29.05.2018

Am Kirschbaum des Konfuzius

Der chinesische Philosoph ist auch im Internetzeitalter für seine Weisheiten beliebt. Doch viele davon sind falsch, aus dem Zusammenhang gerissen oder werden politisch instrumentalisiert. Die China-Expertin Anne Cheng war an der ÖAW zu Gast und ist überzeugt: Es wird höchste Zeit Konfuzius wieder in seiner Gesamtheit zu entdecken.

„Konfuzius sagt…“ - das Internet und die sozialen Medien sind voll von Sprüchen, die mit dieser Formel beginnen und dem berühmten chinesischen Philosophen zugeschrieben werden. Allein: Viele davon finden sich gar nicht in den von seinen Schülern überlieferten und über 2.000 Jahre alten Schriften, sagt Anne Cheng.

Und Cheng muss es wissen. Die Sinologin vom Collège de France gilt als eine der größten Expert/innen zu Konfuzius und hat dessen gesammelte Aussprüche ins Französische übersetzt. Am 15. Mai hielt Cheng im Rahmen einer Kooperation mit dem Collège an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) einen Vortrag über Konfuzius, seine Rolle in China und die Rezeptionsgeschichte in Europa.

Im Interview fragt sie sich, wie Konfuzius unsere Gegenwart betrachten würde und ärgert sich, dass sich insbesondere Politiker/innen aller Couleurs scheinbar mühelos Legitimationen am „Zitaten-Kirschbaum“ des Konfuzius zusammenpflücken– ohne sich je mit dessen Gesamtwerk befasst zu haben.

Frau Cheng, wann sind Sie das erste Mal mit der Lehre des Konfuzius in Kontakt gekommen?

Anne Cheng: Das war schon sehr früh: Ich bin als Tochter chinesischer Eltern in Frankreich geboren. Mein Vater arbeitet an der Académie française (Anm.: Francois Cheng ist Schriftsteller, Dichter und Kalligraf) und ich hatte eine humanistische Erziehung: Latein und Altgriechisch. Irgendwann habe ich mich auf meine Wurzeln besonnen, mich mit dem Konfuzianischen Erbe im Imperialismus beschäftigt und die Konfuzianischen Konversationen, die Analekte, ins Französische übersetzt.

Damals waren Sie noch Studentin?

Cheng: Ja – das war meine erste Übersetzungsarbeit. Damals war ich jung und naiv, heute würde ich mich da nicht mehr so einfach drüber trauen. Aber meine Übersetzung wurde gedruckt und wird heute noch verwendet.

Im Moment erleben wir eine Renaissance des Konfuzianismus. In China, aber auch im Rest der Welt. Woran könnte das liegen?

Cheng: In China ist bemerkenswert, dass die gleichen Leute, die heute Konfuzius propagieren, ihn in ihrer Jugend in den 60er- und 70er-Jahren verdammt haben. Diese Staatsmänner waren damals bei den Roten Garden, die alles Traditionelle und vor allem den Konfuzianismus zerstören wollten. Heute stellen sie Konfuzius-Statuen auf.

Und wie ist das im Westen? Kann man die Lehre des Konfuzius – die ja letztlich Hierarchien stützt – auch zu Gunsten des Neoliberalismus auslegen?

Cheng: Wenn man will, kann man seine Lehre als einen Kirschbaum betrachten, von dem man sich nur die Früchte nimmt, die man braucht. Wenn man aber den ganzen Kontext einbezieht, weisen seine Texte in eine ganz andere Richtung. Nähme man Konfuzius wirklich ernst, dann könnte man mit ihm nicht für den Neoliberalismus argumentieren – denn in seinem Denken steht die moralische Pflicht jederzeit über den politischen oder ökonomischen Interessen.

 

 

Konfuzius hat vor 2500 Jahren gelebt. Was, glauben Sie, würde er über unsere Zeit denken, wenn er mit einer Zeitmaschine hierher reiste?

Cheng: Er würde die weltweite Kommunikation nicht gut finden. Das World Wide Web schafft keine echten, haltbaren Bindungen zwischen den Menschen. Es befördert schnell Informationen, ja. Aber es bringt uns einander nicht näher. Eine Ausnahme ist der politische Widerstand, der sich in Zeiten, in denen die demokratischen Grundwerte vom Verfall bedroht sind, im Netz formiert. Das ist eine smarte Verwendungsform des Internet, in diesem Punkt wäre Konfuzius wohl meiner Meinung. Solidarität ist ein Wert, den er hoch gehalten hat.

Und was würde er davon halten, dass seine eigenen Sinnsprüche oft via Facebook geteilt werden?

Cheng: Viele davon sind ja Fake-Zitate! Die findet man in den Analekten gar nicht. – Die kommen zustande, indem irgendwelche Schnipsel aus den Analekten genommen und neu zusammengefügt werden. Das ist das Kirschenpflücken, von dem ich vorher gesprochen habe. Man kann die Analekte in viele Richtungen deuten, so lang man nur Ausschnitte liest. Ich aber denke: Der Gesamttext ist ja gar nicht so umfangreich. Warum lesen die Leute ihn nicht ganz?

Wäre Ihnen das ein Anliegen?

Cheng: Ein amerikanischer Kollege hat seine Studierenden die Analekte lesen lassen. Die meinten: Der Text wirke wie ein überlanger Papierstreifen aus einem Glückskeks (lacht). Aber im Ernst: Konfuzius wurde immer schon von seinen Interpreten instrumentalisiert. Ich zum Beispiel bin der festen Überzeugung, dass er sich mit der heutigen, offiziellen chinesischen Regierungsform keinesfalls identifizieren könnte.