Mittwoch, 22. Januar 2020, 17:38

DU SOLLST NICHT LÜGEN

Erstaufführung eines Sepolcro-Oratoriums von Johann Joseph Fux beim Festival Resonanzen: In Zusammenarbeit mit der Musikpraxis wurde vom Fux-Team an der Abteilung Musikwissenschaft im letzten Jahr eine Edition von Fux’ Oratorium Gesù Cristo negato da Pietro erstellt. Das 1719 für die Karwochen-Feierlichkeiten am Wiener Kaiserhof komponierte Werk wird am 24. Jänner um 20:30 Uhr im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses wieder zum Klingen gebracht.

 

Das renommierte Alte Musik-Festival Resonanzen am Wiener Konzerthaus steht dieses Jahr unter dem Motto „Die Zehn Gebote“. Für das achte Gebot, „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“, wurde ein Sepolcro von Johann Joseph Fux (ca. 1660–1741) ausgewählt, das die Verleugnung Christi durch den Apostel Petrus thematisiert: Das vom Hofpoeten Pietro Pariati (1665–1733) geschriebene Libretto zu Gesù Cristo negato da Pietro reflektiert die Gefangennahme Jesu, das Verhör vor dem Hohen Rat und die dreimalige Verleugnung, die den emotionalen Mittelpunkt der Handlung bildet.

Neben Christus, Petrus und der Magd des Caiphas (Ballila) dramatisieren und kommentieren allegorische Figuren das Geschehen: die göttliche Liebe, die sündige Menschheit sowie der personifizierte jüdische Hass, der zeittypisch und in Anlehnung an die Evangelien nicht im modernen Sinne antisemitisch, sondern als Vertreter der gegen Christus aufgebrachten Volksmenge zu verstehen ist. Petrus schwankt zwischen seiner wiederholt beschworenen Treue zu Christus und seiner Feigheit, diese auch öffentlich zu bekennen – und verkörpert damit eine zutiefst menschliche Unvollkommenheit. Am Schluss steht die tränenreiche Erkenntnis, dass Buße und Reue Erlösung von den Sünden bringen.

Fux beschränkt sich in seiner Vertonung bis auf eine Ausnahme auf eine reine Streicherbesetzung und verzichtet angesichts der Thematik auch in der musikalischen Gestaltung weitgehend auf starke klangliche Effekte. Umso stärker fällt die innige posaunenbegleitete Arie der sündigen Menschheit im zweiten Teil auf, die von einem dramatischen Streicher-Accompagnato eingeleitet wird: Sie wirft Petrus wie der ganzen Menschheit ihre Verfehlungen vor und fordert dazu auf, von Christus Geduld und Demut zu lernen und im richtigen Augenblick recht zu reden statt zu schweigen. Einen noch deutlicheren, mahnenden Bezug zum Publikum – ausschließlich Mitglieder des Wiener Kaiserhofes – stellt der von Fux in den Stimmen ausdifferenziert vertonte Schlusschor her, der vor Anmaßung mahnt und zur Buße aufruft.

Die Aufführung war in höchstem Maße exklusiv, sie fand am Dienstag der Karwoche 1719 vor einem kleinen, hochrangigen Publikum in der Hofburgkappelle vor dem Heiligen Grab statt. Nun wird es erstmals einer größeren Zuhörerschaft präsentiert: Für die Resonanzen 2020 hat sich der Barockspezialist Gunar Letzbor mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria dieses bislang kaum bekannten Werkes angenommen und eine Interpretation auf Basis der Materialien erarbeitet, die an der Fux-Arbeitsstelle an der ÖAW aus den drei zeitgenössischen Abschriften sowie dem Librettodruck erstellt wurden. Die Editionen von Partitur und Aufführungsstimmen werden in der Praxisserie Fux concertato auf www.fux-online.at frei zur Verfügung stehen.

24. Jänner 2020, 20:30 Uhr, Mozartsaal, Konzerthaus Wien: Resonanzen 2020: Die Zehn Gebote, Das VIII. Gebot „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ Radioübertragung am Gründonnerstag, 9. April 2020, 19:30 auf Ö1