TUNOCENT

Tunesiens linguistische Terra incognita

TUNOCENT strebt eine linguistische Analyse der nordwest- und zentraltunesischen arabischen Dialekte an, eines Gebietes, das in etwa den Provinzen Jendouba, Beja, Kef, Siliana, Kasserine, Sidi Bouzid und Gafsa entspricht. Ähnliche sozio-linguistische (Dialekte beduinischen Typs), sozio-historische (z.B. Halbnomadismus und Sesshaftwerdung) und sozio-ökonomische Entwicklungen (relativ schwache Wirtschaft, hohe Arbeitslosigkeit und Abwanderungsrate), ebenso wie topographische und geographische Gegebenheiten (vorherrschende Gebirgsregion) sind Faktoren, die dieses Gebiet in vielerlei Weise prägen.

Vor fast 70 Jahren bezeichnete der berühmte französische Dialektologe W. Marçais diese Region als Terra incognita, als linguistisch völlig unbekannt, eine Beschreibung, die auch im Jahr 2019 noch gilt. Er attestiert der ganzen Region Beduinendialekte, ein Ausdruck, der nichts über die heutige Lebensweise ihrer SprecherInnen aussagt, sondern einen Typ von Dialekten bezeichnet, der sich durch bestimmte Charakteristika von den sogenannten Ansässigendialekten unterscheidet. Nach W. Marçais gibt es innerhalb dieser Beduinendialekte eine weitere grobe Unterscheidung in zwei große Gruppen, nämlich H- (Hilal) und S- (Sulaym) Dialekte.

In mehreren intensiven Feldforschungskampagnen werden die sprachlichen Daten, die den Grundstein für die linguistische Untersuchung bilden, mittels Fragebögen und qualitativer Interviews erhoben und gesammelt. Sie werden in der Folge mittels philologischer Methoden ausgewertet und analysiert, was zu grammatikalischen Skizzen ausgewählter Dialekte und zu ausführlichen linguistischen Studien zweier Dialekte führen soll. Schließlich wird ein auf diesen Daten basierender intra-dialektaler Vergleich Ähnlichkeiten und Unterschiede aufzeigen, was erstmals eine Einteilung und Klassifikation der nordwest- und zentraltunesischen Dialekte ermöglichen wird, und unter anderem auch zeigen soll, wie „beduinisch“ diese Dialekte tatsächlich (noch) sind.

Neben der linguistischen Analyse des Materials ist der Aufbau eines transkribierten und übersetzten Korpus von ethnographischen und narrativen Texten und Konversationen, die elektronisch durchsuchbar sein werden, ein wichtiger Bestandteil des Projekts.

TUNOCENT baut auf die am ACDH seit mehreren Jahren entwickelte Infrastruktur für die Beforschung arabischer Varietäten auf: Die linguistischen Daten (Fragebögen, Varietätenprofile, Wörterbuchinhalte) werden in VICAV – Vienna Corpus of Arabic Varieties integriert; die Erstellung und Publikation der Sprachdaten und Transkriptionen werden von den Erfahrungen und Entwicklungen des TUNICO-Projekts profitieren. Die im Projekt generierten Daten werden unter einer Open-Access-Lizenz im ACDH-Repositorium ARCHE archiviert.

Dieses Projekt verspricht nicht nur ein Meilenstein in der Erforschung der tunesischen Dialektlandschaft zu werden, sondern auch zu einem besseren Verständnis der komplexen Zusammenhänge mit den algerischen und libyschen Dialekten zu führen und neue Einblicke in die sprachhistorische Entwicklung des zentralen Maghreb zu liefern.