Mit Jänner 2019 startet ein Projekt zur Aufbereitung und Erschließung des "Korpus Österreichische Dialektaufnahmen im 20. Jahrhundert", das in enger Zusammenarbeit zwischen VaWaDiÖ, dem Phonogrammarchiv und dem SFB "Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption" durchgeführt wird. Im Fokus steht zunächst die Digitalisierung und Metadaten-Anreicherung einer großen Sammlung von Dialektaufnahmen aus dem 20. Jahrhundert, um diese nachhaltig zu speichern und zu archivieren sowie der Wissenschaft und einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen.

Das Korpus


Lebendige Sprachen und ihre Varietäten sind hochdynamische Systeme, die einem ständigen Wandel unterliegen. Einen authentischen Zugang zur gesprochensprachlichen Wirklichkeit älterer Sprach- und Varietätenstufen liefern idealerweise Tonaufnahmen, die zumindest für die letzten 100 Jahre im deutschsprachigen Raum nur in eingeschränktem Maße vorhanden bzw. schwer zugänglich sind.

Am Phonogrammarchiv liegt allerdings ein wahrer Datenschatz, den es zu bergen gilt: In den 1950er bis 1980er Jahren haben verschiedene Sprachwissenschaftler_innen, vor allem unter Leitung von Maria Hornung und Eberhard Kranzmayer, in ganz Österreich Dialektaufnahmen auf Tonband festgehalten. Diese für die österreichische Dialektlandschaft einmaligen Aufnahmen wurden in Kooperation mit dem Phonogrammarchiv (PhA) der ÖAW durchgeführt, wo die Bänder mit den Aufnahmen auch heute noch archiviert sind. Für den deutschsprachigen Raum stellen sie ein einmaliges flächendeckendes historisches Dialektkorpus dar. Insgesamt handelt es sich um etwa 2450 Aufnahmen bzw. rund 520 Stunden Audiomaterial, von dem rund zwei Drittel noch nicht digitalisiert sind. Traditionelle Tonträger wie Wachswalzen oder Tonbänder unterliegen einem natürlichen Verfall: Ist ein Tonträger nicht mehr abspielbar, sind die Aufnahmen für immer verloren. Außerdem sind für diese Tonbänder spezielle Abspielgeräte nötig, die nur mehr in speziellen Einrichtungen, wie eben z. B. dem Phonogrammarchiv funktionsfähig zur Verfügung stehen. Es ist daher unabdingbar, diese vergänglichen Tondokumente zu digitalisieren, um die einmaligen Sprachdaten und ihre Inhalte langfristig zu erhalten und einem breiteren wissenschaftlichen Publikum leicht zur Verfügung zu stellen. Insbesondere durch eine informationstechnologisch wohlüberlegte Metadaten-Beschreibung der Daten, wird auch die Durchsuchbarkeit des Korpus – nicht nur für linguistische Fragestellungen – erleichtert.

Nur durch ein zeitnahes Digitalisieren der Bänder können diese unwiederbringlichen Tondokumente auch für künftige Generationen bewahrt und zugänglich gemacht werden. Obwohl sie von höchstem wissenschaftlichem und soziokulturellem Wert sind, wurde die systematische Auswertung der Aufnahmen bislang dadurch verhindert, dass sie nur auf Tonbändern vorliegen, die spezielle Lagerbedingungen und Abspielgeräte erfordern. Durch die Digitalisierung wird es nun möglich, die Aufnahmen in einem umfangreichen wissenschaftlichen Kontext zu nutzen.

Es handelt sich um Aufnahmen mit höchster wissenschaftlicher, aber auch kultureller und gesellschaftlicher Relevanz. Das Korpus besteht aus den ältesten und geographisch am weitesten reichenden Aufnahmen deutschsprachiger Dialekte in Österreich. Dies zeigt sich auch daran, dass ein Teil der Aufnahmen 2018 (Subkorpus "Tonaufnahmen österreichischer Dialekte 1951-1983") in das „Memory of Austria“-Register der UNESCO aufgenommen wurden. Dieses Subkorpus (etwa 250 h Aufnahmen) steht anfänglich im Fokus der Digitalisierungsbemühungen, hinzu kommen Aufnahmen die teilweise parallel zu den obigen Aufnahmen, teils erst nach 1983 entstanden sind.

Ziel


Durch das Kooperationsprojekt wird ein durchsuchbares Korpus geschaffen, das später auch zu einer Online-Plattform weiterentwickelt werden soll. Diese hat weit über die Grenzen der Archivierung und (germanistischen) Sprachwissenschaft hinaus höchste Relevanz und soll eine optimale Zugänglichkeit des linguistisch wie soziokulturell einmaligen Schatzes für verschiedene Forschungsprojekte gewährleisten.