12.04.2016

Asiens Twitter-Mekka

WhatsApp-Prediger und Online Koran-Lesegruppen: Der ÖAW-Sozialanthropologe Martin Slama erforscht, wie soziale Medien die religiöse Praxis in Indonesien prägen.

Bild: Martin Slama/ÖAW
Muslimische Frauen in Indonesien nach einem Gebetstreffen. Bild: Martin Slama/ÖAW

Indonesien, ein Land mit knapp 240 Millionen Einwohnern. Täglich läuten rund 310 Millionen Handys. Neben dem permanenten Austausch mit Freunden und Familie spielt auch der Islam eine immer wichtigere Rolle bei der Nutzung moderner Kommunikationsmittel, weiß Martin Slama, Forscher am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Seit 2014 untersucht Slama in seinem vom FWF geförderten Forschungsprojekt „Islamic (Inter)Faces of the Internet“, wie das Web und soziale Medien die religiöse Alltagspraxis von Muslim/innen in dem südostasiatischen Land verändern. Ein Thema, das am 14. und 15. April 2016 auch beim Workshop „Social Media and Islamic Practice in Southeast Asia“ mit internationalen Expert/innen diskutiert wird.

Martin Slama im Interview zur indonesischen Hauptstadt Jakarta als Twitter-Hochburg, religiösem Rat via WhatsApp und der Frage, warum vor allem muslimische Frauen von der Nutzung der neuen Medien profitieren.

Man sagt, Jakarta sei die Twitter-Hauptstadt der Welt – stimmt das?

Das wird sogar von den Usern in Jakarta mit Stolz betont. Soziale Medien sind in ganz Indonesien sehr beliebt. Sie werden hier sehr intensiv genutzt – die Menschen verfolgen ständig, was sich so tut. Ob in Jakarta aber tatsächlich täglich am meisten Tweets versendet werden, kann ich nicht sagen.

Warum sind soziale Medien so beliebt?

Jakarta ist eine Stadt mit über neun Millionen Einwohnern, die unglaublich verstaut ist – man braucht ewig, um von A nach B zu kommen. Das macht es tatsächlich schwer, sich „offline“ zu treffen. Zudem gibt es eine starke Mittelschicht, die es sich leisten kann, an dem mobilen Datenverkehr teilzunehmen.

Hinzu kommt, dass in Indonesien verbale Kommunikation nach wie vor eine größere Bedeutung hat als schriftliche Texte. Von indonesischen Intellektuellen wird immer wieder beklagt, dass Indonesien kein Land der Leserinnen und Leser sei. Diese informelle Form des Informationsaustauschs über soziale Medien wie Facebook, WhatsApp und andere Messenger-Programme entspricht gewissermaßen der lokalen Kommunikationskultur, die auch sehr gerne humorvoll gestaltet wird. Wie hier online kommuniziert wird, ist dem verbalen Alltagsgebrauch von Sprache sehr nahe.

Wie ist das im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern – sind hier Twitter und Co. auch so beliebt?

Es ist sicher ähnlich, aber Indonesien ist mit Abstand das größte Land Südostasiens.

Welche Inhalte werden online diskutiert – gibt es Unterschiede zu Österreich?

Es ist insofern anders, als in Indonesien Religion im Alltag – vor allem der Islam – eine viel größere Rolle spielt als in den meisten europäischen Ländern. Das spiegelt sich auch online wider. Zu den populärsten Twitter-Accounts zählen jene von islamischen Predigern. Auf österreichische Verhältnisse umgelegt, wäre das eher ungewöhnlich – hierzulande hat Armin Wolf die meisten Anhänger und nicht Kardinal Schönborn.

Treten die religiösen Autoritäten mit ihren Followern auch in Verbindung und reagieren auf Kommentare und Anfragen?

Naja, es gibt „Celebrity Prediger“, die eine große Anhängerschaft haben. Diese Accounts werden meist professionell verwaltet, da kommt man eher selten in einen persönlichen Dialog.

Es gibt aber auf der anderen Seite – und das ist die Regel – islamische Prediger, die sozusagen ihre kleineren „Gemeinden“ haben, wo man sich kennt und regelmäßig Gebetstreffen veranstaltet. Persönliche Probleme bespricht man dann aber eher privat mit dem Prediger und das erfolgt via SMS, WhatsApp und anderen Kommunikationsprogrammen. Das war früher so nicht möglich.

