Dichtung im späten Byzanz (vom Vierten Kreuzzug bis zum Ende des Kaiserreiches)

(FWF-Projekt T1045-G25, 28.2.2019-27.2.2022)


Gedichte zu verfassen, zu lesen und zu hören, war während der gesamten über 1000-jährigen Geschichte des Byzantinischen Reiches ein wichtiger Teil des kulturellen Ausdrucks. Das Projekt behandelt die Dichtung des späten Byzanz, d. h. von etwa 1204 (der Eroberung Konstantinopels während des 4. Kreuzzuges) bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts (dem Ende des Reiches durch die Eroberung durch die Osmanen). Diese Epoche war geprägt von einer politischen Fragmentierung: Auf dem Gebiet des früheren byzantinischen Reiches entstanden zahlreiche Einzelstaaten, etwa Nikaia in Kleinasien, Trapezunt am Schwarzen Meer oder Epiros in Nordgriechenland. Zusätzlich blieb die byzantinische Kultur in Regionen lebendig, die nicht mehr dem byzantinischen Reich angehörten, etwa im süditalienischen Salento, auf Kreta oder Zypern. Nach der Rückeroberung Konstantinopels durch die Byzantiner 1261 kam es zudem zu einer kulturellen Blüte in der Hauptstadt. Aus all diesen Regionen sind Gedichte überliefert. Sie wurden zu bestimmten Anlässen oder Zeremonien vorgetragen, als Inschriften an Gebäuden und Kunstobjekten festgehalten oder in den literarischen ‚Salons‘ der Gebildeten diskutiert. In Form und Inhalt wurden sie den politischen und sozialen Verhältnissen angepasst. So finden sich Gedichte in byzantinischer Tradition, die einen osmanischen Herrscher loben ebenso wie hochartifizielle Texte in antiken Metren, die nur einem kleinen Kreis von Intellektuellen verständlich waren. Die Produktion und Rezeption von Gedichten war ein bedeutendes Mittel der Identitätsbildung in einer Zeit, in der die politische Situation nicht mehr zur Identifizierung als Byzantiner taugte.

Das Projekt hat drei Ziele: Zunächst wird die literarische Landschaft der Dichtung im späten Byzanz kartographiert. Gedichte sind als Teil einer vernetzten Welt zu verstehen, in denen literarische, soziale und politische Aspekte bei ihrer Komposition eine Rolle spielten. Fast keiner der Autoren dichtete ‚hauptberuflich‘, sondern fast alle übten andere Beschäftigungen aus, bekleideten etwa politische oder kirchliche Ämter oder arbeiteten als Lehrer. Aufbauend auf dieser Übersicht beschäftigen sich Einzelstudien mit Aspekten der Produktion und Rezeption sowie den ästhetischen Qualitäten der Gedichte. Schließlich werden ausgewählte unzugängliche Texte in Editionen veröffentlicht.

Die byzantinische Dichtung hat in den letzten Jahren vermehrt das Interesse der Forschung geweckt. Dies betrifft vor allem die Spätantike bis zum 12. Jahrhundert, zu denen umfassende Studien erschienen sind und die in großen Forschungsprojekten bearbeitet werden. Die Spätzeit wurde weitestgehend außer Acht gelassen. Das Projekt nimmt sich erstmals umfassend dieses Textcorpus an und untersucht die Vielfalt der Formen und Funktionen von Gedichten in einer Zeit politischer Fragmentierung, in der Dichtung als identitätsbildendes Medium verwendet wurde.

Kooperationspartner

  • Prof. Dimiter Angelov, Harvard University
  • Prof. Floris Bernard, University of Ghent
  • Prof. Kristoffel Demoen, University of Ghent
  • Prof. Ivan Drpić, University of Pennsylvania
  • Prof. Niels Gaul, University of Edinburgh
  • Prof. Elizabeth Jeffreys, University of Oxford
  • Prof. Marc Lauxtermann, University of Oxford
  • Dr. Florin Leonte, Palacký University, Olomouc
  • Prof. Claudia Rapp, University of Vienna/Austrian Academy of Sciences
  • Prof. Alexander Riehle, Harvard University
  • Dr. Nikos Zagklas, University of Vienna