12.04.2019

Römische Zeitkapsel am Meeresgrund

Unweit der spanischen Küste lag über 2000 Jahre unentdeckt ein römisches Handelsschiff. Nun wird die Fracht schrittweise geborgen. ÖAW-Archäologe Horacio Gonzalez Cesteros freut sich über hunderte original-versiegelter Gefäße, die ihm einiges über die Essgewohnheiten im Römischen Reich verraten.

Unterwasseraufnahme der Amphoren des gesunkenen Schiffs. © ÖAW/ÖAI/H. Gonzalez

46 Meter tief muss man tauchen. Dann gelangt man zu einem Schiffwrack, das knapp ein Jahrhundert vor Christi Geburt an einem rauen Abschnitt vor Spaniens Mittelmeerküste gesunken ist. Mit dem Schiff untergegangen sind auch rund 1.000 Amphoren oder, wie der Archäologe Horacio González Cesteros sie nennt: „Zeitkapseln“.

Der Spanier, der am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht, ist Experte für antike Keramik. Er untersucht aktuell die am Meeresgrund entdeckten Amphoren und ihre Geschichte. Im Interview spricht er über das vermutliche Reiseziel des Schiffes, darüber wie man empfindliche historische Gefäße untersucht – und erzählt, wie Fischsauce nach einem zweitausend Jahre alten Rezept schmeckt.

2.050 Jahre lag es unberührt im Meer. Wie kam es, dass man das Wrack, dessen Ladung Sie im Moment mit einem internationalen Forscherteam untersuchen, 2017 fand?

Horacio González Cesteros: Der Fundort vor der Küste der katalanischen Provinz Girona ist ein rauer, felsiger Abschnitt. In den siebziger Jahren hat man in der Nähe schon einmal ein Wrack entdeckt und es „Iles Formigues I“ genannt. Dieser Fund war auch den örtlichen Fischern zu verdanken, die meinen Kolleg/innen Hinweise gegeben haben, dass ein Kilometer vor der Küste noch etwas liegt. 2018 haben Taucher vom CASC – Centre d'Arqueologia Subaquàtica de Catalunya dann in 46 Metern Tiefe die Amphoren entdeckt.

Wie groß ist das Schiff?

González Cesteros: Es ist 16 bis 20 Meter lang, sechs Meter breit. Und es gibt etwa 1.000 Amphoren an Bord. Das entspricht einem mittelgroßen Schiff. Es stammt aus der frühen Augusteischen Zeit, also aus dem späten ersten Jahrhundert vor Christus.

Haben Sie aus jetziger Sicht schon eine Vermutung, was Ziel und Bedeutung des Schiffes betrifft?

González Cesteros: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wohin das Schiff unterwegs gewesen sein könnte. Am Wahrscheinlichsten ist aber, dass die Fracht für Arelate, das heutige Arles in Südfrankreich, bestimmt war, um von dort mit einem Flussschiff über das Rhônetal nach Lyon zu gelangen. Von dort ging es dann weiter Richtung Rheingrenze, wo Krieg herrschte und wo mindestens sechs oder sieben römische Legionen versorgt werden mussten.

Warum nehmen Sie das an?

González Cesteros: Das Schiff wirkt sehr modern und stammt seinem Bautypus nach nicht von der iberischen Halbinsel, sondern gleicht Schiffen aus Ostia und Puteoli im heutigen Italien. Die Last ist homogen – darum handelt es sich wohl um ein staatliches, offizielles Schiff. Aber das ist bisher natürlich nur eine Vermutung, die noch nicht bestätigt ist.

 

Die Amphoren sind wie Zeitkapseln – man kann entdecken, was transportiert und wo es produziert wurde.

 

Lässt sich der Inhalt der Amphoren noch erkennen?