Nehmen das Männer und Frauen gleichermaßen in Anspruch?

Nein, die meisten, die regelmäßig Gebetstreffen besuchen, sind Frauen aus der Mittelschicht. Das sind Frauen, die Hausangestellte haben und nebenbei zum Beispiel noch ein kleines Geschäft betreiben. Die Treffen finden außerdem meist vormittags statt – da haben sie Zeit, die Kinder sind in der Schule usw. Ihre Männer hingegen sind tagsüber im Büro. Die findet man wiederum eher beim Freitagsgebet, an denen Frauen kaum teilnehmen.

Was hat sich durch die modernen Kommunikationswege in den „Gemeinden“ geändert?

Die Beziehung zwischen den Frauen und den Predigern hat sich dadurch sehr verändert. Ob ein Prediger heute populär ist oder nicht, hängt nicht mehr nur davon ab, wie gut er predigt, sondern auch davon, wie er sich online verhält. Ein guter Prediger beantwortet Anfragen rasch, versteht es, auf die Probleme der Frauen einzugehen, interpretiert die Rolle der Frau in der Öffentlichkeit nicht streng konservativ usw.

Frauen haben so etwas wie die „Macht der Konsumentinnen“: sie bestimmen im Wesentlichen, welcher Prediger auch in weiterer Folge zu den Gebetstreffen eingeladen, weiterempfohlen und dadurch vielleicht sogar überregional bekannt wird und ins Fernsehen kommt. Prediger, die heute nicht online präsent sind oder deren Verhalten in den sozialen Medien nicht den Vorstellungen der Frauen entspricht, haben in dieser religiösen Ökonomie einen großen Wettbewerbsnachteil.

Verändert die religiöse Online-Kommunikation auch das Selbstverständnis der Frauen?

Das würde ich schon sagen. Auch, weil sie in der Folge oft besser über den Islam Bescheid wissen als ihre Ehemänner. Das wird in der indonesischen Gesellschaft in der Regel übrigens positiv bewertet. Probleme, was das religiöse Prestige betrifft, gibt es also weniger zwischen Mann und Frau, sondern eher zwischen den älteren und den jüngeren Predigern. Letztere haben oft nicht die traditionelle Ausbildung wie ihre älteren Kollegen, können aber mit Twitter und Co. besser umgehen, weshalb sie schnell populärer werden. Darüber hinaus kommt es vor, dass jüngere über diese Kommunikationskanäle schnell und vielleicht etwas unüberlegter antworten – dadurch geben sie mitunter Ratschläge, die ein älterer Prediger nie geben würde.

Wo wird das hinführen – wie wird sich die gelebte Religion durch digitale Kommunikation verändern?

Das tut sie schon. Es gibt beispielsweise Online-Koran-Lesegruppen, die sich via WhatsApp organisieren – das gab es früher nicht. Dabei lesen 30 Muslime bzw. Musliminnen – Frauen sind hier meist ebenfalls aktiver – täglich eines der 30 Kapitel des Koran, jede ein anderes für jeden Tag. Auf diese Weise rezitieren sie gemeinsam Tag für Tag den gesamten Koran und jede für sich liest ihn schließlich einmal pro Monat. Das hat einen großen Stellenwert in der islamischen Religionsgemeinschaft, wurde früher aber in dieser Konsequenz nur selten in Indonesien praktiziert.

Heute steckt hinter den Online-Koran-Lesegruppen sogar eine richtig große Bewegung, wo auch immer wieder Großevents mit tausenden Teilnehmer/innen organisiert werden. Dieses Phänomen ist ein Beispiel für den Einfluss sozialer Medien auf das religiöse Leben in Indonesien.

 

Martin Slama ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW. Er hat in mehreren FWF-Projekten und als APART-Stipendiat der ÖAW zu Indonesien geforscht. Sein aktuelles Projekt „Islamic (Inter)Faces of the Internet“ führt er gemeinsam mit der ÖAW-Sozialanthropologin Dayana Parvanova sowie den beiden indonesischen Forscherinnen Fatimah Husein und Eva Nisa durch. Es wird 2017 abgeschlossen.

ÖAW-Institut für Sozialanthropologie

 


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