Wir wollen verstehen, warum das so ist und was wir daraus für die menschliche Sprache und Musikalität lernen können.

Was ist mit dem Tanzen? Vor allem Papageien sind ja als Tänzer berühmt.

Höschele: Viele Papageien bewegen ihren Kopf auf und ab, wenn sie füreinander singen. Das sieht dann aus als würden sie tanzen. Wenn sie Musik hören machen sie das auch und bewegen ihren Körper im Takt. Viele andere Tiere können sich nicht zu einem Rhythmus bewegen, oder schaffen das nur durch intensives Training. Bei Papageien hingegen scheint es Teil ihres natürlichen Verhaltens zu sein. Sie gehören zu jenen Tieren, die Menschen in vielen Aspekten ähnlich sind. Die Frage ist also, warum sind sie uns ähnlich?

Um das herauszufinden haben Sie ein Wellensittich-Labor eingerichtet. Was genau passiert dort?

Höschele: Dort untersuchen wir zum Beispiel, wie die Wellensittiche Töne wahrnehmen. Wir trainieren sie darauf, auf verschiedene Geräusche zu reagieren und möchten so herausfinden, welche Geräusche sie als ähnlich empfinden und nach welchen Kriterien sie das entscheiden. Ist es für sich wichtiger ob der Ton hoch oder tief ist? Oder von welchem Instrument der Ton stammt?

Weibliche Wellensittiche zeigen eine klare Vorliebe für Rhythmus. Sie sitzen lange da und hören zu. Die Männchen haben deutlich weniger Interesse am Zuhören.

Außerdem machen wir sogenannte Präferenz-Studien. Dabei können die Tiere aussuchen was sie hören wollen. Wir spielen aus mehreren Lautsprechern unterschiedliche Geräusche, zum Beispiel rhythmischen oder nicht rhythmischen Wellensittichgesang, konsonante oder dissonante Akkorde, und die Tiere entscheiden vor welchem Lautsprecher sie sitzen wollen. Wie wir herausgefunden haben, zeigen die weiblichen Vögel, wie Menschen auch, eine klare Vorliebe für Rhythmus. Weibliche Wellensittiche sitzen lange da und hören zu. Die Männchen haben deutlich weniger Interesse am Zuhören, die würden das wohl lieber selbst machen. Vielleicht weil normalerweise sie es sind, die für die Weibchen singen.

Warum hat es Sie, als gebürtige Kanadierin mit deutschen Wurzeln, für ihre Forschungen nach Wien verschlagen?

Höschele: Hier ist irrsinnig viel los in diesem Forschungsbereich. Wien ist einfach ein guter Platz in der Welt, um zu Biomusikalität zu forschen.  

Forschungsfrage

Podcast: Wenn aus Schall Lärm wird

 

Auf einen Blick

Marisa Höschele studierte Psychologie an der University of Guelph nahe Toronto in Kanada. Ihren PhD absolvierte sie an der University of Alberta. 2013 ging sie als Post-Doc an die Universität Wien. Seit 2018 ist sie am Institut für Schallforschung der ÖAW tätig, wo sie die neue Forschungsgruppe „Musikalität und Bioakustik“ leitet.

Institut für Schallforschung der ÖAW