01.08.2019

Auf der Suche nach verlorenen Ideen

Der Fall der Mauer hat auch die damalige Soziologie überrascht. Stephan Moebius rollt die Geschichte seines Faches auf. Das neue Mitglied der ÖAW will wissen, welche Ideen in der Soziologie in Vergessenheit geraten sind und warum einschneidende Veränderungen in der Gesellschaft manchmal nicht vorausgesehen werden konnten.

©ÖAW

Wir müssen nicht immer alles neu erdenken. Viele Einsichten, Theorien und Gedanken gab es bereits, sie wurden bloß vergessen. Allerdings: „Welche Wirkung eine Idee entfaltet, hängt nicht allein von der Idee ab“, erklärt Stephan Moebius von der Karl-Franzens-Universität Graz. Er ist seit heuer wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften  (ÖAW) und forscht – unter anderem – zur Soziologiegeschichte. Für die ÖAW-Kommission „Geschichte und Philosophie der Wissenschaften“ untersucht er gemeinsam mit seinem Grazer Kollegen Karl Acham insbesondere die Soziologie der Zwischenkriegszeit im deutschsprachigen Raum. Die Ergebnisse seiner Studien bergen so manche Überraschung – im Hinblick auf Verlorenes aber auch Unvorhersehbares.

Sie befassen sich im Moment intensiv mit der Soziologie der Zwischenkriegszeit. Was macht ausgerechnet diese Zeit so interessant?

Stephan Moebius: Das Spannende daran ist, dass wir darüber noch recht wenig wissen, es gibt bisher kaum Forschungen dazu. Dabei war gerade diese Zeit eine ganz wesentliche in der Entwicklung der Soziologie. Sie wurde damals, unter zum Teil durchaus heftigen Kontroversen, als eigene Fachdisziplin etabliert, aber auch institutionalisiert. Es wurden also erste Lehrstühle für Soziologie an Universitäten im deutschsprachigen Raum eingerichtet.

Die Soziologie wurde in der Zwischenkriegszeit, unter zum Teil durchaus heftigen Kontroversen, als eigene Fachdisziplin etabliert.

Welche Entdeckungen konnten Sie bei Ihren Untersuchungen bisher machen?

Moebius: Wir sind selbst ganz erstaunt, was es zu dieser Zeit schon alles gab. Wie viele Denkansätze und Denkströmungen wir bei unseren Recherchen finden, die nach 1945 dann wieder in Vergessenheit geraten sind. Damals, also nach 1945, setzte sich, auch forciert durch die amerikanische „Reeducation“, eine sehr empirische Ausrichtung der Soziologie durch. Man wollte die Einstellungen der Deutschen und Österreicher erforschen. Dabei gerieten aber viele Ansätze und Fragestellungen der Zwischenkriegszeit in Vergessenheit. Heute sind wir überrascht, was damals zum Beispiel an Wirtschaftssoziologie, Rechtssoziologie oder politischer Soziologie bereits existierte. Das machen wir wieder sichtbar. Wir wollen zeigen, welch breites Spektrum an Soziologie es damals schon gab.

Soziologiegeschichte bedeutet für Sie mehr als nur reine Ideengeschichte. Auch Soziologie findet ja in der Gesellschaft statt und nicht außerhalb von ihr…

Moebius: Soziologiegeschichte mit soziologischen und ideengeschichtlichen Methoden zu betreiben heißt auch, dass der gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Kontext, in dem sich eine Disziplin entwickelt, unbedingt mitberücksichtigt werden muss. Wie prägten diese Prozesse die Wissenschaft? Welche Gesellschaft konstruierten sich die Soziolog/innen zu ihrer Zeit? Auch gesellschaftliche Machtmechanismen spielen eine wesentliche Rolle dabei, welche Wirkung eine Idee entfaltet, ob und wie sie sich verbreitet oder nicht. Die Entwicklung nach 1945 ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür.

Auch gesellschaftliche Machtmechanismen spielen eine wesentliche Rolle dabei, welche Wirkung eine Idee entfaltet, ob und wie sie sich verbreitet oder nicht.

Worauf basieren Ihre Forschungen, was sind Ihre Quellen?

Moebius: Für die Grundlagenforschungen zur Zwischenkriegszeit analysieren wir unterschiedliche Texte wie Bücher, Artikel, Vorträge und Briefe. Ein anderer meiner Forschungsschwerpunkte ist die Soziologie nach 1990, also nach dem Kalten Krieg und dem Fall der Mauer. Dazu führe ich, gemeinsam mit Kolleg/innen, auch Interviews. Wir befragen ältere Soziolog/innen über ihren akademischen Lebensweg und darüber wie sie diese Zeit erfahren haben.

Wie haben diese Soziolog/innen denn die Wende erlebt?

Moebius: Es hat sie alle überrascht. Wir stellen in den Interviews immer auch die Frage: „Was war für Sie als Soziologe oder Soziologin – die sich ja sehr gut mit gesellschaftlichen Prozessen auskennen – das Überraschendste?“ Und alle haben gesagt: „Der Fall der Mauer.“ Das konnte man nicht vorhersehen. Wie die Ökonomen die Finanzkrise nicht vorhergesehen haben, konnten die Soziologen das Ausmaß des gesellschaftlichen Transformationsprozesses um 1989 nicht vorhersehen.

Wie die Ökonomen die Finanzkrise nicht vorhergesehen haben, konnten die Soziologen das Ausmaß des gesellschaftlichen Transformationsprozesses um 1989 nicht vorhersehen.

Was lehren uns Ihre Forschungen für die Gegenwart?

Moebius: Sie helfen uns, die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und der Welt, die sie erforscht, besser zu verstehen und kritisch zu reflektieren. Es ist wichtig, uns klarzumachen, dass auch die Wissenschaft ein sozialer Prozess ist. Auch die Soziologie ist eben Teil der Gesellschaft, über die sie forscht. Außerdem lernen wir, was an Theorien und Methoden wie und warum vergessen wurde, aber vielleicht in Zukunft wieder wichtig werden könnte. Daraus können wir uns neue und wesentliche Erkenntnisse für die Gegenwart erschließen.

 

AUF EINEN BLICK

Stephan Moebius ist Professor für Soziologische Theorie und Ideengeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz. Er studierte Soziologie und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen, wo er im Fach Soziologie auch promovierte und sich habilitierte. Nach Professuren u.a. an der Universität Konstanz und der Universität Erfurt folgte er 2009 einem Ruf nach Graz. Er ist Mitglied der Deutschen und der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie und seit 2019 wirkliches Mitglied der ÖAW.

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