González Cesteros: Aber ja! Einige sind sogar noch versiegelt. Ihr Inhalt ist unberührt. An Bord des Wracks gibt es drei unterschiedliche Amphorentypen. Alle stammen aus Andalusien, aus der damaligen, römischen Provinz Baetica – und jede hat ihren eigenen Inhalt. Eine enthält zum Beispiel gesalzene Fischstücke oder Fischsauce. Aber alles wissen wir noch nicht. Von den 1.000 Amphoren haben wir erst 18 gehoben und untersucht. Wir planen aber, mindestens zehn von jeder Sorte zu heben.

Wie untersucht man ein Gefäß, das Jahrtausende lang am Meeresboden gelegen ist? Ist es sehr empfindlich?

González Cesteros: Das ist es, darum arbeiten wir mit Salzwassertanks. In solchen Tanks werden die Amphoren vom Meer zum Labor transportiert und dort werden sie wiederum in Salzwassertanks untersucht. Alles wird ausgemessen und gezeichnet. Einige Amphoren sind kaputt. Andere sind wasserdicht versiegelt mit Harz. Die sind für mich wie Zeitkapseln – man kann entdecken, was transportiert und wo es produziert wurde. Manche Menschen mögen denken: Das sind doch nur Gefäße. Für mich aber sind sie ein Teil unserer sozialen und wirtschaftlichen Geschichte.

Was konnten Sie bisher noch in den Amphoren finden?

González Cesteros: In einigen waren Traubenkerne, in anderen Olivenkerne. Es gab ein römisches Produkt namens „Defrutum“ – das war ein Getränk, ähnlich wie Most. Man hat in diesem Most Oliven konserviert.

Haben Sie einmal versucht, diese Mischung „nachzukochen“ und zu kosten?

González Cesteros: Ich nicht. Aber meine spanischen Kolleg/innen haben die Fischsauce nach römischem Rezept nachgekocht.

Und schmeckt sie?

González Cesteros: Naja. Sie ist sehr salzig. Kolleg/innen aus Frankreich haben auch den Wein untersucht. Der hat nach der langen Zeit einen hohen Alkoholgehalt. Zwanzig bis dreißig Promille hatte er ja schon ursprünglich, um eine gute Konservierung zu ermöglichen. Man kann ihn trinken, aber man sollte es wie die Römer machen und ihn mit Wasser verdünnen!

 

Wir arbeiten mit Salzwassertanks. In solchen Tanks werden die Amphoren vom Meer zum Labor transportiert und dort werden sie wiederum in Salzwassertanks untersucht.

 

Die Original-Lebensmittel sind rund 2.000 Jahre gelegen – tragen Sie eigentlich einen Mundschutz, wenn Sie die Amphoren öffnen? Sind Früchte und Fisch nicht verdorben?

González Cesteros: Aber nein! 46 Meter unter dem Meeresspiegel, im Dunklen gelegen, das ist wie ein Kühlschrank. Aber verkühlt habe ich mich bei der Untersuchung der Amphoren. In den letzten Wochen bin ich in Girona viele Stunden täglich im Salzwassertank gestanden.

Eine letzte Frage – Stichwort Nachhaltigkeit: Waren die römischen Amphoren eigentlich Mehrwegprodukte? Konnte man sie waschen und wieder verwenden?

González Cesteros: Darüber sind sich die Wissenschaftler nicht ganz einig. Manche meinen, die Amphoren wurden mehrmals verwendet. Ich dagegen glaube, die Amphoren wurden in der Regel nur sekundär wiederverwendet, nicht mehr als Transportgefäße, sondern zum Beispiel als Isoliermaterial, als Latrine oder – zerschlagen – als Bodenbelag. Sie waren ja günstig herzustellen, aus Lehm und Sand. In Rom gibt es einen Hügel, den Monte Testaccio, der ausschließlich aus Amphoren-Scherben besteht – eine frühe Müllhalde für Einweggeschirr, wenn man so will.

 

Horacio González Cesteros ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW. Er studierte Geschichte und Archäologie an der Universität Autónoma de Madrid. Seit 2017 leitet er das Projekt „Byzantinische Amphoren aus Ephesos“ im Rahmen des Lise-Meitner-Programms des Wissenschaftsfonds FWF.

Österreichisches Archäologisches Institut der ÖAW