27.01.2016

Antike Welt Afghanistans

Wie entschlüsselt man die Ikonographie einer Münze aus dem antiken Afghanistan? Der französische Altertumsforscher Frantz Grenet über Fundstätten, Königslegenden und Archäologie in einem kriegsgeplagten Land.


Spätestens seit 9/11 steht Afghanistan im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Welt. Es wird zumeist als ein zerissenes Land wahrgenommen, geprägt von Stammeskämpfen, Taliban und „Krieg gegen den Terror“. Doch es gibt auch eine andere Seite der Münze: Das Land hat eine jahrtausendealte Geschichte, die reich an Legenden und Erzählungen ist, es war Kreuzungspunkt vieler antiker Kulturen, die bedeutende archäologische Spuren hinterlassen haben. Und es sind besonders die sprichwörtlichen Münzen, anhand derer sich die Vergangenheit Afghanistans heute rekonstruieren lässt.

Aktuelle Forschungen zur faszinierenden Kulturgeschichte Afghanistans in der Antike standen auch im Mittelpunkt der Tagung „Moving Borders“, die kürzlich an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) stattfand. Organisiert vom Numismatiker und Vizepräsidenten der ÖAW, Michael Alram, und in Kooperation mit dem Zentrum für Interdisziplinäre Forschung und Dokumentation von Inner- und Südasiatischer Kulturgeschichte (CIRDIS), versammelte die Tagung internationale Expert/innen aus Archäologie, Kunstgeschichte und Numismatik in Wien.

Einer dieser Experten war der Historiker Frantz Grenet vom Collège de France, der zwei Vorträge an der ÖAW hielt. Er forscht seit Jahrzehnten in Zentralasien und spricht im Interview über die Erforschung der „Münzen von Kabul“, neue Forschungsthemen und alte Legenden.

Sie beziehen sich in Ihrem Vortrag über das antike Reich von Kabul-Zabul auf die „Münzen von Kabul“ als Quellengrundlage für die Deutung der „Legende von König Gesar“, dem großen Nationalepos Zentralasiens. Um welche Münzen handelt es sich dabei und wo befinden sie sich heute?

Die Münzen von Kabul wurden in den 1830er Jahren durch den britischen Archäologen Charles Masson bekannt. Sie stammen von verschiedenen archäologischen Fundstätten in Ost-Afghanistan und Pakistan. Die meisten kommen aus Schatzfunden und gelangten auf den lokalen und internationalen Antiquitätenmarkt. Einer der größten Privatsammler war der italienische Botschafter in Afghanistan während des Zweiten Weltkriegs, Graf Quaroni. Heute hat das Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums Wien wahrscheinlich die weltweit größte Sammlung dieser Münzen.

Mit großer Sicherheit handelt es sich bei dieser Sammlung um die besterforschte durch die Pionierarbeit des langjährigen Obmannes der Numismatischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Robert Göbl, der ihre Herkunft auf die iranischen Hunnen und ihre türkischen Nachfolger zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert n. Chr. zurückführen konnte. Im Nationalmuseum Kabul gab es ebenfalls eine große Sammlung. Ein großer Teil dieser Sammlung ist leider im Krieg verschwunden, aber die meisten Exemplare sind fotografiert und erfasst worden. Es gibt außerdem auch noch Sammlungen in der Bibliothèque Nationale von Paris und im Londoner British Museum sowie eine Privatsammlung in der Schweiz.

Die Münzen sind also über die ganze Welt verstreut. Gibt es Pläne sie zu digitalisieren, um sie über Ländergrenzen hinweg der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

Die Münzen wurden bereits in umfangreichen Katalogen veröffentlicht. Hauptsächlich durch Wissenschaftler der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: Robert Göbl hat die Katalogisierung 1967 begonnen und Michael Alram, Matthias Pfisterer und Klaus Vondrovec haben sie fortgeführt. 2013 gab es außerdem im Wiener Münzkabinett eine umfangreiche Ausstellung unter dem Titel „Das Antlitz der Fremden. Die Münzen der Hunnen und Westtürken in Zentralasien und Indien“, die weitestgehend digitalisiert wurde und online frei zugänglich ist.

Wie entschlüsselt man eigentlich die Ikonographie einer Münze? Können Sie das am Beispiel des Gesar-Epos veranschaulichen?

Als erstes muss man das Epos lesen. Allein das erfordert ein hohes Maß an philologischem Training, weil diese Legenden multilingual geschrieben wurden: Sanskrit verfasst in der altindischen Brahmi Schrift, Pahlavi, Baktrisch, manchmal Arabisch (im Fall von überprägten Münzen). Die Legenden geben Aufschluss darüber, welcher Herrscher eine Münze herausgegeben hat. Und manchmal helfen sie auch dabei die Bilder zu identifizieren. Man muss außerdem ikonographische Parallelen aus einem weiten Umfeld an Kulturen ziehen, weil die Herrscher sehr eklektisch in der Wahl ihrer Religion waren. Ihre Münzen weisen eine bemerkenswerte Kombination aus zoroastrischen, buddhistischen und hinduistischen Symbolen auf.

Was erwarten Sie sich von der Tagung „Moving Borders“?

Ich denke es wird ein sehr fruchtbares Meeting werden, weil einige der besten internationalen Spezialisten aus allen Fachgebieten – Archäolog/inn/en, Numismatiker/innen und Philolog/inn/en – zusammentreffen werden.

Und was sind derzeit die spannendsten Forschungsthemen?

Der Wandel von politischen, religiösen und künstlerischen Trends zwischen Zentralasien nördlich des Amudarja-Flusses, Iran und Indien in der „longue durée“ ist wahrscheinlich eines der spannendsten Themen.

Wie ist momentan die Situation für archäologische Forschungen in Afghanistan?

Das Hauptproblem besteht im Zugang zum Feld. Zwar hat die DAFA, die Délégation Archéologique Française en Afghanistan, noch eine dauerhafte Station in Kabul, aber im Moment sind nur einige wenige Regionen, wie die Umgebung von Kabul oder Bamiyan und Balkh, für Grabungsarbeiten zugänglich und die Situation in der Zukunft ist noch ungewiss.